„Die Wirtschaft für den Menschen“ – die neue ökonomische Strategie Russlands

Die Wirtschaft für den Menschen“ – die neue ökonomische Strategie Russlands

(Thesen des Moskauer ökonomischen Forums)



In Russland herrschen noch immer die herben Bedingungen einer Systemtransformation. Und – wie es scheint – ist das Ende dieses Übergangs weder morgen noch übermorgen abzusehen. Außerdem ist dies ein Übergang zu einer „Normalität“, die es noch nie gegeben hat. Dennoch gibt es – trotz aller Hindernisse und sogar trotz Rückschritten – noch immer die Chance, dass das Land zu einer Zivilgesellschaft, zu pluralistischer Demokratie und sozialer Marktwirtschaft gelangen wird. Das Wichtigste ist, dass man die Lehren aus der jüngsten Vergangenheit zu ziehen versteht und keine neuen Fehler begeht.

Es kann festgestellt werden, dass die vollzogenen Umgestaltungen eine ganze Reihe positiver Ergebnisse gebracht haben. Deren offensichtliche positive Seite besteht darin, dass die Isolierung des Landes von der Außenwelt überwunden und die Mechanismen der Kommandowirtschaft und des Außenhandelsmonopols demontiert wurden. Das hat dazu geführt, dass der unwürdige Mangel an Waren und Dienstleistungen verschwunden ist und dass sich deren Angebot bedeutend erweitert hat. Mit dem Ende des ideologischen Kampfes für alle möglichen materiellen „Bagatellen“ wurde das Recht der Menschen auf „Annehmlichkeit“ wieder hergestellt. Die vorher eingeschränkte persönliche Initiative konnte sich entfalten. Es entsteht eine Klasse von Unternehmern, denen es oblag, die Grundlagen für das Wohlergehen des Landes zu schaffen. Die Bevölkerung lässt die historisch gewachsenen Komplexe, darauf zu warten, dass sie von anderen versorgt wird, rasch hinter sich. Entgegen allen möglichen Voraussagen haben die Bürger Russlands schnell gelernt, entsprechend den Geboten des „Marktes“ zu denken und zu handeln. Die für die Sowjetordnung typische Gleichmacherei betreffs des persönlichen Einkommens ist überwunden. Auf dem Gebiet der Arbeitsdisziplin und -ethik ist ein sichtbarer Fortschritt zu verzeichnen: Geld zu verdienen macht Sinn, wenn es möglich ist, dafür Waren und Dienstleistungen zu bekommen, die es früher nicht gab.

Weiterhin sei vermerkt: Nachdem 70 Jahre ein prinzipiell anderes Wirtschaftssystem geherrscht hatte, sind im Land recht schnell Strukturen der Marktwirtschaft geschaffen worden die aktiv zu wirken begannen: Kommerzbanken, Waren- und Aktienmärkte, Valutabörsen, qualitativ neue Steuermechanismen, gegen Monopole gerichtete Regulierungen usw.

Dessen ungeachtet wurden jedoch auch Ergebnisse der Marktumgestaltung mit deutlich negativem Vorzeichen sichtbarer, und diese überwiegen deutlich im Vergleich zu den positiven. Hier handelt es sich nicht nur darum, dass das Land in den Jahren der Reformen die Hälfte seines ökonomischen Potentials verloren hat. Noch schlimmer ist, dass es im Lande bisher in keiner Weise gelingt, die Prozesse der primitiven Produktionsgestaltung, der intellektuellen Anspruchslosigkeit der Arbeit und der Degradierung der sozialen Sphäre zum Stillstand zu bringen. Hinzu kommt das Entstehen einer Massenarmut. Diese hat in den Jahren der radikalen Veränderungen durch die Erodierung der in der UdSSR entstandenen Mittelklasse, die im Vergleich mit westlichen Kriterien zwar nicht sehr wohlhabend war, stetig zugenommen. In den letzten zwanzig Jahren hat sich das Land von den angestrebten sozial-ökonomi­schen Normen entwickelter Länder sichtbar entfernt; es hat sich den durchschnittlichen Kennzeichen typischer Länder der „dritten“ Welt mit starker Polarisierung der privaten Einkünfte angenähert.

Verschiedene Berechnungen und Forschungen über die materiellen Bedingungen der Haushalte in Russland zeugen davon, dass die realen Früchte der durchgeführten Umgestaltungen nicht mehr als einem Viertel der Bevölkerung des Landes zu Gute kommen, während die Hälfte seiner Bewohner einen noch härteren Kampf um ihre Existenz führt als zu sowjetischen Zeiten.

Ehrlicherweise muss gesagt werden, dass auf die Ergebnisse der Reformen in unserem Lande immer noch sehr starke objektive Faktoren einwirken, die die Systemtransformation in Russland bedeutend komplizierter gestalten als dies bei unseren früheren RGW-Partnern der Fall ist. Während die Länder Mittel- und Osteuropas 40 Jahre unter sozialistischen Bedingungen gelebt haben und ihnen diese in den meisten Fällen von außen oktroyiert worden waren, hat in Russland über 70 Jahre Sozialismus geherrscht, und zwar – sozusagen – auf eigenem Boden und nicht als ein „Import“produkt. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass Russland – im Unterschied zu den Ländern Mittel- und Osteuropas – den Reformern die Aufgabe oblag, die Systemtransformation unter Bedingungen eines (selbst initiierten) sich schnell vollziehenden Zerfalls eines vorher einheitlichen Staates durchzuführen. Das stark zentralisierte System der Wirtschaft sowie die polyethnische Zusammensetzung der Bevölkerung der früheren UdSSR hat dabei unter den Bedingungen der Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens die Verwirklichung der Ideen der nationalen und wirtschaftlichen Separation – die die Vernunft ökonomischer Zweckmäßigkeit in der Regel ignoriert – wesentlich erleichtert. Von welchen Hoffnungen sich die Führungen der neuen unabhängigen Staaten auch haben leiten lassen (z.B. von dem Gedanken, es werde leichter sein, Reformen durchzuführen, wenn man das „räuberische“ Zentrum los geworden ist), – die Wirklichkeit hat dann jedenfalls gezeigt, dass die Zerreißung des einheitlichen Wirtschaftsraums den Übergang jeder der souveränen Republiken der früheren UdSSR zur Marktwirtschaft nicht erleichtert, sondern erschweret hat. Und dabei bildete Russland keinesfalls eine Ausnahme. Schließlich war auch die die Umgestaltung der Wirtschaft Russlands durch die gewaltige Bürde des hypertrophierten Militär-Industrie-Komplexes zu Beginn der Reformen schwer belastet.

Ungeachtet dessen ist es wohl kaum übertrieben, wenn man feststellt, dass die enttäuschenden Ergebnisse der Systemtransformation in Russland in erster Linie hausgemacht sind und erst in zweiter Linie auf spezifischen ungünstigen Startbedingungen beruhen.

Wurden die Marktreformen in Russland vor zwanzig Jahren unter der Losung begonnen, das Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung und des Lebensniveaus der am weitesten entwickelten Länder zu erreichen, so hat der zwanzigste Jahrestag dieser Reformen gezeigt, dass unser Land hinsichtlich der Produktionsziffern kaum an den Stand der RSFSR von 1991 heranreicht. Mit Berufung auf die Postulate der neoklassischen Orthodoxie wollten uns die Reformer davon überzeugen, dass das von ihnen empfohlene System zu schnellem und stabilem Wachstum der Effektivität führen würde. Doch die Realität hat das nicht bestätigt. Die Folge war, dass die Initiatoren der Reformen zwar ihre Rhetorik gründlich änderten, nicht aber den wesentlichen Inhalt ihrer Vorschläge.

Im zweiten Jahrzehnt wurde diese ökonomische Politik im Wesentlichen fortgesetzt, und die negativen Tendenzen haben sich wenig verändert. Durch die Erhöhung der internationalen Preise für die von Russland exportierten Energieressourcen und andere Rohstoffe wuchs im Land der Zustrom von Valutaeinnahmen, was auf die Wirtschaft belebenden Einfluss hatte. Der Rückgang wurde durch vorwiegend extensiven Zuwachs abgelöst, der nur schwach mit Innovationen in der Produktion und Entwicklung von Humanqualitäten verknüpft war.

Die verlorenen zwei Jahrzehnte hatten zur Folge, dass Russland auf den Weg einer Wirtschaft peripheren Typs abglitt. Dies führte dazu, dass es keine andere Überlebensmöglichkeit gab als die die Bedürfnisse höher entwickelter Ländern zu bedienen. Das ist der Grund, weshalb die Wirtschaft Russlands auf Energie und Rohstoffe orientiert wurde, dass die Effektivität auf ein so niedriges Niveau absank, dass die hochtechnologischen Industriezweige so schwach entwickelt sind und dass Wissenschaft, Bildung, Medizin und überhaupt die Qualität des Lebens zurückblieben. Eine Herauslösung aus diesem negativen Trend im Rahmen des jetzigen Modells der ökonomischen Politik ist unmöglich. Sowohl aus den bedauerlichen Erfahrungen unserer eigenen beiden Jahrzehnte als auch aus den Erfahrungen jener Länder, die ein hohes Tempo des Wirtschaftswachstums aufweisen (China, Vietnam, Indien, Brasilien), ergibt sich für uns die Schlussfolgerung, dass wir ein Wirtschaftsmodell benötigen, das eine Alternative zum neoliberalen darstellt.

Zu diesen Schlussfolgerungen führen auch die Lehren der Weltwirtschaftskrise, die im Jahr 2008 begann. Russland, das sich unter jenen Ländern befand, in denen der kumulative Rückgang der Produktion am höchsten war, hat jedoch keine Lehren aus dieser Krise gezogen. Solche Lehren setzen im Modell der ökonomischen Entwicklung jedoch wesentliche Veränderungen voraus, die ein Abgehen von der Ideologie und der Praxis des „Marktfundamentalismus“ bei unbedingter Beibehaltung sowohl der Prinzipien der Freiheit und Effektivität der ökonomischen Entwicklung als auch der sozialen Gerechtigkeit erforderlich machen. . Die Weltwirtschaft und Russland brauchen eine sozial, humanitär und ökologisch orientierte Entwicklung, die auf der Priorität des realen Sektors beruht. Hauptkriterien des Erfolgs der makroökonomischen Politik müssen nicht nur die quantitativen Parameter des Wachstums des BIP sein, sondern auch eine wesentliche Verbesserung der qualitativen Parameter, die im Index der Entwicklung des Humanpotentials, im Fortschritt der Technologien und in der konsequenten Einhaltung der ökologischen Normen zum Ausdruck kommen.

Zweifellos darf das Entwicklungsmodell in der neuen Epoche – der Epoche der Globalisierung, einer Epoche, die die positiven wie die negativen Seiten sowohl der sozialdemokratischen als auch der neoliberalen Projekte zum Ausdruck gebracht hat –, nicht das Vergangene wiederholen, obgleich es sowohl die positiven wie die negativen Lehren der vergangenen Jahrzehnte berücksichtigen darf und muss.

Unser Ziel ist die Suche nach einem neuen Modell einer sozial und ökologisch orientierten gemischten Wirtschaft, in der sich Markt und gesellschaftliche Regulierung organisch ergänzen und den Fortschritt der Humanqualitäten sowie der technologischen Entwicklung sichern.

Ein solches neues Modell zu finden, ist nicht so einfach und setzt gründliche Diskussionen voraus; und in diesen Dialogen gehen wir von einigen Imperativen aus, die sich auf die Ergebnisse früherer Erfahrungen stützen.

  1. In der Wirtschaft Russlands, die in das globale Wirtschaftssystem adäquat eingebunden ist, können und müssen die Formen des Marktes ihre Rolle als Stimuli des Wachstums der Effektivität und des Neuerertums spielen, aber „die unsichtbare Hand des Marktes“ kann für sich allein im 21. Jahrhundert keine ausgeglichene sozial orientierte Entwicklung gewährleisten. Die Gesellschaft und der ihre Interessen vertretende Staat müssen Moderator einer modernen Wirtschaft sein und kein „Nachtwächter“, der ausschließlich mit der Unterstützung der „Spielregeln“ des freien Marktes befaßt ist. Konkret bedeutet dies, dass die moderne Ökonomie mittel- und langfristige Entwicklungsprogramme und eine indikative Planung benötigt, deren Verwirklichungsmechanismen eine gesellschaftlich-staatliche selektive Regulierung und eine aktive Industriepolitik sind, was dem Staat ermöglicht, mit Hilfe indirekter Methoden und direkten Investitionen auf die Produktion einzuwirken, die Struktur zu vervollkommnen und soziale, humanitäre Prioritäten der Entwicklung der Marktwirtschaft einzuführen und durchzusetzen. Der Anteil des BIP, der von den staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen nach Postmarkt-Kriterien umverteilt wird, darf nicht unter 50% liegen.

  2. Das globale ökonomische System des 21. Jahrhunderts hat sich weit von dem abstrakten Kapitalismusbild entfernt, dem zufolge nur der individuelle Privateigentümer effektiv ist. Die Weltwirtschaft bringt vielfältige Verhältnisse, Formen und Rechte des Eigentums hervor, von transnationalen Korporationen, die sich im Eigentum Hunderttausender physischer und juristischer Personen befinden, bis zu Farmwirtschaften, in denen 3 bis 5 Personen Miteigentümer und zugleich Arbeiter sind; von privatem geistigen Eigentum bis zu Eigentum eines jeden an allem, was zur Regel für viele Informationsnetze (Wikinomik u.a.) wird. Eine aktive Entwicklung ist in der Welt sowohl bei privaten als auch bei öffentlichen Universitäten und Forschungszentren, bei Hochtechnologiebetrieben und allgemein zugänglichen Schulen zu beobachten. In der innovativen Wirtschaft müssen alle Arten und Formen des Eigentums gleichmäßig entwickelt sein: sowohl gesellschaftliche (staatliche, genossenschaftliche, nicht mit der Regierung verbundene) als auch vielfältige private (von großen Korporationen bis zu Familienbetrieben) und gemischte (Betriebe, in denen dort Beschäftige einen Anteil am Eigentum, an der Verwaltung, am Gewinn haben usw.). Eine besonders Erfolg versprechende Form, deren Potential von den Theoretikern und Praktikern noch bei weitem nicht in vollem Maße eingeschätzt wurde, ist die staatlich-private, gesellschaftlich-staatliche und gesellschaftlich-private Partnerschaft. Die innovative Wirtschaft, die auf der Herausbildung und Nutzung des schöpferischen Potentials eines breiten Kreises von Arbeitskräften beruht, setzt voraus, dass Formen ihrer aktiven Einbeziehung in die Tätigkeit von Firmen, ihre Teilnahme an der Leitung und Kontrolle in Unternehmen aller Eigentumsformen und Größen ausfindig gemacht werden. Gesellschaft und Staat müssen kleine und mittlere Unternehmen im realen Wirtschaftssektor, in Wissenschaft, Bildung, Medizin usw. unter Beachtung der Prioritäten unterstützen.

  3. Soziale Gerechtigkeit wird traditionell als Antithese zu wirtschaftlicher Freiheit betrachtet, und die Erfahrungen des vorigen, ja auch des Beginns des jetzigen Jahrhunderts lassen erkennen, dass der Widerspruch zwischen ihnen real ist. Doch wir halten es für möglich, dass jene uns von der internationalen und einheimischen Theorie und Praxis gebotenen Keime einer effektiven Kombination dieser Prinzipien untersucht werden können. Gerechtigkeit ist kein Hindernis, sondern Bedingung für wirtschaftliche Freiheit und Effektivität einer modernen Wirtschaft, unter der Bedingung dass die Steuern nicht das schöpferische Unternehmertum einschränken, sondern die Erträge von Rentiers; dass die sozialen Transfers nicht auf die Reproduktion von sozialem Parasitismus gerichtet ist, sondern auf die Erhöhung und Entwicklung der Humanqualitäten aller Mitglieder der Gesellschaft. Die Umverteilung eines Teils des für parasitären Konsum genutzten Profits zur Schaffung moderner öffentlicher Bildungsstätten, wissenschaftlicher u.a. Einrichtungen ist kein Hemmnis, sondern Quelle der Entwicklung moderner Wirtschaft. Die Grundlage für die Einheit von Gerechtigkeit und Effektivität einer modernen Wirtschaft besteht darin, dass diese die kreativen Fähigkeiten der Mehrheit benötigen und nicht nur einer dünnen Schicht einer „Elite“. Der Weg dazu führt über ein vorwiegend öffentliches kostenloses Gesundheits- und Bildungswesen sowie Kultur; über soziale Verantwortung der Unternehmer und über soziale Partnerschaft; über hohe Progression der Einkommensteuer (bis 50% auf besonders hohe private Einkommen) u.a. Bestandteile des „skandinavischen Modells“. Dieses Modell hat viele Widersprüche und Probleme und kann nicht einfach auf die Bedingungen Russland übernommen werden. Doch die Erfahrungen Brasiliens haben gezeigt, dass die Elemente des Modells auch für Länder mit mittlerem Entwicklungsniveau in Frage kommen. Die Diskussion über die Wege zu einer Belebung dieses Modells, über das Potential, die Grenzen und Formen einer Nutzung in unserem Land – ist eine wichtige Aufgabe, denn seine Prinzipien entsprechen den Besonderheiten der Zivilisation Russlands mehr als der radikale Liberalismus.

  4. Das unaufhaltsame Anwachsen von Finanzspekulationen und -vermittlung hat die Weltwirtschaft bereits in eine Krise geführt, aus der noch kein Ausweg gefunden wurde. Die Einführung der Tobin-Steuer und weiterer Einschränkungen der Finanzspekulationen, die direkte staatliche Unterstützung des realen Sektors und sozialer Programme, die zu wichtigen Bestandteilen der Antikrisenprogramme in China, Brasilien und einer Reihe von Ländern Europas geworden sind, wo sich die Krise bei weitem nicht so schlimm ausgewirkt hat wie in anderen Ländern der Welt – das ist eine mögliche Grundlage für die Erörterung einer Strategie eines Ausweges aus der anhaltenden Depression in unserem Land. Es gilt das kolossale Hinüberfluten des Kapitals in die schlecht kontrollierte Sphäre der sich selbst genügenden Finanzspekulationen einzuschränken, die die Stabilität des Kredit- und Finanzsystems sowie des Kapitalmarktes bedrohen. Dem Gewinnentzug aus derartigen Operationen müssen bestimmte Grenzen gesetzt werden; und dazu müssen Investitionen in die Entwicklung des Humanpotentials Priorität erlangen.

  5. Isolationismus und Einstellen der internationalen Zusammenarbeit sind mit den heutigen Anforderungen der humanitären und technologischen Entwicklung unvereinbar, doch jeder Staat bedarf der Gewährleistung wirtschaftlicher Sicherheit und hat einheitliche gesamtnationale Interessen. Das jetzige Modell der Globalisierung im Allgemeinen und die Regeln der IHO im Besonderen widersprechen in vielem der Verwirklichung dieser Interessen. Das auf den Prinzipien des „Washington Konsens“ beruhende globale Wirtschaftssystem steckt in einer tiefen Krise, und Russland ist in der Lage, neue Prinzipien, räumliche Konfigurationen, Wege und Formen der Integration zu suchen und zu empfehlen, die sich von den gegenwärtig oktroyierten unterscheiden. Die Erforschung dieser Wege und der vorhandenen alternativen Tendenzen ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, ebenso wie auch die Analyse der Ergebnisse und Lehren des Eintritts Russlands in die IHO. Dabei können wir davon ausgehen, dass die Zukunft Russlands nicht eine Einstellung der Integration impliziert, sondern eine Änderung ihrer Regeln auf der Grundlage der Suche von Wegen einer sozial und ökologisch orientierten und regulierten Entwicklung des globalen und der nationalen Wirtschaftssysteme. Ein erster Schritt dazu kann die Verwirklichung neuer Prinzipien der Integration im postsowjetischen Raum werden.

  6. Eine erneuerte sozial orientierte Wirtschaft könnte eine „Wirtschaft für den Menschen“ werden. Ein wichtiger Aspekt der Erforschung dieses Problems ist die Analyse der gesamten Vielschichtigkeit des Systems der menschlichen Werte und der Motive des menschlichen Handelns, das Verlassen der Grenzen des Axioms vom rationalen homo economicus, der sein materielles Wohl, seine monitären Einkünfte maximiert und Arbeit als Belastung betrachtet. Die Suche nach einem neuen Modell der ökonomischen Entwicklung kann im Rahmen eines breiten Spektrums menschlicher Werte und Motive vor sich gehen, denn der arbeitende und kreative Mensch braucht in der modernen Wirtschaft nicht nur Geld und materielle Güter, sondern auch eine interessante, inhaltsreiche Arbeit, die von der Gesellschaft, den Regierenden und den Geschäftskreisen geachtet wird; der Mensch braucht die Möglichkeit zur Realisierung der eigenen Humanqualitäten – in der Arbeit, in der Stadt, im Land, in der Freizeit, die er nicht nur zum Zeitvertreib, sondern auch zu seiner Weiterentwicklung nutzen kann; der Mensch braucht Partnerschaft und Solidarität und nicht nur Konkurrenz in den Beziehungen zu anderen; der Mensch braucht eine garantierte Möglichkeit zu lernen und seine Qualifikation zu erweitern, und auch ein abgesichertes Alter. All dies sind bedeutende Formen sozialer, materieller (wenn auch keine monitären) Stimuli für Arbeit und Innovationen, für Wege „zu neuem Agieren“, die wir alle in der neuen Wirtschaft Russlands suchen müssen.

  7. Das Wirtschaftssystem entwickelt sich stets in enger Wechselwirkung mit der Politik. „Die Wirtschaft für den Menschen“ kann sich nicht ohne Demokratie entwickeln. Hierbei zeigt auch die Praxis entwickelter Länder, Russland eingeschlossen, sowohl positives Potential als auch die Widersprüche und Grenzen der „Demokratie des Steuerzahlers“, wo sich die Eigentümer der größten Finanzressourcen sowie administrativer Strukturen und direkt der Regierung unterstellter bewaffneter Einsatzkräfte [silovye ressourcy] in immer stärkerem Maße als reale Subjekte politischer Beschlussfassung erweisen. In der Wirtschaft, die das kreative Potential der Mehrheit braucht, sind nicht nur traditionelle, sondern auch neue Formen und Rechtsgebilde der Demokratie vonnöten zur Unterstützung der ständig wachsenden Rolle der Bürger und deren freiwilliger Verbände und Netzstrukturen, für direkte Formen der Teilnahme der Bürger in Leitungsebenen, einschließlich solcher, die auf modernen Informations- und Kommunikationstechnologien beruhen.

  8. Parallel zur Entwicklung neuer Formen und Rechtsgebilde der ökonomischen Entwicklung muss schnell und im Vorlauf die Erneuerung der ökonomischen Theorie und Bildung erfolgen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür ist, dass es kein Monopol irgendeiner Schule oder eines bestimmten Programms der ökonomischen Theorie geben darf, dass wirkliche Gleichberechtigung und ein Dialog der Vertreter unterschiedlicher Strömungen und Schulen vorhanden ist. Wir müssen Wege suchen, um das in den letzten Jahrzehnten in den meisten Ländern der Welt und auch in Russland entstandene fast vollständige Monopol der neoklassischen Schule in Wissenschaft und Lehre zu überwinden. Dasselbe betrifft die Suche nach Alternativen zu der wachsenden Expansion des „ökonomischen Imperialismus“, der Übertragung des mathematisierten Apparats der Ekonomics auf andere Gesellschaftswissenschaften. Wir können die Möglichkeiten und das Potential nicht nur des „ökonomischen Imperialismus“ untersuchen, sondern auch die öko-sozio-humanitäre Offenheit sowohl der ökonomischen Theorie als auch der ökonomischen Ausbildung. Eine der wichtigsten Aufgaben der Öffentlichkeit ist es, mögliche Formen der Reformierung der ökonomischen Bildung vorzulegen, damit in den Schulen und Universitäten neben der Neoklassik auch heterodoxe ökonomische Theorien und die politische Ökonomie, und neben der Mathematik die Methodologie und der Apparat unterschiedlicher Gesellschaftswissenschaften wie auch der Philosophie einen gebührenden Platz einnehmen.

  9. Imperative sind nur dann etwas wert, wenn sie sich an ein Subjekt richten, das in der Lage ist, sie zu verwirklichen. Wir schlagen kein Parteiprogramm vor, das sich auf bestimmte Kreise eines Elektorats stützt, sondern empfehlen die Aktivierung eines Dialogs unterschiedlicher Kreise der Zivilgesellschaft, der Intelligenz und der Jugend, um Wege für die Ausarbeitung und Verwirklichung sozial orientierter Modelle einer regulierten Entwicklung der Marktwirtschaft zu suchen. Dieser Dialog steht natürlich einem breiten Kreis potentieller Befürworter und an der Umsetzung interessierter Personen offen. Das sind jene Berufstätigen auf dem Gebiet der materiellen Produktion, der Wissenschaft, des Bildungswesens, der Medizin usw., die ihre Zukunft in gemeinsamer Entwicklung mit dem eigenen Land sehen und nicht auf Kosten Anderer; das sind Geschäftskreise mit sozialer Verantwortung, denen die Zukunft ihres Landes, seiner Kultur und seiner Bürger nicht weniger bedeuten als die Profiterhöhung; das sind Staatsfunktionäre, politische und soziale Organisationen, Bewegungen und Netze, für die die genannten Prioritäten keine populistische Losung darstellen, sondern eine aktuelle praktische Aufgabe, für die sie gearbeitet haben, arbeiten und weiter arbeiten werden. Sie sind es, an die wir Teilnehmer des Moskauer ökonomischen Forums uns mit unserem Anliegen wenden.  

 Der Entwurf wurde auf der Grundlage der Ergebnisse

der Diskussion vorbereitet, die auf der erweiterten

Tagung des Organisations- und des Programmkomitees

des Forums stattgefunden hat.