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Ceauşescu hat vor seinem Sturz auch die Akademie der Wissenschaften aufgelöst

Ceauşescu hat vor seinem Sturz auch die Akademie der Wissenschaften aufgelöst

Roal’d Sagdeev: „Ceauşescu hat vor seinem Sturz auch die Akademie der Wissenschaften aufgelöst“

Der Hauptbeweggrund des Versuchs, die Russländische Akademie der Wissenschaften zu zerschlagen, war die Niederlage von Michail Koval’čuk, des Bruders eines der nächsten Freunde Vladimir Putins, bei der Wahl zum Akademiemitglied

Roal’d Sagdeev, Mitglied der RAdW, ehemaliger Direktor des Moskauer Instituts für kosmische Forschungen, heute Professor der Universität von Maryland, erinnert daran, dass selbst die sowjetische Führung die Akademie der Wissenschaft nicht angetastet hat, da ihr klar war, dass eine Gemeinschaft von Wissenschaftlern ein sich selbst organisierendes System ist und nur innerhalb desselben eine Entwicklung der Wissenschaft möglich ist. Im heutigen Russland ist – nach Ansicht von Sagdeev – der Begriff des Professionalismus überhaupt verloren gegangen. Sagdeev sagt nicht nur der Akademie ein bitteres Ende voraus, sondern auch all jenen, die den Versuch unternehmen, sie unter dem Schein einer Reform zu zerstören.

Eine Reform der Akademie ist erforderlich, doch nicht so, wie sie sich die Beamten ausgedacht haben

— Roal’d Zinnurovič, der Entwurf für eine Reform der Russländischen Akademie der Wissenschaften ist vor etwa zwei Monaten bei der Staatsduma eingegangen. Was ist in dieser Zeit geschehen?

— Ich denke, es war für die offiziellen Kreise sehr unerwartet, dass sich die wissenschaftliche Öffentlichkeit einmütig gegen diese Reform gewandt hat. Und zwar nicht so sehr Akademiemitglieder höheren Alters, als junge, aktiv tätige Wissenschaftler. Und das lässt eine gewisse Hoffnung aufkommen, dass es gelingen wird, der Willkür seitens des Kremls Einhalt zu gebieten. Doch, ehrlich gesagt, ist diese Hoffnung nicht sehr groß.

— Vielleicht sollten wir erst einmal klären, worum sich der Streit eigentlich dreht.

— Beginnen wir damit, was NICHT Gegenstand des Streits ist. Niemand — natürlich auch nicht der bewusste Teil der wissenschaftlichen Öffentlichkeit — streitet darüber, dass eine Reform der Akademie erforderlich ist. Umso mehr, so meine ich, als sie viel besser, viel genauer und gründlicher wissen, was für eine Reform benötigt wird als die Beamten, die im Kreml und im Moskauer Weißen Haus sitzen.

— Kürzlich hat Dr. oec. habil. Epštejn festgestellt, dass es nicht zwei Reformentwürfe gibt, sondern mindestens drei. Und dass die Petersburger Wissenschaftler…

— Ich kenne das Interview von Epštejn. Ich glaube nicht, dass es eine große Kluft gibt zwischen den Versionen der Sankt Petersbuger Wissenschaftler und Wissenschaftlern, die aus anderen wissenschaftlichen Institutionen kommen. Es gibt Diskussionen in Rahmen der breiten wissenschaftlichen Gemeinde. Bald wird in Moskau eine Konferenz wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie stattfinden, dort wird dann auch die Version der Sankt Petersburger Gruppe bekannt gegeben. Ich denke, das wird sich folgendermaßen gruppieren: Es gibt eine administrative, reine Regierungsversion, die man versuchen wird, von oben durchzudrücken. Und es gibt eine Version, die von der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgeschlagen wird, – die Version des Präsidiums der Akademie (die von Fortov kurz bekannt gegeben wurde, und offensichtlich der Staatsduma korrigiert in Form von Vorschlägen und Änderungen zugeschickt wurde), und es sind noch weitere vorhanden. Ja, zwischen diesen Versionen gibt es Unterschiede. Das sind jedoch Nuancen: sie laufen alle darauf hinaus, dass die akademische Gemeinde die Möglichkeit bekommt, selbst eine Variante der Reform zu formulieren und zu empfehlen.

Der Grad des Autoritativen im heutigen Russland übersteigt jenen, den es währens der allerschlimmsten Stagnation zu Brežnevs Zeiten gegeben hat.“

— Und worin besteht der wesentliche Unterschied zwischen der Regierungsversion und den übrigen?

— Wissenschaftliche Tätigkeit – und natürlich auch wissenschaftliche Öffentlichkeit, – das sind sich selbst organisierende Systeme. Diese Eigenschaft hat der wissenschaftlichen Infrastruktur auch geholfen, in den schwersten Perioden der Weltgeschichte zu überleben, z.B. in der Epoche der Inquisition. Ohne diese Eigenschaft hätte es weder Copernicus noch Galileo Galiläi, noch Newton gegeben. Und das, was heute vorgeschlagen wird – oder besser, was da abläuft, was der wissenschaftlichen Gemeinde von oben aufgedrängt wird, das widerspricht diesem Prinzip absolut.

— Sowohl die imperiale Akademie als auch die Akademie der UdSSR hat unter Bedingungen einer recht autoritären Gesellschaft existiert… Was treibt die heutige politische Führung Russlands so zu handeln, wie sie dies tut?

— Der Grad des Autoritären im heutigen Russland übersteigt in bestimmtem Maße jenen, den es während der allerschlimmsten Stagnation zu Brežnevs Zeiten gegeben hat. Ich spreche nicht von der Stalinschen Periode, wo Stalin in der Lage war, die eine Hand zu erheben, um den großen Biologen Nikolaj Ivanovič Vavilov ins Konzentrationslager und damit in den Tod zu schicken, und zugleich die andere Hand zu erheben, um dessen Bruder Sergej Ivanovič zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften zu ernennen. Doch zu Brežnevs Zeiten hat sich das Politbüro wenigstens geweigert, den Versuchen Folge zu leisten, die Akademie zu zwingen, Andrej Dmitrievič Sacharov aus der Akademie auszuschließen. Da hatte man bereits begriffen, dass die Einmischung Grenzen hat.

— Und heute?

— Das überschreitet schon alle Grenzen… Ich habe einen einzigen Vergleich: mit Rumänien zur Zeit von Ceauşescu. Kurz vor dem Sturz von Ceauşescu gab es einen Versuch, seine Frau Elena in die Rumänische Akademie der Wissenschaften zu wählen. Bei der geheimen Abstimmung fand ihre Kandidatur keine Unterstützung. Und kurze Zeit später hat Ceauşescu die Akademie einfach aufgelöst. Wäre heute Derartiges möglich? Vor einigen Jahren war das Korrespondierende Mitglied Michail Koval’čuk bei der Wahl zum Mitglied der Akademie durchgefallen. Sein Bruder Jurij ist einer der nächsten „Schatten“freunde Putins. In Russland stichelt man sogar, er sei Putins Bankier. Er ist ein bekannter Oligarch, der, nebenbei bemerkt, auch die führenden Kanäle des zentralen Fernsehens kontrolliert. Eine der heute in Russland weit verbreiteten Theorien besagt, dass die Akademie der Wissenschaften dafür bestraft wird, weil Koval’čuk nicht in die Akademie gewählt wurde. Wenn dieser Gedanke wirklich stimmen sollte, so fürchte ich, dass Michail Valentinovič Koval’čuk ein Bärendienst erwiesen wurde, denn sein konkretes Fachgebiet ist die Kristallophysik, d.h., er ist professioneller Wissenschaftler. Da kann es sein, dass er in der Geschichte der Wissenschaft Russlands oder sogar der Welt zu einer ganz missliebigen Person wird.

— Das ist die eine Hypothese. Und die andere?

— Die zweite besteht darin, dass irgendwelche Oligarchenkreise die Absicht haben, sich auf Kosten des Besitzes, über den die Akademie verfügt, zu bereichern. Dabei handelt es sich um ein sehr großes Gelände in Moskau, um Gebäude, die noch zur Stalinzeit auf besonders bevorzugten Flächen errichtet worden waren, sowie um verschiedene Nationalparks, die wissenschaftlichen Forschungen vorbehalten sind.

— Aus wirtschaftlichen Motiven??

— Ja, Privatinteressen von Wirtschaftsgruppen. Ich neige aber doch dazu anzunehmen, dass der erste der Hauptgrund ist.

Es gibt in Russland kein ernsthaftes Verhältnis zur Wissenschaft

— Wie sollte nach Ihrer Meinung die Reform der Wissenschaft aussehen?

— Man muss positive Erfahrungen suchen. Erfahrungen von Ländern mit fortgeschrittener Wissenschaft – wie USA, Frankreich, England und Deutschland. Man muss sehen, in welchem Maße man bei der Durchführung der Reform der Wissenschaft in Russland das Beste von diesen Erfahrungen übernehmen kann. Ein konkretes Beispiel ist der wissenschaftliche Rat beim Präsidenten der Vereinigten Staaten.

— Gegründet…

— … in den fünfziger Jahren – während der Amtsperiode Eisenhowers. Nebenbei bemerkt, der erste wissenschaftliche Berater des Präsidenten wurde ein russischer Landsmann — Georgij Bogdanovič Kistjakovskij, ein bekannter Wissenschaftler auf dem Gebiet der chemischen Physik. Er hat einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung des Manhattan-Projekts geleistet. Und auch nach ihm waren bedeutende Wissenschaftler als wissenschaftliche Berater tätig. Z.B. war Jerome Wiesner, einer der Begründer des neuen Typs des Technologischen Instituts Massachusetts (MIT/TIM) Berater von John Kennedy. Ich hatte das Glück, beide kennen gelernt zu haben. Das war übrigens eine freigestellte Tätigkeit: Jeder, der direkter Mitarbeiter des Präsidenten war, wurde von allen übrigen Tätigkeiten freigestellt. So trat Wiesner von seinem Posten als Präsident des TIM zurück und siedelte nach Washington über. Das ist auch heute noch so: Der Wissenschaftsberater von Obama, John Holdren, ein bedeutender Physiker und Energetiker, kann sich völlig auf seine Tätigkeit konzentrieren.

— Und wie sieht es in Russland auf diesem Gebiet aus?

— Beginnen wir ganz oben. Derjenige, der de facto Putins Wissenschaftsberater ist, das ist der genannte Koval’čuk, der keinen seiner Posten aufgegeben hat. Er hat den Posten des Direktors des Akademieinstituts für Kristallographie behalten und dazu noch den Posten des Direktors des wissenschaftlichen Kurčatov-Zentrums übernommen, in welches noch einige Institute eingegliedert wurden, die vorher zur geschlossenen oder halb geschlossenen Sphäre der Atomforschung gehörten. Und kürzlich übernahm er (M.V. Koval’čuk) auch noch den Posten des Dekans der physikalischen Fakultät der Sankt Petersburger Staatlichen Universität. All dies zeugt von einer völlig unseriösen Einstellung zu jener Hauptaufgabe, die ihm übertragen worden war: Putin zu helfen, eine richtige Politik auf dem Gebiet von Wissenschaft und Bildung zu machen.

— Der Einfluss hätte ja wohl gereicht…

— Zweifellos. Und diesen Einfluss könnte er zum Wohle der Wissenschaft nutzen. Die Propagandisten solcher Vereinigungen wie das Kurčatov-Zentrum sagen: „Seht, welche Erfolge er erreicht hat!“ Aber die internationale wissenschaftliche Öffentlichkeit hat in den letzten Jahren kaum etwas von irgendwelchen seiner bedeutenden Errungenschaften erfahren außer der berüchtigten Entzifferung des Genoms des russischen Menschen.

— Berüchtigten?

— Vor einigen Jahren hatte die Leitung des Kurčatov-Zentrums mit Aplomb erklärt, sie hätten das Genom eines russischen Menschen entziffern können. Aber das war eher ein Witz. Heute wird das Problem der Entzifferung der genetischen Struktur mit einem standartisierten kommerziellen Gerät gelöst und kostet einige Tausend Dollar.

Ein weiteres negatives Beispiel. In den Bestand einer Kurčatov-Vereinigung wurde auf administrativem Weg eine recht gutes Institut eingegliedert, das Institut für theoretische und experimentelle Physik (ИТЭФ/ITEPh), das seinerzeit von zwei hervorragenden sowjetischen Physikern, den Akademiemitgliedern Alichanov und Pomerančuk, gegründet worden war. Und wenn Sie irgend einen Menschen fragen, der etwas mit der Entdeckung des „Gott-Teilchens“, des HIGGS-Bosons, zu tun gehabt hat, irgend jemanden, der im CERN, in Genf, arbeitet, so werden sich alle mit großer Hochachtung über dieses Institut äußern. Doch kaum war dieses Institut unter die Leitung des Kurčatov-Zentrums gelangt, da kamen Bürokraten hinein. Und heute sind diese hervorragenden Traditionen, durch die dieses Institut zu einem der führenden in der internationalen Wissenschaft aufrücken konnte, im Prozess der Zersetzung begriffen.

Der Begriff des Professionalismus ist aus dem Leben Russlands verschwunden.“

— Viele entsinnen sich, welch hohen Status die Akademie und die akademischen Wissenschaften in der UdSSR hatten.

— Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer besteht darin, dass der Begriff des Professionalismus überhaupt aus dem Leben Russlands verschwunden ist. Auf den Posten eines Verteidigungsministers wurde jemand aus der Möbelbranche gesetzt. Und das hat zu einem mächtigen Eklat geführt. Kommandosystem? Früher hat es auch ein Kommandosystem gegeben, doch da war wenigstens andeutungsweise davon die Rede, dass Professionalismus geschätzt wurde. Auf alle Fälle wurden auf Gebieten, die mit Technik verknüpft sind, zu leitender Tätigkeit Leute herangezogen, die etwas auf dem Kasten hatten. Und heute? Vergleichen Sie: Einer der ständigen Berater Obamas ist ein führender Physiker auf dem Gebiet der Energetik. Und in Russland, d.h. im Kreml, ist für derartige ständige Funktionen Fursenko zuständig, der frühere Minister für Wissenschaft und Bildungswesen. Und ich kann nicht einmal sagen, auf welchem Gebiet der Wissenschaft er irgendeinen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Und der Rat für Wissenschaft beim Präsidenten wird von Koval’čuk geleitet, von dem bereits die Rede war.

Übrigens sind die Oppositionellen bei uns auch nicht auf den Kopf gefallen. Schauen Sie, was sie machen: Sie versuchen, bekannte Leute für sich zu gewinnen. Zum Beispiel den Nobel-Preisträger Andre Gejm. Seine Äußerungen werden auf den Proregierungs-Sites publiziert. Er wird vom Minister für Bildungswesen Livanov zitiert. Natürlich ist die wissenschaftliche Öffentlichkeit fassungslos darüber, dass er in dieser Weise Stellung bezieht. Doch er desavouiert sich selbst. Ich zitiere: „In die Details des Gesetzentwurfs bin ich nicht weiter eingedrungen und wollte dies auch gar nicht.“ Damit ist alles gesagt!

— Nach den Worten Gejms – und auch anderer – zu urteilen, ist diese Stimmung eine Reaktion auf den Konservatismus der Akademie…

— Natürlich. Ich wiederhole, eine Reform ist herangereift. Und die wissenschaftliche Öffentlichkeit will das selbst in die Hand nehmen. Es wurde doch ein Präsident der RAdW gewählt, der sich von dem vorherigen wie Himmel und Erde unterscheidet. Es zeigen sich Chancen. Man müsste helfen, aber man kann doch nicht einfach – sozusagen – die Figuren vom Schachbrett nehmen.

— Wie ist Ihre Prognose?

— Da mir die Entwicklung des politischen Lebens in Russland bekannt ist, fürchte ich mich, Optimist zu sein. 

Aleksej Pimenov

Zur Information

Roal’d Sagdeev, Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und der RAdW, Professor der Universität Maryland.

Geboren 1932 in Moskau in einer tatarischen Familie. Ist im Alter von vier Jahren nach Kasan’ übergesiedelt und hat dort die Mittelschule abgeschlossen.

Absolvent der Moskauer Staatlichen Universität.

Tätigkeit im Kurčatov-Institut für Atomenergie und am Institut für Atomphysik der Sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften der UdSSR.

1973 – 1988 – Direktor des Instituts für Kosmosforschung der AdW der UdSSR.

Korrespondierendes Mitglied der AdW der UdSSR seit 1964, Mitglied der Akademie seit 1968; jetzt Mitglied der RAdW.

Ausländisches Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften der USA und der Königlichen Akademie der Wissenschaften Schwedens.

Seit 1990 in den USA lebend und arbeitend.

Professor, Direktor des Zentrums „Ost-West“ der Universität des Staates Maryland, USA, Mitglied des Aufsichtsrats des Internationalen Luxemburger Forums zur Verhinderung einer Atomkatastrophe.

Held der sozialistischen Arbeit (1986), Lenin-Preisträger (1984), zweifacher Träger des Lenin-Ordens, Träger des Ordens der Oktoberrevolution und des Roten Arbeitsbanners, Tate-Medaille (Amerikanisches Institut für Physik, 1991), Ettore-Majorana-Prämie (Italien, 1993), Leó-Szílárd-Prämie (Amerikanische physikalische Gesellschaft, 1995), Maxwell-Prämie (Amerikanische physikalische Gesellschaft, 2001).

Verheiratet mit Susan Eisenhower, der Enkelin von Dwight Eisenhower. Bruder Renad Sagdeev ist Akademiemitglied, Erster Stellvertreter des Vorsitzenden der Sibirischen Abteilung der RAdW.

http://academcity.org/node/131