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Der Höhepunkt der Großen Revolution. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution

Übersetzung aus dem Russischen Dr.sc. phil. Ruth Stoljarowa 6-8/2017

Der Höhepunkt der Großen Revolution. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution


 

Annotaton zu dem Buch „Der Höhepunkt der Großen Revolution. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution“

Das Buch zeigt die historische Dialektik der Großen Revolution des 20. Jahrhunderts in Russland, deren Höhepunkt der Rote Oktober 1917 war. Die Artikel und Materialien des Buches widerspiegeln nicht nur ein Bild des gesamten Panoramas der revolutionären Ereignisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern vermitteln auch einen originalgetreuen Einblick in die Wirklichkeit der postrevolutonären sowjetischen Geschichte, der sich prinzipiell von den heute herrschenden liberalen und konservativen Auslegungen unterscheidet. Das Buch wurde von bekannten in- und ausländischen Wissenschaftlern verfasst, die in Vielem die Ansichten des heutigen kritischen Marxismus teilen und die Meinung vertreten, dass die durch die Oktoberrevolution entstandene neue Welt der Menschheit epochale Errungenschaften hinterlassen hat, zugleich jedoch mit tragischen Widersprüchen belastet wurde, deren Lehren auch noch im 21. Jahrhundert gezogen werden müssen. Die Besonderheit des Buches besteht darin, dass es zugleich bedeutende Artikel und einzelne Ausschnitte aus Arbeiten bekannter Zeitgenossen der Revolution wie G. Plechanow, W. Lenin, Ju. Martov, L. Trotzki, A. Gramcsi, R. Luxemburg, N. Bucharin, M. Rjutin u.a. enthält. 

Nachfolgend werden aus diesem sehr umfangreichen Buch neben Angaben zu Titel und Erscheinen, Annotation und Inhaltsverzeichnis das Vorwort von B. Slawin sowie eine Einführung und zwei Artikel von A. Buzgalin in deutscher Übersetzung veröffentlicht.*

 



Verfasser: Slavin, Boris Fёdorovič, Buzgalin, Aleksandr Vladimirovič

Redakteure: Slavin, Boris Fёdorovič, Buzgalin, Aleksandr Vladimiroivič

Verlag: Algoritm 2017





* Da sich bisher keine einheitliche Transkriptstionsweise aus dem Russischen durchgesetzt hat, wurden bei Namen, Titeln usw. neben der Bibliotheksumschrift auch unterschiedlichen eingebürgertnen Prinzipien gefolgt: wie in den Leninwerken u.a. oder bei Namen, die die jeweiligen Personen selbst in deutscher Schreibweise bzw. nach Steinitz gewählt haben (wie Trotzki, Deutsch usw.); bei Verweisen auf Marx und Engels wurde konsequent nach MEW (auch nach alter Orthographie) verfahren. Bei der Angabe russischsprachiger Titel wurde nicht von dem Streben nach durchgehender Einheitlichkeit ausgegangen (d.h. Transkribierung von allen bisweilen sehr langen russischen Titeln mit Übersetzung, sondern vom Prinzip der Erreichbarkeit der Quelle.









Inhaltsverzeichnis



Vorwort

 

B. Slavin. Über den Inhalt dieses Buches



Einführung

A. Buzgalin. Die Revolution. Abriss der Theorie





I. An den Quellen des großen Umbruchs



 



B. Slavin. Hatte die „russische Gemeinde“ eine historische Chance?

 

G. Vodolazov. Die Vorläufer der Revolution und des Sozialismus in Russland

 

A. Kolganov. Die vorrevolutionäre Krise der Gesellschaft Russlands

 

S. Dzarasov. Wie die Samen der Revolution gelegt wurden

 

G. Vodolazov. Methode, Theorie und evolutionäre Aktion: Plechanow und Lenin

 

 

 

Vorkämpfer der Revolution haben das Wort

 

 

W.I. Lenin. Dem Gedächtnis Herzens

L.D. Trotzki. Die Besonderheiten der Entwicklung Russlands

 

W.I. Lenin. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (Fragment)

 

R. Luxemburg. Krieg und Sozialdemokratie

 

W.I. Lenin. Der Zusammenbruch der II. Internationale (Fragment)

 



II. Eine Revolution, die die Welt veränderte

 

V. Kalašnikov. Die Schwelle: Wer hat die Februarrevolution wie „gemacht“

 

V. Kalašnikov. Der Prolog: Vom Februar zum Oktober

 

V. Loginov. Der Oktoberaufstand (Die Wahrheit über die Eroberung des Winterpalastes)

 

D. Mandel. Zur Frage der historischen Legitimität der Oktoberrevolution

A. Kolganov. Das “deutsche Gold“: Jenseits des Mythos

 

A. Vorob’ëv. Der Bürgerkrieg: Licht und Schatten (Publizistische Skizze)

 

Т. Krausz. Diktatur und Demokratie – in der Praxis

 

А. Buzgalin. Die Oktoberrevolution: der Optimismus einer Tragödie

Runder Tisch. Die Große sozialistische Oktoberrevolution: Voraussetzungen, Natur, Ergebnisse

 



Vorkämpfer der Revolution haben das Wort

 

 

W.I. Lenin. Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus (Fragment)

 

W.I. Lenin. Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution

 

L.D.. Trotzki. Die Oktoberrevolution

L.D.. Trotzki. Vorwort zu Band 2 der „Geschichte der russischen Revolution“

 

G.W. Plechanow. Rede auf der Beratung der Delegierten der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten am 2. April 1917

Ju.О. Martov. Rede auf dem Außerordentlichen gesamtrussischen Parteitag der SDADPR am 30. November 1917

 

R. Luxemburg. Zur russischen Revolution (Fragment)

 

А. Gramcsi. Die Revolution gegen das „Kapital“

 



III. Die Geburt einer neuen Epoche

 

 

B. Slavin. Die sowjetische Geschichte verstehen

 

А. Kolganov. Die Industrialisierung: Errungenschaften und Preis

V. Danilov. Die Kollektivierung: wie es war

 

L. Bulavka-Buzgalina. Der Rote Oktober: Geburt und Herausbildung eines neuen Menschen



 

G. Aitova. Der 9. Mai 1945. Warum der Kommunismus den Faschismus besiegt hat

 



Vorkämpfer der Revolution haben das Wort

 



 

W.I. Lenin.Wir haben den Sozialismus in das Alltagsleben einbezogen…“ (Letzte öffentliche Rede am 20. November 1922)



 

W.I. Lenin. Lieber weniger, aber besser (Fragment)

 

L.D. Trotzki. Verratene Revolution: Was ist die UdSSR und wohin treibt sie? (Fragment)



 

N.I. Bucharin. Aus der Rede auf der Plenartagung von 1929 zur Frage der Kollektivierung

 



IV. Sozialismus: trotz Thermidor

 



 

B. Slavin. Das sozialistische Projekt: Lenin vs. Stalin

V. Loginov. Wie wurde der Generalsekretär gewählt? (Aus unveröffentlichten Arbeiten)

 

S. Dzarasov. Der Thermidor: von der Diktatur des Proletariats zu persönlicher Macht (gekürzter Abdruck)



 

V. Danilov. Alternativen zum Stalinismus in ihrer historischen Bedeutung

 

G. Vodolazov. Der „reale Humanismus“ von N. Bucharin gegen den „Kasernenhof-Kommunismus“

Z. Serebrjakova. Der Mord an S.M. Kirov als Auslöser des Terrors



 

S. Dzarasov. Die „Trotzki-Akte“: ein Gegenprozess (nach dem Material der Dewey-Kommission)

 

Z. Serebrjakova. Jahrestage der Oktoberrevolution: stalinfeindliche Ansicht

 

B. Slavin. Die Natur des Stalinregimes und seine Überwindung

 



Sie haben nicht geschwiegen

 



 

L.D. Trotzki. Verratene Revolution: Was ist die UdSSR und wohin treibt sie? (Fragment)



 

M.N. Rjutin. Stalin und die Krise der proletarischen Diktatur (Fragment)

 

M.N. Rjutin. “Aufruf der Konferenz des Bundes der Marxisten-Leninisten’ an alle Mitglieder der KPdSU(B)“



 

F.F. Raskol’nikov. Offener Brief an Stalin

 



V. Die Oktoberrevolution: lebendiges Erbe

 

 

M. Lifšiz. Die moralische Bedeutung der Oktoberrevolution

 

А. Buzgalin. Das Limit an Revolutionen ist nicht erschöpft

 

R. Dzarasov. Freiheit und Notwendigkeit im Schicksal der Russischen Revolution

 

D. Ėpšejn. Oktoberrevolution und Sozialismus (Antwort an Kritiker)

 

L. Bulavka-Buzgalina. Ein durch Revolution geborenes Projekt

S. Amin. Der heutige Imperialismus: Lehren des 20. Jahrhunderts

S. Michael Matsas. Hundert Jahre nach dem Oktober 1917:
Imperialismus, Krieg und Revolution



 

B. Slavin. „Die UdSSR. Ein unvollendetes Projekt“. Überlegungen zu dem Buch



Anlage

 

Der Oktober für uns, für Russland und die ganze Welt.

Erklärung des Redaktionskollegiums der Zeitschrift “Alternativen” zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution



Zeit der Alternativen. Eine globale Welt, Russland und die Aufgaben der Linken

Entwurf eines Manifests der linken Kräfte des heutigen Russlands







Boris Slavin



VORWORT

Über den Inhalt dieses Buches



Lieber Leser, das Buch, das Sie in der Hand halten, ist dem 100. Jahrestag der Großen sozialistischen Oktoberrevolution gewidmet. Es wurde von bekannten Gesellschaftswissenschaftlern unserer Zeit geschrieben: Historikern, Philo­sophen, Ökonomen und Politikern, die in der Regel die Ansichten des heutigen kritischen Marxismus vertreten. Das heißt, sie stehen mit ihren Beiträgen nicht nur zu verschiedenen Vertretern der gegenwärtigen bürgerlichen Wissenschaft in Opposition, sondern auch zu den Anhängern des so genannten dogmatischen Marxismus, der lange Zeit in der sowjetischen Gesellschaft geherrscht hat. Dieses Buch enthält auch Artikel und Fragmente aus Arbeiten herausragenden Vorkämpfer der Oktoberrevolution, von bekannten Zeitge­nossen der Revolution und von Denkern der postrevolutionären Sowjetzeit.

Wer zu diesem Buch greift, kann sich darin mit der Revolutionstheorie und den politischen Ansichten der Vorgänger der Revolution in Russland und des Sozialismus bekannt machen, z.B. Herzens und Černyševskijs. Man wird auch auf das Schaffen der bedeutenden Begründer des wissenschaftlichen Sozialis­mus Marx und Engels treffen, u.a. auf ihre Anschauungen und Meinungen zu einem so unikalen historischen Phänomen wie die „russische Dorfgemeinde“. So erhält man zum Beispiel auch eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob Letztere eine historische Chance gehabt hätte, zu einer Gesell­schaft des realen Sozialis­mus zu gelangen.

Die Verfasser, die in vielem die Leninsche Auffassung von einem sozialisti­schen Charakter der Oktoberrevolution teilen, haben zugleich der Klärung ihrer ideengeschichtlichen Voraussetzungen und den Besonderheiten der sozialen Triebkräfte die notwendige Aufmerksamkeit gewidmet. In dieser Beziehung waren sie bemüht, die komplizierte Dialektik des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Februarrevolution in die sozialistische Oktober­revolution zu begründen und aufzuzeigen, die zum Höhepunkt der Revolution in Russland bzw. zur Apotheose einer Großen Revolution Russlands wurde und praktisch die drei sozialen Revolutionen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahr­hunderts in sich vereinte. Die Verfasser des Buches fühlten sich zugleich verpflichtet, die Leser mit den Ansichten so hervorragender Denker und Politiker über diese Revolution wie Plechanov, Lenin, Trotzki, Luxemburg, Martov, Gramcsi u.a. bekannt zu machen.



Die Artikel und Materialien des Buches bringen nicht nur das widersprüchliche Bild der revolutionären Ereignisse selbst zum Ausdruck, sondern auch der postrevolutionären Jahrzehnte der sowjetischen Geschichte. Wir waren bemüht, die charakteristischen Extreme von deren aktuellen Auslegungen zu über­winden, die von Verfechtern liberaler, konservativer und stalinistischer Ansichten vertreten werden und die, obgleich sie formell Antipoden bilden, sich dennoch darin einig sind, dass Sozialismus und Stalinismus ihrem Wesen nach dasselbe seien. Nur Liberale lehnen einen derartigen „Sozialismus“ ab, während er von den Orthodoxen gepriesen wird.

 

Aus diesem Grunde legten die Verfasser ganz besonderes Augenmerk darauf zu zeigen, welchen Kampf Lenin für eine wissenschaftliche Auffassung von der Herausbildung eines demokratischen Sozialismusmodells geführt hat und zugleich Kritik in Stalins Richtung am Bürokratismus übte, der zum Entstehen und zur Entwicklung einer Diktatur der Bürokratie in der UdSSR geführt hat. In diesem Zusammenhang sind die in dem Buch enthaltene Texte von Führern der linken und rechten Opposition, z.B. aus Arbeiten kaum noch bekannter, jedoch markanter politischer Vertreter des Bolschewis­mus wie Martem’jan Rjutin und Fёdor Raskol’nikov zu betrachten.

Zugleich sind die Verfasser des Buches davon überzeugt, dass der Stalinsche Totalitarismus, so sehr dies auch im Interesse einiger Historiker und Ideologen liegen mag, nicht die gesamte komplizierte und widerspruchsvolle sowjetische Geschichte überdecken oder gar ersetzen kann. Er ist nur ein Teil dieser Ge­schichte und noch dazu ein solcher, der von den die Idee des Sozialismus unterstützenden sowjetischen Menschen stets bekämpft wurde, wo immer sie sich befanden: in Freiheit oder im Gulag, in oder außerhalb des Landes. Und in den Taten dieser Menschen hat die Geschichte natürlich den moralischen Sieg über den Stalinismus errungen.

Das bürokratische Modell war als Antipode des Sozialismus gezwun­gen zu privatisieren, um sich in der sowjetischen Wirklichkeit zu verfestigen, und daher musste es bisweilen die ihm direkt widersprechenden leninschen Ideen und jene Errungenschaften der Oktoberrevolution verteidigen, die praktisch die ersten lebendigen Keime des Sozialismus und Kommunismus darstellten. Diese „Keime“ bildeten sich im Verlauf des Bürgerkrieges heraus, sie zeigten sich als Wirt­schafts­form; sie traten in der breite Massen erfassenden sozialen und kulturellen Kreativität der 1920-er Jahre zu Tage; sie entwickelten sich aus den kommu­ni­stischen Subbotniks und in den Aufbauleistungen des Kommunisti­schen Jugend­verbandes in den 1930-er, 1950-er und 1960‑er Jahren; sie wurden in dem siegreichen Krieg gegen den Faschismus Wirklichkeit sowie in den Beschlüssen des 20. Parteitags, der dem Stalinismus den ersten Schlag versetzte. Ein anschauliches Bild von ihrem Vorhandensein vermittelten die Politik des „Tauwetters“, die Tätigkeit der „Repräsentanten der sechziger Jahre“ und die sowjetische kosmische Epoche. Selbst in den widerspruchs­vollen Erscheinungen der Zeit der Stagnation sind sie zu finden wie auch in den unverständlichen und bis heute noch nicht voll eingeschatzten demokra­tischen Umgestaltungen der Perestroika, die oft mit der „Zeit nach der Pere­stroika“, mit der so genannten „Schocktherapie“ gleichgesetzt wird, die zu einer absoluten Verarmung der meisten sowjetischen Bürger geführt hatte.

Die sowjetische Geschichte ist nicht nur das Ergebnis eines zugespitzten politischen Kampfes der unterschiedlichen sozialen Kräfte, die die Revolution hinterlassen hatte. Sie beinhaltet das gewaltige Feld der nach der Revolution entstan­denen unikalen sowjetischen Kultur, das die hervorragenden Errungen­schaften des sowjetischen Volkes, seine Siege und Tragödien widerspiegelt. Die Verfasser des Buches waren bemüht zu zeigen, dass die sowjetische Kultur in ihren besten Zeugnissen die Größe jenes sozialen Projekts erschließt, dessen Ausgangpunkt die Oktoberrevolution war, durch die Millionen einfacher Menschen zum ersten Mal zu Freiheit und sozialer Kreativität in den Kampf geführt wurden.

Die sowjetische Kultur ist zu einem Teil der Weltkultur geworden, weil sie diese bisher nie dagewesenen neuen Erscheinungen und Prozesse der postrevo­lutio­nären Epoche tiefgehend und prägnant zum Ausdruck gebracht hat. Mit vollem Recht hat einer der Verfasser dieses Buches, die Kulturphilosophin Ljudmila Bulavka-Buzgalina, festgestellt, dass diese Kultur „in idealer Weise“ jene prinzipiell neue Gesellschaft widerspiegelt, die durch den Kampf und die Arbeit der sowjetischen Menschen entstanden ist. Damit haben sie eine wahre historische Großtat vollbracht. Diese Menschen aber werden von den heutigen Pseudoliberalen aus bestimmten ideologischen Gründen abschätzend als „Sovki“ [etwa: Homo Sovetikus] bezeichnet. Es ist doch aber Tatsache, dass ohne diese „Sovki“ niemals ein solches Poem wie „Die Zwölf“ von A. Blok oder die vielen Werke von M. Gorki, die Gedichte von V. Majakovskij und A. Esenin oder der „Stille Don“ von M. Šolochov entstanden wären, dass es ohne sie nie die Werke von I. Babel’ und A. Platonov und auch keinen „Panzerkreu­zer Potёmkin“ von S. Ejzenštejn gegeben hätte, auch nicht die Lieder der Kriegsjahre, keinen „Tёrkin“ von A. Tvardovskij, nicht die die eigenen Fronterfahrungen widerspiegelnde Leutnantsprosa über den Krieg, keine solchen Filme wie „Klarer Himmel“, „Neun Tage eines Jahres“, „Die Kraniche ziehen“ öder „Der Kommunist“; es wären auch keine Stücke von V. Rozov, M. Šatrov und A. Gel’man entstanden und auch nicht die Skulpturen von V. Muchina und die Bilder von B. Nemenskij, nicht die Romane des Phantastikers I. Efremov und auch nicht die philosophischen Werke von M. Lifšic und Ė. Il’enkov. Das erklärt auch, weshalb es kein Zufall ist, dass der Humanismus der sowjetischen Kultur und Literatur, deren Wahrhaftigkeit und der reiche Inhalt ihrer Ideen bis heute viele Menschen in und außerhalb Russlands in ihren Bann ziehen.

Der Schlussteil des Buches enthält Texte zur Analyse der Lehren der Sozialistischen Oktoberrevolution und zu ihrer aktuellen Bedeutung. In diesem Kapitel werden erneut Fragen von Analyse und Bedeutung dieses wahrhaft epochalen Ereignisses der Weltgeschichte aufgegriffen. Hier findet der Leser neben einem tiefschürfenden Artikel des bekannten Philosophen und Ästhe­tikers Michail Lifšic zur moralische Bedeutung der Oktoberrevolution Beiträge zur Meinung zeitgenössischer ausländischer Historiker und Philosophen über den Einfluss dieser Revolution auf die Entwicklung der heutigen Welt sowie Diskussionsartikel über das soziale Wesen der UdSSR und die Kritik jener Forscher und Ideologen, die versuchen, die Bedeutung der historischen Errungenschaften der Oktoberrevolution und der Sowjetgesellschaft auf unter­schiedliche Weise zu schmälern. Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass das Hauptthema dieses Buches in der Klärung des realen historischen Sinns und Charakters der Oktoberrevolution besteht. In diesem Zusammenhang möchten wir den Leser besonders auf ein gegenwärtig außerordentlich akutes Problem aufmerksam machen: die zunehmende Mythologisierung dieser wirklich Gro­ßen Revolution, die in wachsendem Maße in zahlreichen mündlichen Beiträgen und schriftlichen Texten ihrer ideologi­schen Gegner Raum findet.

Eine der Spielarten ist die Behauptung, die Oktoberrevolution sei in der gegen­wärtigen Epoche ein veraltetes und demnach nicht mehr aktuelles Thema. Entgegen dieser mythologischen Behauptung beweist allein schon die Vorbe­reitung der bevorstehenden 100-Jahr-Feier der Oktoberrevolution, dass die Fragen von Sinn und Bedeutung dieses bedeutenden Ereignisses in der Ge­schich­te unseres Landes und der Welt nicht nur nicht veralten, sondern immer aktueller werden. Selbst die offiziellen Machtorgane Russlands sind heute gezwungen, in der ihr eigenen Art auf dieses Ereignis zu reagieren, und sie bereiten in zentralen Museen und anderenorts in Moskau und in Russland entsprechende Ausstellungen und Runde Tische vor, an denen sie teilnehmen. Die ideologische Ausrichtung ist im Unterschied zur sowjetischen Vergangen­heit jedoch bisweilen darauf gerichtet, dieses große Ereignis ideologisch in seiner Bedeutung einzuschränken oder im öffentlichen Bewusstsein der Menschen zu diskreditieren. Umso positiver ist jene Arbeit einzuschätzen, die von den Anhängern der roten Linie anlässlich der Feierlichkeiten zu diesem Datum geleistet worden ist und gegenwärtig wie in Zukunft geleistet wird, unter ihnen auch von den Verfassern dieses Buches.

Ein charakteristisches Merkmal der Diskreditierung der Oktoberrevolution besteht darin, die wissenschaftlichen Auffassungen durch einen weiteren sehr verbreiteten Mythos zu ersetzen – das ist die in jüngster Zeit besonders oft ver­wendetete Behauptung, Russland habe immer Evolution und keine Revolution benötigt. Dieser Gedanke wird heute nicht nur von einzelnen Historikern vertre­ten, sondern auch von bekannten Politikern. Hier dazu einige Beispiele: „Wir brauchen Evolution, aber keine Revolution“ (G. Javlinskij); „das Limit an Revo­lutionen ist schon erschöpft“ (G. Zjuganov): der Zyklus des Wechsels von Revolution und Konterrevolution ist „beendet“, in Zukunft „wird es weder Revolutionen noch Konterrevolutionen geben!“ (V. Putin) usw. Ungeachtet des bekannten hohen Status der Verfasser derartiger Äußerungen halten letztere keiner objektiven wissenschaftlichen Kritik stand.

Es ist doch so, dass die Entwicklung überhaupt und die historische im Besonde­ren nicht ohne Revolutionen auskommen kann, die ja eine notwendige Bedin­gung radikaler Veränderungen in der Gesellschaft sind. Evolution enthielt und enthält in lebenden und gesellschaftlichen Systemen in sich immer revolutionäre Momente, dank derer qualitative Veränderungen biologischer und sozialer Organismen vor sich gehen. Kurz gesagt, es ist überhaupt nicht möglich, sich weder in der Biologie noch in der Gesellschaft Evolution ohne Revolution vorzustellen. Ebenso oft ist heute zu hören, die Oktoberre­volu­tion sei kein großes historisches Ereignis gewesen, sondern ein „wahres Verbrechen“ der Bol­schewiki. Dies wird beständig von Liberalen, Konservativen und militanten Nationalpatrioten behauptet, die beweisen wollen, der „Oktoberaufstand“ und die Sowjetmacht seien „ungesetzlich“ und „illegitim“ gewesen. Was kann man dazu sagen? Nur das Eine: jede große soziale Revolution ist eine Verletzung von Gesetzen der vorhergehenden Macht. Doch sie kann deswegen nicht als Verbre­chen betrachtet werden, da im Verlauf einer solchen Revolution die früheren Gesetze die wichtigste Grundlage ihrer Legitimität, die massenhafte Unter­stützung des Volkes, verlieren. Im Gegenteil, im Unterschied zu den so genann­ten „farbigen Revolu­tionen“ und den verschiedenen „Maidanen“ ist eine wirklich soziale Revo­lution stets legitim, da sie die Unter­stützung der absoluten Mehrheit der Bürger des Landes genießt. Und zu einer solchen Erscheinung war auch die Oktoberrevolution von 1917 geworden, die die von der absoluten Mehrheit des Volkes Russlands unterstützte Sowjetmacht errichtet hat. Und diese Unterstützung war nicht nur politischer Natur: später, im Bürgerkrieg, wurde die Sowjetmacht von Millionen Arbeitern und Bauern mit der Waffe in der Hand verteidigt. Das ist die Wahrheit der Geschichte, und dies kann durch keine Mythologeme und Fälschungen verändert werden.

Weite Verbreitung hat gegenwärtig der Mythos gefunden, die Oktoberrevolution sei keine Revolution gewesen, sondern ein einfacher „Umsturz“ eines Häufleins von Verschwörern, die Agenten des deutschen oder des anglo-amerikanischen Geheimdienstes gewesen wären. Dazu gehört auch die Behauptung, Lenin habe die Revolution mit deutschem Geld gemacht und Trotzki habe Anweisungen von amerikanisch-zionistischem Kapital ausgeführt. Und das wird mit Bezug auf Menschen gesagt, die zu den radikalsten Gegnern des Kapitalismus und des Nationalismus gehört haben, die Revolutionäre waren, deren Ideale von den grundlegenden Idealen der Werktätigen Russlands und der ganzen Welt geprägt waren.

Dieser Mythos wird gegenwärtig aktiv in zahlreichen Fernseh­sendungen zu historischen Fragen ins gesellschaftliche Bewusstsein gesetzt, obgleich er bereits schon lange von anerkannten Wissenschaftlern des In- und Auslandes widerlegt wurde. (Siehe die Arbeiten von G. Kennan über die Sisson-Collection, von G. Sobolev über das Geheimnis des deutschen Goldes, von V. Loginov über die Aufzeichnungen von F. Platten u.a.) Die Verfasser des vorliegenden Buches haben sich ebenfalls kritisch zu diesen Mythen geäußert und deren völlige Haltlosigkeit nachgewiesen. In diesem Zusammenhang seien auch jene Ver­fechter dieses Mythos erwähnt, die sich in der Regel Patrioten Russlands nennen, die aber nicht begreifen, dass sie mit ihren Behauptungen das russische Volk in der Geschichte wie in einem Marionettentheater darstellen, wo jeder tun kann, was er will. Was ist dann aber ihr Patriotismus wert?

Die Oktoberrevolution ist natürlich auch keine Verschwörung und kein Umsturz eines Häufleins von Linksextremisten oder von Agenten. Sie ist vielmehr eine gewaltige Volksaktion, die, spontan entstanden, im Wesent­lichen unab­hängig ist sowohl von einzelnen Führern, mögen sie auch noch so weise sein, als auch von Parteien oder Wünschen einzelner Klassen. Schon Marx sagte, dass keine einzige Revolution von einer Partei vollzogen werden kann, sondern nur vom Volk. Auch Lenin äußerte mehrfach einen ähnlichen Gedanken und stellte warnend fest: „Einer der größten und gefährlichsten Fehler von Kommunisten (wie überhaupt von Revolutionären, die erfolgreich den Anfang einer großen Revolution vollbracht haben) ist die Vorstellung, daß eine Revolution von Revolutionären allein durchgeführt werden könne.“1

Die Oktoberrevolution wäre nicht möglich gewesen, wenn sich ihrer Hauptkraft, dem Proletariat, das den aktiven, jedoch die Minderheit bildenden Teil der Gesellschaft Russlands ausmachte, nicht die zwar relativ passive, aber die Mehrheit der Bevölkerung des Landes bildende Bauernschaft angeschlossen hätte, wenn das Proletariat nicht von einem bedeutenden Teil der „Rasnotschin­zen“-Intelligenz und von hervorragenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur unterstützt worden wäre, wenn es nicht von Soldaten und Offizieren Russlands verteidigt worden wäre. Aus diesem Grunde ist all das Gerede, die Oktober­revolution sei auf irgend welche revolutonäre Extremisten, auf einzelne „Landesfremde“ oder ausländische Agenten zurückzuführen, völlig gegen­stands­los.

Man könnte argumentieren, die Oktoberrevolution sei von den Revolutionären ja selbst als „Umsturz“ bezeichnet worden, und dieser Terminus sei von W. Lenin und L. Trotzki auch selbst oft in ihren Werken benutzt worden. Ja, es gab einen politischen Umsturz. Aber bedeutet diese unbestreitbare Tatsache, dass die Oktober­revolution von 1917 keine Revolution war? Natürlich nicht. Wenn man sich nicht in sprachlichen Feinheiten verlieren will, kann man sagen, eine Revolution ist immer ein Umsturz, aber nicht immer ist ein Umsturz eine Revolution. Eine Revolution ist nicht nur ein politischer Umsturz, sondern auch ein qualitativer sozial-ökonomischer und politisch-ideologischer Sprung, der zu einem Wechsel der an der Macht stehenden Klassen führt, zu einem Wechsel der Gesellschafts­ordnung. Ein derartiger Umsturz war auch die Oktoberrevolution, die zum ersten Mal für lange Zeit die werktätigen Unterschichten der Gesell­schaft – Arbeiter, Bauern und die mit ihnen verbundene Intelligenz – an die Macht gebracht hat. Darin besteht insbesondere auch ihre Größe und ihre unver­gängliche historische Bedeutung.

Es sei nochmals hervorgehoben: eine soziale Revolution unterscheidet sich von einer politischen dadurch, dass sich in ihr, wie bereits festgestellt, ein Wechsel der Macht einer Klasse zu einer anderen vollzieht. Diese These ist außerordent­lich wich­tig. Ohne sie ist die soziale Revolution völlig unverständlich.

Nehmen Sie die Große bürgerliche französische Revolution: hier sehen wir, wie sich dieser Wechsel der Klassen dadurch vollzieht, dass die Macht der Aristo­kraten und Landbesitzer durch die Macht der Bourgeoisie ersetzt wurde. Dasselbe sehen wir bei der Oktoberrevolution, wo an die Stelle der bürgerlich-monarchistischen Macht die Macht der Arbeiter und Bauern getreten ist. Sie waren es, ihre Räte – die Sowjets – waren es, die mit Hilfe der Bolschewiki die Macht übernahmen; und diese historische Tatsache wird auch durch keine später erfolgten Deformierungen der Sowjetmacht ungeschehen.

Ohne Klassenstandpunkt kann der soziale Inhalt einer Revolution nicht verstan­den werden. Was aber die politischen Revolutionen anbetrifft, so sind damit in den meisten Fällen eben die Umstürze gemeint, und zwar im engeren Sinne des Wortes, – des Wechsels allein der politischen Eliten im Rahmen ein und der­selben politischen Klasse. Aus diesem Grunde sind schon die erwähnten „far­bigen Revolutionen“ im postsowjetischen Raum direkt politische Revolutionen, eigentlich aber sind sie nicht mehr als politische Umstürze. Natürlich geht auch in poli­tischen Revolutionen ein Wechsel politischer Eliten vor sich, doch das sind Eliten, die zu verschiedenen Klassen gehören. Jede Revolution ist ihrer Form nach eine politische, denn sie führt zu einer Veränderung der Macht; doch das Wesen dieser Revolution kann man nicht verstehen, wenn man nicht begriffen hat, in wessen sozial-klassenmäßigen Interessen sie sich vollzieht.

Die Oktoberrevolution war nicht nur wegen ihrer sozialen Folgen groß, sondern auch wegen ihrer internationalen Folgen. Denn sie hat die revolutionäre Epoche des Übergangs vieler Länder zum Sozialismus eröffnet; sie hat in der Welt zwei sozial entgegengesetzte Systeme geschaffen, die den Verlauf der historischen Entwicklung im 20. Jahrhundert bestimmten; sie hat zum Beginn des Sturzes des Kolonialsystems und zum Entstehen neuer Länder der „dritten Welt“ beigetragen.

Es gibt noch einen weiteren alten Mythos, der seiner Zeit von den Menschewiki in Umlauf gesetzt wurde und besagte, dass die Oktoberrevolution keine soziali­stische, sondern eine bürgerlich-demokratische Revolution gewesen sei. Auf den ersten Blick entsprach diese Behauptung der Wirklichkeit. Die ersten Schritte, das „Dekret über den Frieden“ und das „Dekret über den Grund und Boden“ denen der bekannte Auftrag der Bauern für die Sozialrevolutionäre zu Grunde lag, waren wirklich echte demokratische Aktionen, die nicht über den Rahmen von Forderungen einer bürgerlich-demokratischen Revolution hinaus gingen. Das stimmt. Doch dabei ist die Oktoberrevolution ja bekanntlich nicht stehen geblieben. Nachdem sie auf dem Wege zugleich demokratische Aufgaben gelöst hatte, ging sie weiter und errichtete die Sowjets als Macht der Arbeiter-, Solda­ten- und Bauerndeputierten, führte sie die Nationalisierung des Grund und Bodens durch, wandelte sie das Eigentum des Eisenbahntransportwesens sowie die größten Banken, Werke und Fabriken in Staatseigentum um und stattete die Staatliche Plankommission mit gesetzgebenden Funktionen aus usw.

Leider hat sich die These, dass dies eigentlich eine bürgerlich-demokratische und keine sozialistische Revolution war, über die Jahrzehnte bis in die Gegen­wart erhalten und immer wieder wissenschaftliche Vernreitung gefunden. Wir wol­len nicht lange hierbei verweilen, denn diese Frage wird in zahlreichen Ab­schnit­ten des vorliegenden Buches zur Genüge behandelt. Wir wollen nur auf eins der Argumente dieser Auffassungen eingehen und zwar auf die Meinung, historisch sei „Russland nicht reif“ gewesen für sozialistische Umgestaltungen. Zunächst möchten wir den Leser auf die Erläuterung dieses Arguments bei R. Luxemburg in ihrer Polemik mit K. Kautsky sowie bei Lenin in seiner Polemik mit den Menschewiki verweisen.2 Hier möchten wir jetzt aber nur auf den Zusam­­men­­hang mit einer aus einer vulgär-ökonomishen Auslegung vom Marxismus herrührenden Auffassung eingehen, die die eigentlichen Vorausset­zungen für eine sozialistische Revolution betrifft, , von der sich K. Marx seinerzeit aber selbst abgegrenzt hat.

Jene Forscher, die der Oktoberrevolution ihren sozialistischen Charakter absprechen, ignorieren meiner Meinung nach jene unwiderlegbare Tatsache, dass diese Revolution nicht nur eine, sondern zugleich zwei historische Aufgaben zu lösen hatte. Einerseits hat sie die bürgerlich-demokratische Revolution entschieden zu Ende geführt, und andererseits ist sie weiter fortgeschritten und hat originäre sozialistische Aufgaben in Angriff genommen. Anlässlich des vierten Jahres­tages der Oktoberrevolution sagte Lenin: „… um die Errungenshaften der bürgerlich-demokratischen Revolution zum festen Besitz der Völker Russlands zu machen, mußten wir weiter vormarschieren. Wir haben die Fragen der bürgerlich-demokratisschen Revolution während des Vorrückens, im Vorbeigehen als ‚Nebenprodukt’ unserer hauptsächlichen und eigentlichen, unserer proletarisch-revolutionären, sozialistischen Arbeit gelöst. Reformen, haben wir immer gesagt, sind ein Nebenprodukt des revolutionären Klassen­kampfes. Die bürgerlich-demokratischen Umgestaltungen – haben wir gesagt und haben wir durch Taten bewiesen – sind ein Nebenprodukt der proleta­rischen, das heißt der sozialistishen Revolution.“3 Lenin war der Ansicht, dass die Führer der internationalen Sozialdemokratie rs nicht vermochten, „… ein solches Wechselverhältnis zwischen der bürgerlich-demokratischen und der proleta­risch-sozialistischen Revolution zu verstehen. Die erste wächst in die zwei­te hinüber. Die zweite löst im Vorbeigehen die Fragen der ersten. Die zwei­te verankert das Werk der ersten. Der Kampf und nur der Kampf ent­scheidet, wie weit es der zweiten gelingt, über die erste hinauszuwachsen.

Die Sowjetordnung ist gerade eine der anschaulichen Bestätigungen oder Erscheinungen dieses Hinüberwachsens der einen Revolution in die andere.“4

Man hätte Lenins Aussagen über die Wechselbeziehungen der beiden Revolutionstypen in Russland noch weiter fortsetzen können, doch für jeden, der darüber nachdenkt, wird aus den zitierten Stellen klar, worum es geht. Abschließend möchte ich noch etwas ausführlicher darauf eingehen, wie dieses Buch entstanden ist und warum gerade die darin enthaltenen historischen Haupt­themen ausgewählt wurden.

Die Idee für dieses Buch entstand drei Jahre vor dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. Die Initiative ging von einigen gleichgesinnten Wissen­schaftlern aus: von dem bekannten Ökonomen Prof. Dr. oec. habil. Soltan Safarbievič Dzarasov, der kürzlich von uns gegangenen ist, und dessen Sohn Dr. phil. habil. Ruslan Soltanovič Dzarasov, von dem Arzt und Mitglied der RAdW Andrej Ivanovič Vorob’ёv, von der Tochter eines Arbeiters und engem Kampf­gefährten Lenins, der Historikerin Dr. phil. habil. Zora Leonidovna Serebrja­kova und schließlich vom Verfasser dieser Zeilen.

Die Initiatoren dieser Publikation haben sich mehrfach getroffen und Konzep­tion und Plan des Buches beraten. Alle waren sich einig, dass das Buch undog­matisch sein sollte und dass ihm keine veralteten stalinistischen oft auf falschen historischen Tatsachen und Erscheinungen beruhende Traditionen zugrunde liegen sollten. Es sollte vielmehr ein kreatives Buch werden, d.h. eine streng wissenschaftliche Alternative sowohl zur stalinistischen Version der Oktobe­r­revolution als auch zur sowjetischen Geschichtsdarstellung und zu den gegenwärtig herrschenden unterschiedlichen liberalen und konservativen Ausle­gungen der Großen Revolution, die ihren ursprünglichen originären Volkscha­rakter entstellen. Aus diesem Grunde waren die Verfasser bemüht, möglichst viele neue und kaum bekannte Tatsachen wie auch prinzipielle theoretische Verall­gemeinerungen einzubeziehen. Ausgehend von diesen Grundgedanken wurde schließlich ein Autorenkollektiv für dieses Buch gebildet. Dennoch bedeutet die ideelle Gemeinsamkeit der Verfasser nicht, dass ihre wissenschaft­lichen Anschauungen in allem übereinstimmen. Zwischen uns gibt es nicht wenige Unterschiede, die bei konkreten Problemen der Geschichte der Revolution und der Sowjetgesell­schaft nicht selten zu Polemik führen.

Bereits zu Beginn der Arbeit an dieser Jubiläumsausgabe hatten sich die Initia­toren an den Chefredakteur der Zeitschrift „Alternativen“ Aleksandr Vladimiro­vič Buzgalin gewandt und ihn um Hilfe bei der Ausarbeitung und Publikation dieses Buches ersucht. Dieser Bitte hat A.V. Buzgalin nicht nur allseitig ent­sprochen, sondern er hat sich auch durch aktive Mitarbeit als Herausgeber selbst in die Publikation eingebracht.

Die beiden Redakteure wurden von weiteren Wissenschaftlern unterstützt, die im Redaktionskollegium mitwirkten, wo besonders Gulnara Šajdullovna Aitova als verantwortlicher Sekretär eine umfangreiche Arbeit leistete.

Das Buch besteht neben einem Vorwort und einer Einführung, die der Theorie der kommunistischen Revolution gewidmet ist, aus fünf umfangreichen Abschnitten über die historischen Voraussetzungen und die wichtigsten revolutionären Ereignisse des Jahres 1917. Es enthält ferner eine Analyse und einen Überblick über die Haupttendenzen der sowjetischen Geschichte, deren bedeutende sozial-politische Errungenschaften wie deren nicht weniger große Fehler.

Neben Artikeln von Einzelverfassern enthält das Buch den Text des Steno­gramms eines von A.V. Buzgalin durchgeführten wissenschaftlichen „Runden Tischs“ zum Thema „Die Große sozialistische Oktoberrevolution: Vorausset­zungen, Natur, Ergebnisse“.

Ganz besonders sei auf jene Abschnitte hingewiesen, die jeweils unter der Über­schrift Vorkämpfer der Revolution haben das Wort veröffentlicht wurden. Hier wurden Gedanken aus bedeutenden Arbeiten bekannter Revolutionäre der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgedruckt. Diese Texte tragen dazu bei, dass der heutige Leser die ideelle und politische Atmosphäre jener unwiderholbaren historischen und revolutionären Zeit nicht nur besser erfassen, sondern auch fühlen kann.



Das Schlusskapitel des Buches behandelt, wie bereits erwähnt, die ideelle, politische und moralische Bedeutung der Oktoberrevolution, ihren revolutio­nären Einfluss auf das Leben der Werktätigen unseres Landes und der gesamten heutigen Welt. Die Verfasser des Buches sind überzeugt, dass das reiche Erbe dieses wirklich epochalen historischen Ereignisses die Werktätigen noch lange in ihrem Kampf für die vollständige sozial-ökonomi­sche und politische Befreiung von der Macht des oligarchischen Kapitals beflügeln wird, das die Menschheit noch immer mit sozialen und nationalen Konflikten sowie Kriegen und Zerstörungen überzieht.

Seitens der Redaktion wurde dem Buch eine aus zwei Dokumenten bestehende Anlage beigefügt: eine Erklärung der Redaktion der Zeitschrift „Alternati­ven“, die dem 100. Jahres­tag der Oktober­revolution gewidmet ist, sowie ein hier erstmals öffentlich zur Diskussion gestellter Entwurf eines Manifests der linken Kräfte des heutigen Russlands „Zeit der Alternativen“.

Das Autorenkollektiv hofft, dass die in dem Buch vorgelegten Arbeitsergebnisse bei den Kollegen der wissenschaftlichen Gemeinde auf Resonanz trifft und dass die großen revolutionären Ereignisse und die zur Diskussion gestellten Probleme der Geschichte unseres Landes und der Weltgeschichte von den Vertretern der linken Strömungen und Organisationen sowie einem breiten Leserkreis mit Interesse aufgenommen werden.



Boris Slavin









Es folgen Texte des Koredakteurs des Buches A. Buzgalin.









Einführung

Revolution. Abriss der Theorie 5



Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.



Karl Marx, Friedrich Engels

Manifest der Kommunistischen Partei





Revolution.

Dieses Wort war und bleibt für mich bedeutend mehr als nur eine Kategorie der sozialen Philosophie. Es wendet sich nicht nur an den Verstand, sondern auch ans Herz. Es ist zugleich Impuls und Herausforderung für Denken und Handeln. Die Gründe?

Sie liegen in der Geschichte meines Lebens, im Dialog mit meinen Eltern und Pionierleitern sowie im praktischen Kampf gemeinsam mit meinen Ge­nossen, von denen einige im Herbst 1993 ermordet wurden, an­dere schon früh von uns gegangen sind, weil sie sich in der gesellschaftlichen Arbeit überfordert und aufgerieben hatten. So begann ich zeitig zu spüren, dass man handeln muss, um diese Welt zum Besseren zu verändern und um die soziale Entfremdung zu überwinden (hier spricht weniger der Praktiker als der Wissenschaftler).

Unter den Bedingungen jener methodologisch-theoretischen Grundlage. die ich in den Dialogen mit meinen Lehrern – Marxisten der Moskauer Staatli­chen Un­iversität – selbst in der stickigen Atmosphäre der Gesellschaftswis­senschaften des „entwickelten Sozialismus“ wie auch in Dialogen mit Kommu­nisten Euro­pas und Lateinamerikas, der USA und Japans erlebte, das heißt, mit allen, für die die Worte „Revolution“ und „Kommunismus“ eine Auffor­derung zur Tat und kein propagandistisches Schlagwort waren – gab es Wurzeln, die es ver­mochten, in mir die Neugier für eine kritische, schöpferische Suche nach den Keimen des „Reichs der Freiheit“ wach zu halten.

So wuchs in mir jenes Verständnis für die Revolution, über das ich bereits vor zehn Jahren in einem Buch anlässlich des 90. Jahrestages der Oktoberrevo­lution geschrieben hatte6 und das ich dem Leser auch jetzt noch empfehlen möchte, nachdem ich die prinzipiellste Frage nach der Theorie der kommuni­stischen Revolution erwei­tert und ergänzt an den Anfang meiner jetzigen Ausführungen gesetzt habe.



1. Revolution: Problemstellung

Der Ausgangspunkt der Theorie der sozialen Revolution (nicht zu verwechseln mit politischen Umstürzen usw.) ist die klassische marxistische These von der sozialen Kreativität der Werktätigen als jene Kraft, die fähig ist, qualitative Sprünge zu verwirklichen, die zum Wechsel sozial-ökonomischer Systeme und deren politisch-ideologischen Formen, d.h. zum Wechsel sozial-ökonomischer Formationen, zu führen.

Die soziale Revolution als solche ist immer ein Akt der Bewegung der Mensch­heit aus dem „Reich der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“. Letztlich führt dieser Weg zur dialektischen Negierung, zur Aufhebung der Verhältnisse des „Reichs der Notwendigkeit“ (der Welt der Entfremdung) und zur Schaffung neuer Verhältnisse, zu einer freiwillig arbeitenden Assoziation, in der „die freiwillige Entwicklung eines Jeden die Bedingung der freien Entwicklung aller“ ist.

Doch das „Reich der Freiheit“, das man übrigens nicht als irgendein absolutes Ideal = Ende verstehen darf, sondern als Anfang der eigentlichen Mensch­heitsge­schichte, wird das Ergebnis des Sieges der kommunistischen Revo­lution sein.

Auf dem Wege dorthin wurden und werden von der Menschheit jedoch nicht wenige soziale Revolutionen vollzogen, in denen sich die Zerstörung des alten Systems und die Schaffung eines neuen stark vermischen. Zum Beispiel: eine in Zeiten der Stagnation nie da gewesene Beschleunigung des sozialen Fortschritts und der hohe Preis dieser Beschleunigung; und neben Siegen von Revolutionen wird es auch Niederlagen geben; und auch Fälle von „Zurückrollen“, Rück­wärts­bewe­gungen, Involution von Umgestaltungen, die in ihrem revolutionären Druck zu weit vorangeschritten sind. Und ein Sieg der meisten der bis heute durchgeführten Revolutionen ließ keine „Reiche der Freiheit“ entstehen, son­dern nur ein neues (objektiv fortschrittliche­res, aber zugleich raffinierteres) System von Entfremdungsverhältnissen.

Und Revolutionen werden auch stets mit Gewalt einhergehen. Nicht immer mit massen­weiser Ermordung von Menschen (die politische Form einer Revolution kann auch friedlich sein), aber immer ist es eine gewaltsame Form der sozialen Entfremdung: der Sturz der Sklaverei oder der Leibeigenschaft, selbst wenn er als politische Reform vor sich geht, ist er ein Sturz der sozial-ökonomischen Grundlage von Formationen, die auf außerökonomischem Zwang und persön­licher Abhängigkeit beruhen. Die Aufhebung von Verhältnissen privatkapita­listi­scher Aneignung ist, selbst wenn dies auf dem Wege des Auskaufs erfolgen würde, eine revolutionäre Liquidierung der wirtschaftlichen Grundlage der kapi­talistischen Produktionsweise.

Revolutionen sind immer äußerst widersprüchlich. Doch ohne sie würde die Welt allmählich in Stagnation geraten und in der Folge in eine Involution, was bedeutend größere Verluste und Tragödien mit sich brächte als der Schmerz revolutionären Fortschritts.

Das ist die Problemstellung. Sie ist allen Marxisten gut bekannt (und hier liegt das Paradoxon – allen handelnden Personen, selbst denen der bürgerlich-demo­krati­schen Revolutionen, die nicht davor zurückgeschreckt waren, die Bastille zu zerstören), und sie ist absolut unrechtmäßig vom Standpunkt aller Philister und diese anbetender Kleinbürger (schon gar nicht zu reden von den Ideologen der regierenden Klasse, deren historische Mission bereits erschöpft ist, oder Ari­stokraten und Monarchen bzw. die Finanzoligarchie und deren bürokratische Pro­tegés).

In dem Maße, in dem uns die Revolution auf dem Wege zum „Reich der Frei­heit“ voran bringt, in dem Maße, wie ihr positiver Antrieb zu sozialer Befreiung und Herausbildung neuer Formen stärker ist als die Zerstörungen und jene Op­fer, mit denen sie sich wehrt, ist die Revolution kreativ. Und jene Tragödien, die sie mit sich bringt, sind dann optimistisch. Wird dieses Maß überschritten, verwandelt sich die Revolution in ihr Gegenteil. Das ist ein ganz ungerader Prozess der sozialen Befreiung, dessen Maß (in der Einheit qualitati­ver, inten­siver und extensiver Veränderungen) als Maß der sozialen Befreiung7 bezeichnet werden kann.

Qualitative Sprünge auf diesem Weg, eine „Knotenlinie von Maßverhältnissen“ (Hegel) sind kennzeichnend für soziale Revolutionen.

Und wenn Sie fragen möchten, ob soziale Revolutionen überhaupt erforderlich sind, wenn sie doch schon bald so widersprüchlich sind, möchte ich Ihnen das alte Axiom in Erinnerung rufen: eine soziale Revolution denkt man sich nicht aus, und sie wird auch nicht von einem Häuflein von Verschwörern gemacht. Eine soziale Revo­lution ist das Produkt objektiver Widersprüche; und Versuche, sie aufzuhalten oder zu bremsen, führen nur zu weit Schlimmerem als das ist, was eine Revolution mit sich bringen kann.

Das ist die Problemstellung auf einem äußerst abstrakten philosophischen Aus­gangs­niveau (bleibt aber dennoch von ganz prinzipieller Bedeutung).

Und jetzt ist es unsere Aufgabe, weiter zu überlegen, wie man von dieser aller­ersten Abstraktion zu immer konkreteren Erkenntnissen des Phänomens „Revo­lution“ gelangt.



2. Die Revolution als „Feiertag der Unterdrückten“: die Dialektik von Aufbau und Zerstörung

Beginnen wir damit, was offensichtlich ist: die Revolution zerbricht das alte System der Institutionen der Entfremdung und zeigt (bis zum Sieg der neuen Produk­tionsweise) wie die Massen einen kurzfristigen Triumph von Bedingun­gen unmittelbarer sozialer Schöpferkraft der Geschichte, neue gesellschaftliche Verhältnisse und damit einen kurzfristigen Sieg des „Reichs der Freiheit“ erle­ben8; (die Rückkoppelung besteht hier darin, dass das “Reich der Freiheit“ als Aufhebung der entfremdeten Determinanten des Lebens des Menschen eine permanente Revolution ist). Im Augenblick der Revolution (und sie kann viele Tage oder stürmische Jahre dauern), wenn das alte Unterord­nungs­system be­­reits zerstört, ein neues aber noch nicht entstanden ist, da wird eben dieser „Feier­tag der Unterdrückten“ geboren, wo man – wie es scheint – die Welt mit eigener Hand so verändern kann, wie man es will — („von der Freiheit trunken sein“).

Während der Dauer der Revolution – das heißt dieses „Feiertags der Unter­drück­ten“, wirken die objektiven Determinanten, die „einschränkenden Fakto­ren“ (und auch die neuen Produktionsverhältnisse, als sozial-politische Institute usw.) schon oder noch nicht. Revolutionen heben die Macht des Geldes, die Bürokratie, die klassen- oder standesbedingte Ungleichheit und sogar die Ar­beitsteilung auf (in der Revolution sind Arbeiter und Professor gleich, und bisweilen zieht Ersterer Letzteren mit).

In diesem Sinne sind Revolutionen Befreiung des Potentials eines anderen (nicht entfremdeten, nicht vom Markt bestimmten und nicht hierarchischen) Lebens in weitestem Raum und in der Zeit. (M. Bachtin hat diese Befreiung mit dem Phä­nomen eines Karnevals verknüpft. Wenn aber Karneval ein Spiel ist, die Imita­tion einer zeitlichen Aufhebung eines Rahmens, so ist Revolution ein echter Feiertag, eine „allgemeine Festivität“. So wurde die Pariser Kommune zum Beispiel von ihren Zeitgenossen beschrieben.)

Als eine Periode der Aufhebung der äußeren Determinanten und völlig freier sozialer Kreativität werden Revolutionen zu einem Feld breiter und tiefgehender Errungenschaften auf dem Gebiet selbst organisierter und neu geschaffener ge­sell­schaftlicher Formen. In diesen kurzen, aber äußerst intensiven Perioden bringen die Bürger durch Initiative von unten so viel Beweise neuer gesell­schaft­licher Beziehungen hervor, wie sie in evolutionären Perioden nicht in Jahrzehnten entstehen.

Das ist auch immer wieder Grund und Folge einer zu anderen Zeiten nie da gewesenen massenweisen Herausbildung von menschlichen Talenten, die in den unterschiedlichsten sozialen Schichten und Berufen versteckt sind. Leutnante und sechzehnjährige Jungen werden gerade in Revolutionen zu Heerführern, Ar­beiter zu Politikern von Weltmaßstab; und sogar auf Gebieten wie Aufklärung und Spionageabwehr sind ehemalige Gymnasiasten und Ingenieure, Schlosser und Ärzte tätig und in der Lage, das zu leisten, was manche professionell Ge­schulte nicht vermögen…

Gerade in Revolutionen entstehen durch die gesellschaftliche Praxis oft neue soziale Formen, die später von Theoretikern lange untersucht und erforscht werden. Die übliche Logik kreativer Tätigkeit scheint sich hier umzudrehen: das theore­tische Modell und seine praktische Umsetzung entstehen fast gleichzeitig (Beispiele dafür – die Pariser Kommune, die ersten Sowjets in Russland 1905, die Erfahrungen der UdSSR mit allen ihren Widersprüchen und sogar die heu­tige alterglobalistische Bewegung – sind gut bekannt).

Doch diese mächtige soziale Energie trägt unweigerlich auch entgegengesetztes Potential in sich, was offensichtlich ist: Laut Definition ist eine Revolution im­mer ein Prozess der Zerstörung des alten Systems. Es ist allgemein bekannt (jedenfalls für jeden Kenner des klassischen Marxismus, was wir einleitend zu diesem Problem schon kurz erwähnt hatten), dass in der Revolution im Prinzip die alten, überlebten sozialen Formen zerstört werden müssen (Produktions­verhältnisse, wirtschaftliche und politische Institute, soziale Gradationen, ideo­logische Stereotype usw.). In der Praxis zerstören die Revolutionen jedoch fast immer zugleich auch Produktivkräfte, einige Elemente der Kultur und löschen auch Menschenleben aus. Es wäre falsch, wenn man dafür nur die Revolutionen verantwortlich machen würde: in den meisten Fällen sind diese Zerstörungen auf den Widerstand der alten Welt zurück zu führen, die Terror und Krieg provo­ziert. Doch auch die Revolution trägt unweigerlich zerstörendes Potenzial in sich. Zusammenfassend kann hier hinsichtlich des Subjekts der assoziierten sozialen Kreativität einer Revolution schon bei der ersten Annäherung ein bestimmtes Maß zerstörender und kreativer Faktoren der Revolution festgestellt werden.9

Erstens: Je höher,[1.] stärker, barbarischer und mächtiger das System der Ent­fremdung war, und [2.] je verzweifelter der Widerstand einerseits war, je nie­driger [3.] das Niveau der Selbstorganisation und der [4.] Kultur der revolu­tionären Massen war, – desto größer [5.] sind die Spontaneität und der Einfluss [6.] der entfremdeten Motive des Kampfes (wie „stiehl das Gestoh­lene“), die für den von dem alten spießbürgerlichen System „Beleidigten“ charakteristisch sind, – desto geringer [7.] werden die Motive des Kampfes (sowohl objektive wie subjektive) für die unmittelbare soziale Befreiung sein, und desto mehr [8.] „werden auch die Revolutionäre vorauseilen“ hinsichtlich der objektiven Mög­lichkeiten, neue Verhältnisse zu schaffen.

In dem Maße, wie derartige Züge für den revolutionären Prozess charakteri­stisch sind, wird dieser zerstörerisch und barbarisch werden und nicht nur auf die Vernichtung der alten Formen der Unterdrückung gerichtet sein, sondern auch auf deren materielle und kulturelle Grundlagen, sowie (und das ist das tragischste Element einer zur Revolte ausartenden Revolution) – auf mensch­liche Leben. In einem solchen Fall muss aber jeder, der über solche zerstöre­rischen Handlungen urteilt, die Frage stellen: Wer hat die Massen denn in einen derartigen Zustand getrieben, wenn nichts als ein Schutt und Asche hinterlas­sender Ausbruch die sozialen Widersprüche lösen kann? Und hier hat A. Blok wirklich mehr als Recht, wenn er der „raffinierten“ Intelligenz vorhält, dass die Bauern, indem sie Landgüter in Brand setzten, nicht nur Kulturdenkmale ver­nichtet haben, sondern auch den sozialen Boden ihrer Unterdrückung und Ver­sklavung (also – den Ort und ein Symbol ihrer Erniedrigung, Ausraubung und Schmach.)

Und die Revolution wird umso stärker kreativen und befreienden Charak­ter tragen, je mehr das alte System verfault [1.] ist (je tiefer die objektiven Wi­dersprüche sind), und [2.] je schwächer die herrschende Klasse ist („die Ober­schichten können nicht mehr auf die alte Art und Weise regieren“); je tiefer die Gesellschaft in der Krise steckt [3.] („die Unterschichten nicht mehr auf die alte Weise leben wollen“), aber zu sozialen Umgestaltungen bereit sind, sowohl materiell [4.] (es sind genügend objektive sozial-ökonomische u.a. Vorausset­zungen für die Genesis eines neuen Typs gesellschaftlicher Organi­sation vor­handen) – wie auch [5.] geistig (die Revolution wird von einem bedeutenden Teil der kritisch denkenden Bürger und der kreativen Intelligenz gewollt, und es ist eine vorrevolutionäre Atmosphäre in der Kultur und im gesellschaftlichen Bewusstsein vorhanden); und je stärker das revolutionäre Subjekt [6.] der revolutionären Veränderungen seine konstruktiven Ziele begreift (sich aus einer Klasse-an-sich in eine Klasse-für-sich verwandelt), und folglich [7.] je stärker die gesellschaftlichen Formen der Selbstorganisation dieses Subjekts vorbe­reitet sind (die revolutionären Kräfte organisiert und vorbereitet sind zu sozialer Kreativität, und inwieweit sie genügend kräftige „soziale Muskeln“ haben) plus [8.] je mehr Kultur die revolutionären Kräfte besitzen, (je weiter der „soziale Intellekt“ der Revolution entwickelt ist).

Wir wiederholen nochmals: je weiter diese objektiven und subjektiven Voraus­set­zungen entwickelt sind, die jeder Marxist gut kennt10, desto friedlicher und weniger zerstörerisch wird die Revolution verlaufen (für den Menschen, seine Produktiv­kräfte und Kultur).

Diese „Formel“ hat jedoch sehr beschränkte Bedeutung, denn Revolutionen sind historische Ereignisse, und sie finden nicht in dem Augenblick statt, zu dem sie von der einen oder anderen Partei in ausreichendem Maße vorbereitet sind, son­dern sie hängen objektiv vom Willen und vom Wunsch bestimmter politischer Kräfte ab.

Die Aufgabe der Revolutionäre besteht also nicht darin, eine Revolution „nach Regeln“ durchzuführen, sondern darin, die reale Dialektik der entstehenden und sich entwickelnden revolutionären Ereignisse zu verstehen, die „Algebra (wir würden sagen, die höhere Mathematik, die sehr komplizierte Dialektik) der Re­volution“, die revolutionären Kräfte und die Gesellschaft maximal auf die heran­nahenden Erschütterungen vorzubereiten, und – soweit dies objektiv mög­lich ist – den Grad der Bewusstheit und Organisiertheit der revolutionären Kräf­te zu heben und (wie ein geübter Geburtshelfer) zu einer schmerzlosen Geburt des neuen sozialen Organismus beizutragen. Und hier können Unentschlos­senheit und Verspätung nicht minder gefährlich sein als zu große Eile.

Mehr noch: da jede Revolution praktisch unter Bedingungen entsteht, da durch­aus nicht alle notwendigen und ausreichenden Bedingungen für ihre schmerz­lose Durchführung vorhanden sind, besteht die große Mission und Verantwor­tung der revolutionären Kräfte darin, dafür zu sorgen, dass es ihnen gelingt, die noch fehlenden Elemente des neuen Gesellschaftsge­bäudes im Prozess der revolu­tionären Ereignisse „hinzu zu bauen“.

Und in diesem Sinne muss man der „leninschen Garde“ bestätigen, dass sie den notwendigen Mut und die Verantwortung besaß, als sie sich unter den kompli­zier­ten Bedingungen der Krise des Russländischen Imperiums entschied, eben diesen Weg zu gehen und dass sie beschloss, die Interessen und Aktionen der breitesten Massen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern der Welt zur Revolution erhoben hatten, nicht aus Vorsicht oder Angst – wie die Menschewiki – zu verraten; eine andere Sache ist es, dass es den Bolschewiki nicht gelungen ist, diese Linie des „Hinzubauens“ der Voraussetzungen der Revolution nach dem politischen Umsturz durchzuhalten: sie haben im Kampf eine Niederlage erlitten… gegen ihr Alter Ego, den Mutationen des Sozialismus. Übrigens war der mutante Sozialismus zusammen mit der Niederlage und der Tragödie der Bolschewiki noch eine Großtat, es war eine Großtat all jener, die aus der Oktoberrevolution hervor­gegangen sind und das 20.Jahrhundert zu einer Epoche des Kampfes für den Sozialismus im Weltmaßstab gemacht haben.

So wird die soziale Revolution in dem Maße, wie es nicht gelingt, ihre Voraus­setzungen „hinzuzubauen“ (oder wo es objektiv nicht möglich ist, wegen Feh­lens von Voraussetzungen eine neue Gesellschaft zu erschaffen) unweigerlich entweder in eine Konterrevolution entarten und es wird zur Wiederherstellung der früheren Ordnung bzw. zum Entstehen einer mutanten Art der neuen Gesell­schaft kommen, die inadäquate objektive und subjektive Bedingungen hervor­bringt (solche, wie zum Beispiel eine Entartung der revolutionären Kräfte, einen „Thermidor“).

Beispiele einer derartigen Mutation sind nicht nur die stalinsche UdSSR, sowie auch zahlreiche andere Soziume, zum Beispiel die mutant-kapitalistischen Monster von Ende des 19.–Anfang des 20. Jahrhunderts, die in sich militärisch-feudale und imperialistische Züge vereinen. Und wenn wir im Falle der UdSSR von einer durch die objektive Tendenz der Großen Sozialistischen Oktoberre­volution entstandenen „überholenden“ Mutation wegen „zu früher“ Entstehung der neuen Gesellschaft sprechen können, so sollte man im Falle der bürgerlichen Umgestaltungen im Imperium Russlands besser von „zurückbleibenden“ Muta­tion des Kapitalismus sprechen.11 Letztere entstand, weil die Bewegung zur bür­gerlichen Gesellschaft sehr spät begonnen hatte und sie sich zu langsam vollzog, weil sie künstlich durch die herrschenden Klassen gehemmt wurde, weil sie sich nicht radikal genug und mit halbschlächtig reformistischen Metho­den vollzog, was zum Entstehen eines „militärisch-feudalen Imperialismus“ mit Massen­ar­mut, Analphabetismus und politischer rasputinscher und romanow­scher Diktatur führte.

Aber! Und das möchten wir immer wieder unterstreichen: es wäre ein großer Fehler, wenn man diese Mutationen als eine Folge dessen betrachten würde, dass die Revolutionäre im ersteren Fall zu schnell und zu radikal gehandelt hät­ten, und im zweiten zu schwach und zu unentschieden gewesen wären. Die Dialektik von Objektivem und Subjektiven in der Revolution ist bedeutend komplizierter, und oben haben wir zum Teil schon versucht, einiges aus dem ABC dieser „Algebra“ aufzuzeigen, indem wir so gut es ging, auf Erfahrungen und Theorie großer Revolutionäre der vergangenen Jahrhunderte verwiesen.

Wie bereits festgestellt, war und wird auch in Zukunft das komplizier­teste Pro­blem der sozialen Befreiung die Dialektik der Erschaffung neuer, progres­siverer Gesellschaftsformen und die Zerstörung der alten sein, die Dialektik des Fortschritts und jenes Preises, der objektiv für diesen bezahlt werden muss. Im Allgemeinen wird dieses Problem auf dem Wege der Negierung, der Zerstörung der antagonistischen sozialen Formen, bei Erhaltung und Entwick­lung der materiellen und geistigen Kultur, des gegenständlichen Körpers und der tätigkeitsbezogenen Welt der Subjekte der Kreatosphäre selbst gelöst (das heißt, einfach bei der Erhaltung, Entwicklung und Veränderung, nicht aber indem die Objekte der materiellen Produktion, der Wissenschaft und Kunst, der Errungen­schaf­ten und Traditionen der Vergangenheit und die Menschen selbst – die deren Träger sind – „als Klasse“ vernichtet werden.)

Doch diese Lösung ist nur „im Allgemeinen“ gut. In der Praxis wird der „Akti­vis­­mus“ der Befreier oft zu Zerstörung nicht nur der entfremdeten sozialen Formen (die von neuen ersetzt wurden), sondern auch der Kultur (bis zur phy­sischen Vernichtung von Kulturdenkmalen und kreativ selbständiger Persönlich­keiten. Siehe dazu im nächsten Abschnitt.) Das Problem bedarf also einer konkreteren Lösung, bei dessen Suche wir uns dem Gesetz des sich gegenseitig bereichernden Fortschritts von Kultur und sozialer Befreiung zuwenden müssen; hierbei verhält sich das Maß der Entwicklung der Kreatosphäre direkt propor­tional zum Maß der sozialen Befreiung (und/oder des Kampfes für die soziale Befreiung) und umgekehrt proportional zum Maß der Entfremdung in seinen quantitativen (zum Beispiel die Ausbeutungsrate) und qualitativen Parametern (die Evo­lution der Arten der Entfremdung von der persönlichen Abhängigkeit bis zur globalen Hegemonie des Kapitals). Wir haben genügend Material ge­sammelt, um einen neuen Schritt bei der Aufdeckung des darin enthaltenen Inhalts zu tun.

Eine Folge des genannten Gesetzes (wir verzichten absichtlich auf eine Reihe von Zwischenpunkten zur Erläuterung dieser Verbindungen) ist der Imperativ der Befreiung der Kultur: um die Kreatosphäre im vollen Umfang beizubehalten und weiter zu entwickeln (unter Einschluss nicht nur der gegenständlichen Welt der Kultur im üblichen Sinne des Wortes – Bibliotheken, Museen… –, sondern auch das kreative Potenzial der Bürger wie Land, Natur, Selbstwert, Produk­tions­apparat als Sein der Kultur usw.) ist es erforderlich, die Beziehungen der Entfremdung aufzuheben und soziale Beziehungen zu entwickeln, die adäquate Bedingungen für den Fortschritt der Kultur garantieren.

Hinsichtlich der Hypothese von gegenseitig bereicherndem Fortschritt der Kultur und der sozialen Befreiung möchten wir hervorheben: im ersten Fall geht es weniger um materiellen Wohlstand und Entwicklung negativer Freiheit (ob­gleich das eine wie das andere wichtige Voraussetzungen der sozialen Befrei­ungen sind) als um die Intensität der (potenziellen und in Aktionen umsetzba­ren) Energie der sozialen Kreativität, unter anderem um die Energie des Kamp­fes gegen die Entfremdung. Das Potenzial Letzterer kann in Gesellschaf­ten, wo starke Unterdrückung herrscht, sehr hoch sein, aber wenn diese kurz vor ihrem Zusammenbruch stehen, wo soziale Kreativität und Kultur sich nicht „dank“, sondern „trotz“, im Kampf gegen die Entfremdung stattfindet, so ist dies im Sinne von sozialer Kreativität. Im zweiten Fall legen wir, wenn wir vom Maß der Entfremdung sprechen, den Akzent auf die Stärke der Unter­ordnung der Werktätigen unter das herrschende System und den Grad, bis zu dem sie sich mit dieser Unterordnung abgefunden haben (was besonders typisch sein kann für relativ „satte“ Soziume stagnierender Länder.

Beispiele, die die oben genannte These bestätigen, lassen sich in der Geschichte der Menschheit praktisch in allen starken Kulturkreisen finden. Der Umschwung der Geschichte beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus und die da­durch hervorgerufenen Unruhen und Revolutionen führten zum Entstehen von Wissenschaft und Kunst der Renaissance in Italien und in den Niederlanden, dann in Deutschland und später auch in Russland. Der außerordentlich ange­spannte Widerspruch der Keime einer sich massenweise vollziehenden sozialen Kreativität (“Enthusiasmus“), die durch einen nie da gewesenen revolutionären Aufschwung zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie durch das Stalinregime in der UdSSR verursacht war, schuf die Bedingungen für die Entwicklung (sowohl des „dank“ [des Enthusiasmus“] und des „trotz“ [des „Stalinregimes]) für ein so erstaunliches Phänomen wie die sowjetische Kultur12

Durch die belebende Luft der Freiheit oder des Kampfes um diese Freiheit wur­den in der Geschichte der Menschheit immer wieder hervorragende kultu­relle (wissen­schaftliche, die Bildung fördernde, künstlerische, sittliche) Errun­gen­schaften hervorgebracht. Aber jedes Mal, wenn objektive und subjektive Fak­toren die sozialen Umgestaltungen und die Kultur von einander trennten, hatte dies tragische Folgend: Erstere entarteten in Aktivismus und Gewalt. Letztere verschwand unter den Trümmern des entartenden und zerfallenden sozial-um­ge­stal­tenden Prozesses.

Mehr noch, die Kultur und ihr Prozess sind eine der wichtigsten Energiequellen der sozialen Kreativität, denn sie stimulieren die Entwicklung dieser als positive schöpferische Tätigkeit.

Die Kultur erfüllt diese Rolle (diese sozial-philosophische Begründung ist in Arbeiten von G. Lukács zu finden), da sie eine Art von Verkörperung der „angeborenen Wesenheit des Menschen“ ist. Die Tatsache, dass gerade die für die wirkliche Kultur charakteristischen substantiellen Eigen­schaften des Men­schen in Gestalt einer Tragödie der Persönlichkeit entfremdet (kreative Tätig­keit, würdiges Leben) sind und gegen die die Welt beherrschenden Gesetze der Ent­frem­dung und gegen die Träume von der Selbstverwirklichung der eigenen menschlichen Qualitäten rebellieren13, ist eine sehr wichtige Vorausset­zung der sozialen Krea­tivität. Die Kultur bewahrt im sozialen Gedächtnis des Menschen und entwickelt ständig (durch die Kreativität immer neuer Künstler und Denker, die gegen die Welt der Entfremdung ankämpfen) den Traum von einem anderen Leben (Lukács hätte gesagt: den menschlichen Traum von seiner wahren angeborenen Wesenheit14), um so die wichtigste subjektive (exakter: kulturell-kreative) Voraussetzung zum Kampf für die soziale Befreiung zu schaffen.

In diesem Zusammenhang ist das Verhältnis der Kulturschaffenden zur sozialen Kreativität von Bedeutung: Engagement für sozial-umgestaltende Tätigkeit für Kreative, nicht für jene, die sich (in ihren Ideen und/oder materiell) nicht völlig von dem System der Entfremdung gelöst haben. Dies kann als Lakmustest die­nen, inwieweit diese sozialen Umgestaltungen wirklich zur Befreiung des Men-schen, das heißt, zur Kultur beitragen. Verzicht der frei denkenden kreati­ven Schicht der Gesellschaft (die sich nicht dem Establishment einer „Elite“-Intel­ligenz unterordnet) auf einen Dialog mit den sozial aktiven Kräften würde eher von deren bald zu erwartendem (oder schon begonnenem) Rück­schritt zeugen.15.

Aus dem Gesagten lässt sich erklären, warum die Vereinigung der Kreativität [im engen Sinne des Wortes] der Erbauer der Kreatosphäre und der sozialen Kre­ativität der Massen auf dem Wege eines Dialogs – bei dem jede der Seiten ein aktives, selbständiges Subjekt ist –, eine nie da gewesene optimistische Kul­tur hervorbringt, die [1.] zugleich hoch ist und von den Massen aufgegriffen wird (erforderlich ist, aufgeschlüsselt und weiter „ergänzt“, aber vom Volk nicht benutzt wird) wie auch die [2.] ebenso erfreuliche, musikalische (um mit A. Blok zu spre­chen) Mit-wirkung an einem neuen Leben durch die „Unterschich­ten“16.

Hieraus ergibt sich auch eine wichtige (und komplizierte) zweifache Aufgabe: Es gilt zu erreichen, dass jedes Subjekt sozialer Umgestaltungen mit dem kreativ produk­tiven Teil der Gesellschaft in Dialog kommt, dass es der Macht der Kräf­te der Entfremdung entrissen und in die Tätigkeit freier Assoziationen einbezo­gen wird, die diesen Individuen größere Möglichkeiten der Selbst­verwirkli­chung bieten als das herrschende System.17

Für die Subjekte der Kreatosphäre ist das die Aufgabe, selbständig Wege für einen Dialog mit den Kräften der sozialen Befreiung zu suchen, und ihr durch die Praxis entstandenes Misstrauen gegenüber der zumeist mit den Machtorga­nen fraternisierenden kreativen Intelligenz zu überwinden; diese Aufgabe, „den Untertanengeist in sich zu überwinden“, steht vor allem vor der Intelligenz…

Damit könnten wir vielleicht unsere Überlegungen über den Dialog zur Ent­wicklung der Kreatosphäre und der sozialen Befreiung im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“ beenden, wäre da nicht noch die prinzipiell so wichtige Fra­ge des Wachstums der Arbeitsproduktivität und des Fortschritts des materiellen Reichtums. Sind es doch gerade die „einfachen“ Arbeitsmenschen, die mit reproduktiver Arbeit Beschäftigten, die nicht nur alle materiellen Güter erzeu­gen, sondern auch mit ihrer Arbeit sowohl die Kreatosphäre als auch die Entfremdung erzeugen. Dazu stecken sie noch in einem doppelten Schraubstock: dem der Ausbeutung durch die herrschenden Klassen einerseits und dem der Entfremdung von der Kultur andererseits; und dabei sind sie die einzige Kraft, die die materiellen Grundlagen für die Entwicklung beider Welten schafft und als Persönlichkeiten nicht weniger an kreativem Potenzial besitzt als die „elitä­re“ Intelligenz (jedoch unter schwerer sozialer Unterdrückung leidet).

Das Hauptproblem der sozialen Befreiung ist also die bereits schon erwähnte Frage der Freiheit für die Werktätigen hier und jetzt – in einer Welt, in der sie vorwie­gend mit reproduktiver Arbeit beschäftigt sind. Wie bereits festgestellt, wird dieses Problem durch Herausbildung solcher gesellschaft­licher Verhält­nisse gelöst, bei denen die Hauptmasse der Werktätigen (und unter den gegen­wärtigen Bedingungen ist dies vorwiegend die Klasse der Lohnarbeiter) unter Bedingun­gen lebt, wo sie [1.] von der Kraft des sozialen Protests durch­drun­gen ist, [2.] bis zur Einbeziehung in die Welt der Kultur „aufgestiegen“ ist und [3.] durch Dialog mit den Subjekten kreativer Tätigkeit integriert ist.

Ein solches System gesellschaftlicher Verhältnisse ist (darauf haben wir eben­falls bereits hingewiesen) vor allem assoziierte soziale Kreativität. Sie wird nur unter Bedingungen des „Reichs der Freiheit“ zur herrschenden Gesellschafts­form18, und dort kommt es zunächst auch nur zu formaler Befreiung vorwiegend inhaltlich nichtkreativer Arbeit (die nur die soziale Form betrifft – Vereinigung in freiwilligen offenen Assoziationen zwecks gemeinsamer Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums). Die Keime dieser Befreiung – das war jener wahre Enthusiasmus, mit dem die „freiwilligen Komsomolbrigaden“ unter schwer­sten Bedingungen mit Picke und Spaten nicht nur neue Städte, Betriebe, und Schulen aufgebaut haben, sondern auch neue gesellschaftliche Verhältnisse, Zeugnisse von Werten, Motiven und Tätigkeiten, die von einem neuen Men­schen kündeten. Das ist uns gut bekannt (wie auch das hierzu in schrecklichem Widerspruch Stehenden: die Koexistenz und der Kampf gegen das Stalinregime.

In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, nochmals auf die mit einfach­sten Funktionen beginnenden formalen Zeichen der Befreiung der Arbeit hin­zuweisen (wie es die Rechnungsführung und Kontrolle u.a. war). Denn dadurch konnte bei den Massen die Erkenntnis wachsen, dass es notwendig ist, sich Kul­tur und Bildung anzueignen.19 (Ein Beispiel hierfür war bei allen Wider­sprüchen dieser Periode die Kulturrevolution in der UdSSR, die bei den unteren Schichten einen in Breite und Kraft außergewöhnlichen Drang nach Kultur, Wis­­sen und Eigeninitiative auf vielen Gebieten auslöste: in der Kunst, im Sport, bei der Erschließung von Neuland, beim Konstruieren neuer Maschinen, in Pädagogik und Wissenschaft…)

Im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“ waren soziale Reformen und Revo­lutionen das Einzige, was allen „einfachen“ Werktätigen an Formen sozialer Kre­­ativität zugänglich war. Für uns sind hierbei die Revolutionen von beson­derer Bedeutung, die nicht zufällig „Lokomotiven der Geschichte“ und „Fei­ertag der Unterdrückten“ genannt wurden. Damit wurde in relativ kurzen Zeit­räumen auf einen ganzen Komplex der oben erwähnten Probleme aufmerk­sam gemacht. Nebenbei bemerkt, es ist auch heute so, dass durch Reformen und Revolutionen, durch dieselben und in denselben jedes Mitglied der „Globalen Mensch­heit“ [Anspielung auf den Titel des 1997 erschienenen futuristischen Romans von A. Si­nov’ev „Global’nyj čelovejnik“. Die Übers.] auch heute und jetzt jeder an jedem Punkt des Planeten Erde persönlich in den Prozess der Be­freiung der Menschheit und damit der positiven Selbstbefreiung einbezogen werden kann.

Dabei werden Reformen zu einem allgemein zugänglichen Palliativum, zu einer Übergangsform von Entfremdung/Befreiung, während soziale Revolution all­gemein zugängliche Welt (Raum und Zeit) der positiven Freiheit im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“ ist.

Die soziale Revolution als qualitativer Umbruch, als Wechsel qualitativ unter­schied­licher Systeme der Entfremdung (Produktionsweisen) und umso mehr als bevorstehender Beginn des Übergangs vom „Reich der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“ bedeutet eine Reihe für uns besonders wichtiger Kenn­zeichnungen des Prozesses der sozialen Befreiung.



  1. Die soziale Revolution als zeitweiliger Sieg des „Reichs der Freiheit“

 

Setzen wir fort. Die oben genannten Aspekte von Revolutionen sind soziali­sti­schen Theoretikern relativ gut bekannt. Bedeutend seltener (mit Ausnahme einer Reihe kritischer Marxisten „der sechziger Jahre“) wird eine andere wich­tige Art sozialer Revolution hervorgehoben – das Phänomen einer Art „kommu­nisti­schen Charakters“ jeder (auch einer bürgerlichen) wirklichen, von unten aus­gehenden sozialen Revolution. Die Erscheinung, dass von den Massen Ele­mente einer positiven Freiheit geschaffen werden, ist besonders für das Sta­dium des revolutionären Aufschwungs charakteristisch, wenn die Menschen beim Zerbrechen der alten Entfremdungsformen – wie wir bereits sagten – für einen kurzen historischen Augenblick frei werden. In diesem Sinne ist jede sozi­ale Revolution ein Zerbrechen nicht nur einer der historisch konkreten Formen der Entfremdung (der alten Formation), sondern auch eine Revolution gegen das „Reich der Notwendigkeit“.

Mehr noch, da jede Revolution (auch eine „nur“ auf die Ablösung einer Unter­drückungsmethode durch eine andere, progressivere) zugleich auch eine Revo­lution gegen die Welt der Entfremdung insgesamt ist (kurzfristiger Sieg des „Reichs der Freiheit“ – wir werden später nochmals speziell auf diese Frage zurückkommen) ist jede Revolution (auch eine nichtsozialistische) bestrebt, auch etwas objektiv Unmögliches zu tun, – zumindest zeitweilig wenigstens einige Elemente realer Befreiung für die Werktätigen und nicht nur für die neue herrschende Klasse zu schaffen und Platz für die Entwicklung der Kreatosphäre zu sichern.

Das war praktisch für jede große revolutionäre Erschütterung charakteristisch – von solchen langfristigen wie die Renaissance, als die Qualen der etwas zu frühen (wir wollen nicht vergessen: in Italien hat der erste Versuch eines Durch­bruchs zur bürgerlichen Gesellschaft eine Niederlage erlitten) Geburt einer negativen Freiheit von einem nie da gewesenen Fortschritt der Kreatospäre begleitet war, der bis zu so dramatisch explosiven Ereignissen wie die Große Französische Revolution ging, in dem die Elemente des Kampfes der Befreiung der Werktätigen von der Ausbeutung zusammen mit dem antifeudalen Kampf vertreten waren.

Jede soziale Revolution ist als solche (mit Ausnahme vielleicht der kommu­nistischen) mit einem immanenten inneren Widerspruch (dem ersten, der von uns genannt wird) behaftet: als Revolution gegen das „Reich der Notwen­dig­keit“ insgesamt muss sie [auch für den Kampf gegen die Entfremdung] alle Kräfte der Befreiung und die kulturell-kreativen Kräfte der Menschheit zusam­menschließen; als konkreter Akt eines konkreten Wechsels antagonistischer Produktionsweisen trägt sie unvermeidlich konkreten Klassencharakter, der die Gesellschaft auch entsprechend dem Klassenprinzip unterteilt.

In ihrer ersten Qualität, als Antithese jeglicher Entfremdung, ist jede Revolution auch Antithese von Kleinbürgertum (von spießbürgerlichem Konformismus, von sozial passiver Einstellung von Menschen, die sich gern äußeren Lebensregeln unterordnen und fähig sind, aus der Rolle zu fallen, wenn diese gewöhnlichen Beschränkungen ihrer Existenz wegfallen) als universell soziale Form des Seins eines „Menschen der Entfremdung“.

Aus diesem Grunde ist die Antithese „Kleinbürger – Revolutionär“ für das Verständnis des Wesens der sozialen Kreativität so bedeutsam.

Der Kleinbürger zeichnet sich dadurch aus, dass er die Kräfte der Entfremdung einfach nicht sieht, nicht hört und nicht fühlt, weil er sich als Marionette emp­findet (als Sklave des Kapitals, als Beamter, als jemand mit einem Status) in einem einzig möglichen menschlichen Sein und wo er vollauf zufrieden ist, dass er manipuliert wird und keine persönliche Verantwortung trägt. Wenn man diese Verbindung begreift, kann man eine weitere wichtige These formu­lieren, die uns von dem kreativen sowjetischen Marxismus her bekannt ist: der erste Schritt des Menschen zur Revolution ist die Erkenntnis der Entfrem­dung als persönliches und soziales Problem, die Erkenntnis (sowohl kulturell und ver­standesmäßig als auch praktisch), dass man selbst nur eine Funktion darstellt, dass man eine Marionette äußerer, dem Menschen fremder gesellschaftlicher Kräfte ist (Geld, Staat usw.); „Entfremdung fühlen bedeutet, diese halb zu überwinden“, so könnte man dies in übertragenem Sinne und im Geist unserer marxistischen Vorgänger darstellen. Und gerade die Revolution ist – wenn man dem Leben (und zugleich den Kleinbürgern) die entfremdeten Masken abnimmt, und sie jenen manchmal mit Haut und Haaren herunterreißt, bei denen sie fest angewachsen sind, – die Revolution ist die radikalste Methode zu erkennen, was die Welt der Entfremdung wirklich ist (und darum ist sie beim Kleinbürger auch am meisten verhasst).

Revolution als Kampf gegen die Entfremdung zusammen mit dem bereits ge­nann­ten Phänomen der objektiv bedingten „Trunkenheit durch Freiheit“ führt (und ermöglicht auch , nebenbei bemerkt, die theoretische Erklärung) zu dem den Geschichtsphilosophen gut bekannten Phänomen, „dass Revolutionen zu früh kommen“, wenn die sich selbst befreienden Massen in Bezug auf die ob­jektiven Möglichkeiten zu weit voranseilen.

Hierauf beruht übrigens auch die Romantik jeder wirklich sozial-kreativen (so auch der revolutionären) Tätigkeit, die unter den Bedingungen des „Reichs der Notwendigkeit“ stattfindet. Während der Mensch die Elemente der positiven Freiheit schafft und sich aus der Unterordnung unter die herrschenden sozialen Formen, Motive und Werte löst (Geld- und Machthunger), kommt er in der Welt der Entfremdung immer „nicht zur rechten Zeit“ und ist romantisch. Diese Ro­mantik kann der Welt von Nutzen sein (wie zum Beispiel die Großtaten von Fliegern, Geologen. Erbauern neuer Betriebe und Städte in der UdSSR in der Periode ihres Aufblühens); den Machtorganen kann diese objektive Nützlichkeit sogar zum Vorteil gereichen (was die sowjetische Nomenklatur zum Beispiel eine zeitlang ausgenutzt hat). Sie kann aber auch aktiv abgelehnt werden, und nicht nur von der Elite, sondern auch von der verbürgerlichten Mehrheit der Gesellschaft in der Periode der Stagnation oder Konterrevolution.

Im Unterschied zu diesen Perioden sind Revolutionen ihrer Natur nach als „Abstraktionen der Zukunft“ romantisch. Da sie ein qualitativer Sprung sind, werden Revolutionen auch zu einer Epoche (vielleicht nur sehr kurzfristig, einige Wochen oder Monate lang, wie zum Beispiel die Pariser Kommune), in der die Menschen nicht in der gerade vor sich gehenden Gegenwart leben, son­dern im Dialog der Vergangenheit mit der Zukunft, im Prozess der Schaf­­fung/Entstehung der Zukunft, die gerade hier und gegenwärtig geschaffen/ge­boren wird. Wobei unter den Bedingungen des Zusammenbruchs der äußeren entfremdeten Determinanten diese Geburt der Zukunft direkt und auf der Stelle gerade und vor allem schon vom Menschen selbst, von seiner persönlichen Fähigkeit (und von der Fähigkeit seiner Mitstreiter) abhängt, diese Zukunft zu erkennen, mit ihr und in ihr zu leben wie ein Dichter in seinen Versen, ein Komponist in seiner Musik, ein Pädagoge in seinen Schülern lebt… Das lässt jeden wirklichen Revolutionär zum Romantiker und jede Revolution zu „einer Abstraktion der Zukunft“ werden.

Doch hierbei ist die andere Seite der Medaille außerordentlich wichtig: die Aufhebung der äußeren Determinanten öffnet das Feld weit für Subjektivismus und Voluntarismus, und die Freiheit für die Selbstverwirklichung des Menschen wird zu ungezügelter Antikreativität. Hinter diesem Problem steckt noch ein weiterer Widerspruch der Revolution als soziale Kreativität in der Welt der Entfremdung (der zweite, den wir hervorheben wollen): einerseits ruft sie die soziale Aktion gewaltiger Massen wach, die dazu berufen sind, komplizierte sozial-kreative Aufgaben zu lösen, andererseits zerbricht sie aber sämtliche so­ziale und organisatorische Formen für eine derartig breite Massen erfassende Tätigkeit. Die Formen zur Lösung dieses Widerspruches können mehr oder weniger konstruktiv sein in Abhängigkeit vom Umfang der auf Aufbau und Zerstörung gerichteten Faktoren der Revolution. Ihre „Formel“ haben wir oben bereits erwähnt, doch wir wollen trotzdem nochmals unter­strei­chen, dass eine Revolution ein objektiver Prozess ist, und dass alle „Formeln“ nur einige Geset­ze, Tendenzen sowie stabile soziale Verbindungen zum Ausdruck bringen, und dass sie nicht dazu genutzt werden können, um die Ergebnisse der revolutio­nären Aktionen arithmetisch aufzurechnen (obgleich sie als ein theoretischer Kompass dienen können und sollen, um den Kurs im stürmischen Ozean der Revolution festzulegen).

Außerdem möchten wir extra nochmals darauf verweisen, dass hier das Maß von besonderer Bedeutung ist, wie in der Revolution „die Kultur zu Tage tritt“. Denn gerade dieses Maß muss, wie bereits festgestellt wurde, auf die Ansprüche der Revolutionäre beschränkend wirken (in dieser Beziehung ist der „Rückzug“ Le­nins zur Neuen Ökonomischen Politik [NÖP] charakteristisch, der von den Stalinisten nicht akzeptiert wurde).

Anhand der im vorliegenden Text nur kurz gestreiften Analyse der Dialektik der Wechselbeziehungen zwischen den Prozessen der Entwicklung der Kreatos­phäre und der sozialen Befreiung (die im Zusammenhang mit dem Gesetz der wechsel­seitigen Bereicherung des Fortschritts von Kultur und sozialer Befreiung kurz erwähnt wurde), lässt sich zeigen, dass soziale Revolutionen nicht nur die Folge des Widerspruchs der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse sowie scharfer Zuspitzung der Klassenwidersprüche sind (was zu den nie veral­tenden Grundthesen des Marxismus gehört), sondern auch Folge eines Auf­brechens einer Überakkumulation von kulturellem Potential der Gesellschaft durch das „alte“ Entfremdungssystem, das bis an den Rand der Explosion ge­bracht wurde. Der Kultur (ebenso wie den Produktivkräften – diese beiden Phä­nomene über­schneiden sich nebenbei bemerkt zum Teil), deren Entwicklung für die Selbst­erhaltung der alten, verfaulenden Gesellschaft besonders notwen­dig ist, wird es einer­seits in den früheren sozialen Rahmen zu eng. Andererseits strebt die Kultur, die Kreatosphäre (deren nichtlineare Entwicklung dem Leben der mensch­lichen Art invariant ist) in Gestalt ihrer besten Vertreter irgendwie danach, sich selbst vor den aggressiv-zerstörerischen (oder stagnierenden und sich zersetzenden Einwirkungen der für die nächste revolutionäre Situation reif gewordenen Welt der Entfremdung) zu schützen (wir sprechen vorerst von den objektiven Bestandteilen derselben).

Es ist daher nicht zufällig, dass der erste Impuls einer wirklichen Revolution zuerst im Kopf von „Dissidenten“-Intelligenz entsteht, (die in der Regel schöp­ferisch besonders produktiv ist). Ein anderer Bestandteil dieses Prozesses ist der Protest des kreativen Teils der Gesellschaft gegen die Zerstörung und Unter­drückung der echten Kultur des alten Systems, das mit der einen Hand versucht, in seinen gebrechlich werdenden Körper das „Blut junger Mädchen“ hinein zu pumpen (Kultur zu entwickeln), während es mit der anderen alles Neue und Progressive hemmt.

Die Revolution, die diesen Widerspruch in einem mächtigen und kraftvollen Aufwallen sozialer Kreativität und Anti-Entfremdung zur Explosion bringt, erzeugt dadurch ein mächtiges Feld, das Potential für die Entwicklung der Kreatosphäre generiert. Letzteres hängt insbesondere damit zusammen, dass die soziale Revolu­tion als eine Revolution, die sich auch gegen die Entfremdung (und nicht nur gegen eins der konkreten Systeme der Produktionsverhältnisse und des Überbaus) richtet, zugleich auch eine Befreiung des Fortschritts der Kreatosphäre (als einer untergeordneten, aber ständig im Rahmen des „Reichs der Notwendig­keit“ anwesenden „Linien“ der Entwicklung des Menschen) von der sozialen Unterdrückung (zumindest für die kurze Zeit der Vorbereitung und Verwirklichung qualitativer sozialer Umgestaltungen) ist. In diesem Sinne können wir sagen, dass die soziale Revolution in dem Maße, wie sie eine Revo­lution gegen die Entfrem­dung überhaupt ist (und nicht nur gegen eine ihrer Arten), die „höchste Aufgabe“ des Fortschritts der Kultur“ löst, – die Aufhebung der Entfremdung. In diesem Zusammenhang ist offensichtlich, dass der Impera­tiv der kommunistischen Revolution die Aufhebung der Ent­frem­dungsver­hältnisse (als System) ist, die der Entwicklung der Krea­tosphäre (Kultur, Mensch als sich frei und harmonisch entwickelnde Persön­lichkeit, Biosphäre) freien Raum gibt. In welchem Maß die Revolution diese Aufgabe löst (unter anderem auch innerhalb des „Reichs der Notwendigkeit“), zeigt, in welchem Maße die Revolution kommunistischen Charakter hat (zugleich aber auch das Maß an Kultur und Humanismus).

Hier liegt auch die Höhe der Kultur, von der eine positive soziale Revolution begleitet wird; wie zum Beispiel in der Renaissance als Bestandteil der bürgerlichen Revolution oder der vor- und der postrevolutionäre Aufschwung der Kultur in Russland im 20. Jahrhundert.

Jede Revolution ist aber, wie wir bereits festgestellt haben, auch Zerstörung des alten Systems, wo „zugleich“ mit dem früheren, alten System der Produktiv­kräfte und des Überbaus die revolutionären Kräfte (im 16. bis 19. Jahrhundert – „der dritte Stand“, die Bourgeoisie ebenfalls, im 20. Jahrhundert – die Werk­tätigen und vor allem das Proletariat) sowohl materielle wie kulturelle Elemente des ökonomischen und politischen Systems der Vergangenheit zerstören.

In dieser Dialektik der Befreiung und Zerstörung liegt das Wesen der Revolu­tion, und das Maß dieses Verhältnisses (unter Berücksichtigung auch des Maßes von reaktionärem und zerstörendem Charakter des früheren Systems20) zeigt den wahren progressiven (bzw. reaktionären, das heißt den konterrevolutio­nären) Charakter dieser oder jener qualitativen sozialen Umgestaltungen. Und in diesem Sinne haben wir ein theoretisch bestimmtes Maß, das es uns ermöglicht, jede qualitative Veränderung der Gesellschaft einer Reihe von Revolutionen zuzuord­nen (bei all ihrer tragischen Ungleichmäßigkeit) bzw. einer Reihe von Konterre­volutionen (bei einem gewissen positiven Potential auch dieser Aktionen).

Und dennoch dient jede wirkliche Revolution dem Fortschritt der Kultur. Mehr noch, wir können sagen, dass nur jener soziale qualitative Fortschritt („Explo­sion“), der einem neuen Sprung [1.] in der Entwicklung der Kreatosphäre dient, der bei der Entstehung des [2.] Entfremdungssystems aber weniger antago­nistisch auf den Fortschritt der Kultur einwirkt als der vorhergehende (bzw. wenn er in einer kommuni­stischen Revolution zur Aufhebung der Entfremdung führt) und somit [3.] eine Zunahme des Umfangs an sozialer Befreiung bringt, von uns als wirkliche soziale Revolution (nicht nur als Aufstand) betrachtet werden kann und ein Feiertag nicht nur für die Unterdrückten, sondern auch für die Kultur ist.

Darum zieht eine wirkliche soziale Revolution, die einen zeitweiligen Zustand sozialer Befreiung erzeugt, den suchenden und kreativ offenen Teil der Intel­ligenz an sich heran (wobei sie wie ein mächtiger Sturm auch eine Menge Müll mit sich führt). Dabei werden die Grundlagen der Lebenstätigkeit jenes Teils der Intelligenz angetastet (und zerstört), die mit dem „alten“ Entfremdungssystem verwachsen waren und deren kreative Qualitäten wie bei privilegierten Sklaven zur Bedienung der Hegemonie der Macht missbraucht wurden. Und dieser Teil der Intelligenz wendet sich in der Regel am aktivsten gegen die Revolution (falls die neuen Machtorgane es nicht vermögen, diese „Leute“ rechtzeitig „irgendwie auf ihre Seite zu ziehen “.

Gleichzeitig ist es aber in jeder sozialen Revolution im Rahmen des „Reichs der Notwen­digkeit“ – beginnend mit der Befreiung und endend als Sieg eines neuen Systems der Entfremdung – so, dass jene, die sie vollziehen, sich den neuen Machtverhältnissen anpassen müssen (zum Beispiel gelangt die Intelligenz, wenn sie sich beim Übergang zum Kapitalismus von der Unterordnung unter die Aristokratie löst, in die Unterordnung des Marktes, des Goldenen Kalbs); – das heißt, während die Intelligenz, wie V. Mežuev festgestellt hat, in der Revolution auf Don Quichotte wartet, gelangt sie in den Würgegriff der Umarmung von Sancho Pansa.



4. Die Revolution als kreatives Werk der Werktätigen: Massen und Intelligenz, sozialer Erbauer und Schurke

Es ist allgemein bekannt, dass jede Revolution (im Unterschied zu einer Re­vol­te oder zu einem Staatsstreich) breite Schichten der Werktätigen zu schöpferisch umgestaltender Aufbautätigkeit initiiert und sie zu gemeinsamen bewussten po­sitiven Aktionen inspiriert. Je tiefer die Umgestaltungen sind, desto größere und organisiertere Aktionen verlangt die Geschichte verlangt. Nicht zufällig akti­vieren Revolutionen daher so breite Kreise von Neuerern aus den „Unter­schich­ten“ zu kreativer (sowohl kultureller als auch sozialer) Tätigkeit (so wurde zum Beispiel ein Großeil der Kultur der Renaissance, der Aufklärung und weiterer Perioden bürgerlicher Revolutionen gerade von Vertretern des unterdrückten dritten Standes geschaffen) und lassen sie so zu wirklichen Feiertagen der Un­ter­drückten werden. Gerade für sie wird eine Revolution ein Feiertag. Und nicht irgendein Karneval (erinnern wir uns an Rabelais und seine hervorragende Dar­stellung in dem Buch von M. Bachtin21), sondern eine Befreiung von der Macht der Unter­drückung in Raum und Zeit und ein Aufstieg zu selb­ständiger Er­rich­tung neuer Verhältnisse, wo die Werktätigen wirklich ihre schöpferische Kraft fühlen und in der Praxis ihre Fähigkeit beweisen können, selbst würdige Eigner des gesellschaftlichen Lebens zu sein.

Im Ergebnis überwinden in der Revolution nicht nur der kreative Teil der Ge­sellschaft (über dessen widersprüchliche Stellung in der Revolution und dessen Verhältnis zur Revolution siehe weiter unten), sondern auch die „durch­schnitt­lichen“ Werktätigen die engen Grenzen ihres entfremdeten produktiv-ökonomi­schen Seins (den Status des einzelnen Lohnarbeiters, der Funktion der gesell­schaftlichen Teilung von Arbeit und Kapital, zum Beispiel wenn die Sphä­re der Verhältnisse der Selbstorganisation betreten wird (auch wenn diese bisweilen spontan ist), wenn man zum Subjekt der unmittelbaren sozialen Kre­ativität wird (unter den Bedingungen von Revolutionen, die im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“ stattfinden, – vorwiegend in Formen des politischen Kampfes). Schließlich ist es gerade die Revolution, die den „einfachen“ Men­schen zum kreativen Erbauer macht (und im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“ – ist es nur die Revolution).

In Revolutionen vollbringen früher niemandem bekannte einfache Bürger (be­son­­ders Jugendliche) unter normalen Verhältnissen unmögliche, Wundern gleichkommende Dinge, weil sie in diesen Perioden kurzzeitiger Zerstörung der Macht der Entfremdung die den Menschen unterjochenden äußeren Zwänge ab­werfen (Staat, Geld, Traditionen), weil sie die verfestigten Stereotype ablegen (wo jeder Mensch schon im Voraus und genau weiß, dass einem Mitglied einer bestimmten Kaste in irgend welchen Jahren etwas Bestimmtes gestattet war, während etwas Anderes nie und nimmer gestattet war noch je würde), und sie tun ganz ohne Zwang das, was gestern noch ganz unmöglich schien (und dies war aber auch tatsächlich nicht möglich, – und nicht, weil der Mensch nicht in der Lage war, es zu tun, sondern weil verfestigte soziale Formen es nicht erlaub­ten).

Die Revolution zerreißt die sozialen Hüllen, entkleidet alle: Könige und Arme, so dass jedem sichtbar wird, wozu eine bestimmte Person ungeachtet ihrer sozia­len Uniform wirklich fähig ist. Die Revolution öffnet den in jedem Menschen schlummernden Talenten den Weg, denn in ihrer Welt wird jeder nach seinen persönlichen Fähigkeiten und Handlungen eingeschätzt, und nicht gеmäß einer sozialen Rolle (eines Adligen oder eines Leibeigenen, eines Millionärs oder eines Bettlers).

Das, was wir oben als „angeborene Wesenheit eines Menschen“ bezeichnet haben, das erhält in der Revolution seine volle Verwirklichung (soweit dies in der Welt der Entfremdung möglich ist), und soziale „Stummheit“ (G. Lukács) eines Menschen wird von einem sich in breitestem Maße und blitzartig ausdeh­nenden Gefühl des Menschen abgelöst. Man kann mit Lukács sagen, dass der jahrhundertealte Traum des Menschen von der Aneignung seiner angeborenen Wesenheit (nicht nur von der Gerechtigkeit, sondern auch von der Aneignung der menschlichen Würde — erinnern wir uns, was oben gesagt wurde hinsicht­lich der Rolle der Kultur, insbesondere der Tragödie als einer Kraft, die den Humanismus von einer Generation zur anderen und von einem Land ins andere trägt und weiter gibt) nicht nur in praktischen Handlungen verwirklicht wird, sondern auch (wie die Kultur selbst) zu einem bedeutenden Faktor revolutio­närer Fortschritte wird.22

Darüber hinaus eröffnet die Revolution nicht nur den Talenten den Weg; unter den Bedingungen eines radikalen Zusammenbruchs des alten und eines revoluti­onären Aufbaus der Grundlagen eines neuen Systems werden von der Gesell­schaft im Wirbel der sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit entwickelnden sozialen Zeit in breitem Umfang talentierte, außerordentliche (bisweilen auch heldenhafte) Persönlichkeiten und Handlungen erwartet. In Verbindung mit den Möglichkeiten einer freien – und nicht durch äußere Kräfte der Entfremdung auf­­gezwungene – Selbstorganisation, des Zusammenschlusses in Assoziationen und Verbänden, lässt diese Atmosphäre des Weckens und des Erfordernisses von Talenten in den Menschen Eigenschaften wachsen, die den Spießbürger nach Jahrzehnten und Jahrhunderten noch in Verwunderung versetzen; und dies lässt Generationen von Persönlichkeiten heranwachsen, starke, talentierte, sympathische Titanen im wahrsten Sinne dieses Wortes (da muss man an die „Leninsche Garde“ denken, an die Kohorte jener Menschen, die als „einfache“ Intellektuelle oder Arbeiter etwas zu schaffen vermochten, was das Vermögen der besten Experten der Epoche überstieg, was Begeisterung und Zittern aus­löste und wo menschliche Eigenschaften selbst noch nach den stalinschen Lagern bewundert wurden23).

Etwas Anderes ist, dass die unterdrückten Klassen ebenfalls zwiespältig sind, wie auch die kreative Intelligenz. In den Massen (ob dies der „dritte Stand“ in der bürgerlichen Revolution ist oder das Proletariat in einer frühsozialistischen Revo­lution) stecken – wie wir bereits sagten – machtvolle Oppositionen dienst­barer Sklaven des Systems der Entfremdung und sozial kreativer Kräfte. Dieser Widerspruch tritt in der Revolution voll zutage und eröffnet freien Raum für Energien (auch zerstörende) sowohl für den Erbauer als auch für den zerstö­renden, durch die Schrecken des früheren Systems in Wut geratenen Kleinbür­ger (was uns sehr an die bekannte These von aus Empörung angerich­teten Unta­ten erinnert24). So hat für Kleinbürger eine Aufhebung der strengen sozialen Beschränkungen unter Bedingungen, wo nicht nur äußere Richtlinien, sondern auch fest gefügte moralische Normen wegfallen, zur Folge, dass der konfor­mi­stische Teil der Werktätigen (in kapitalistischen Zeiten betrifft das vor allem die Kleinbourgeoisie) zu „Schurken“ wird. Ein „Schurke“ ist ein Sklave, der er­stens nicht fähig ist, selbständig an neuen sozialen Beziehungen mitzuwir­ken, weil er [1.] seine sozial untergeordnete Stellung (in sich und für sich) nicht überwunden hat, [2.] weil er zu Korrosion und Auflösung neigt (sozial unorga­nisiert ist) und [3.] weil er kulturlos ist, obgleich nicht unbedingt gänzlich ohne Bildung. Zweitens ist dies ein Sklave, der aktiv alles ablehnt und sogar zer­stört, was nicht in den Rahmen der vorhandenen (seinen Regeln ent­sprechenden) Welt­­ordnung passt (und zu dieser Weltordnung können auch Gesetze stalinscher Zuträgerei und des Marktfundamentalismus gehören).

Unter den Bedingungen der Revolution, da die vorhandene Weltordnung vor den Augen dieses wütenden Schurken zerfällt, hat das zur Folge, dass dieser unfähig zur Selbstorientierung wird, wodurch zugleich sein Streben zu chao­tischen und zerstörerischen Aktionen (Bandenbildung und Kriminalität) und zu Machtaus­übung mit harter Hand provoziert wird. Diese Kleinbürger und Spie­ßer, die „wild geworden sind“ von den Unbestimmtheiten und den Widersprü­chen der Revolution sowie von der Notwendigkeit (aber Unfähigkeit), selbstän­dig, bewusst, mit Sachkenntnis Beschlüsse zu fassen und zu handeln, können wir durchaus als „Schurken“ bezeichnen.

Und wir sind auch bereit – so wie die Intelligenz Russlands dies tut – zu erklären, dass dieser „Schurke“ der größte Feind der Kultur und der Gesell­schaft ist, dass die Revolution ihm (unter anderem) vorerst jedoch keine sozialen Zügel anlegt. Kategorisch treten wir aber jenen entgegen, die in den revolutio­nären Massen nur und vor allem Schurkerei sehen. Hier geht es nicht nur darum, dass sich eine Revolution dadurch von einer Revolte unterscheidet, weil in ihr das bewusste sozial-kreative (das heißt, das kulturvolle und sich selbst organi­sierende) Subjekt führend ist, sondern auch darum, dass die „elitäre“ Intelli­genz, – nachdem sie von der die Persönlichkeit unterdrückenden Bevormundung durch die herrschenden Kreise (die sie materiell und ideell am Gängelband hielt) befreit ist – ebenfalls zu „Schurken“ wird (was übrigens nicht verwunderlich ist: ihrem sozialen Status nach ist sie die Oberschicht der Konformisten, die auf dem Gebiet der geistigen Produktion tätig ist, zum Beispiel die Kleinbürger unter den Bedingungen des Spätkapitalismus).

Ihr „ganzes Trachten“ richtet diese sich auf die Notwendigkeit, alle ihre Pro­bleme selbst zu lösen (von der ideologisch-moralischen Orientierung in der ihr unbe­kann­ten Welt, in der es weder „Oberschichten“ noch „Unterschichten“ gibt, bis zu der Notwendigkeit des Broterwerbs) und der Gefahr des Verlusts ihrer mate­riellen und geistigen Privilegien (wieso denn, wir sind doch die „geistigen Väter der Nation“!). Aus diesem Grunde wird sie in nicht geringerem Maße als die „kulturlosen“ Spießbürger zum „Schurken“. Und diese zwei „Schurken“, die sich anfangs erschraken und sich gegenseitig hassten („Schlag zu bei dem, der einen Hut auf hat!“; „Häng den Pöbel an den Galgen!“), finden sehr schnell zusammen in dem gemeinsamen Bestreben, eine Macht der harten Hand zu errichten. Dabei kann es sein, dass „elitäre“ Intellektuelle bisweilen nicht nur grob, sondern zu Bestien werden, wenn sie zur Zerschlagung der Revolution aufrufen, und das tun sie auch hinsichtlich der Kultur (man braucht nur an den bis zu direkten Mordaufrufen reichenden tiefen Hass vieler „Intelligenzler“ gegenüber Blok, Majakovskij und zahlreichen anderen Kulturschaffenden zu denken, oder daran, dass eine Reihe emigrierter „Intelligenzler“ den deutschen Faschismus unterstützt haben, der ganze Völker vernichtet hat, von Kultur­denk­malen gar nicht zu reden. Und diese Reihe von Beispielen könnte weiter fort­gesetzt werden25).

In diesem Sinne kann man mit vollem Recht sagen, dass ein „Schurke“ (in der oben dargelegten doppelten Bedeutung) wirklich die Hauptgefahr jeder Revo­lution und Kultur ist. Und gerade aus diesem Grunde ist die Zwieschläch­tigkeit der Massen (unter anderem auch der Intelligenz) in der Revolution (Subjekt der sozialen Kreativität versus „Schurke“) ein ganz tiefer und gefährlicher Wider­spruch, der nur in dem Maße gelöst werden kann, als es der Revolution gelingt, in den Werktätigen (und auch – darauf sei nochmals besonders hingewiesen – in der Intelligenz) nicht nur den Sklaven, sondern auch den Schurken zu über­winden und zu helfen, sich selbst bewusst in Erbauer einer neuen Gesellschaft und Kultur zu transformieren. Und die Bedingung hierfür ist, wie bereits gesagt, Integration der Kräfte von Revolution und Kultur.

 

5. Revolutionen sind Lokomotiven der Geschichte. Auf dem Wege zum „Reich der Freiheit“

Die Revolution als besondere Welt der sozialen Kreativität und als zeitweiliger (wenn wir von sozialen Revolutionen im Rahmen des „Reichs der Notwendig­keit“ sprechen) Sieg der sozialen Freiheit bringt einen speziellen Typ von sozialer Zeit und Raum hervor. Durch die gewaltige Verausgabung von Energie revolu­tionärer Kreativität eines große Massen erfassenden Subjekts werden sozi­aler Raum und Zeit zusammengepresst, wodurch ihre Konfiguration wesentlich verändert wird.

Im Verlauf einiger Tage oder Monate vollziehen sich in revolutionären Perioden so viele historische Ereignisse wie niemals in Jahrzehnten der Ruhe oder Stag­nation. Die Zeit der Revolution als Zeit unmittelbarer sozialer Kreativität ver­geht außerordentlich schnell und erfordert von den Teilnehmern dieses Pro­zesses ebenso schnelle und exakte, selbständige, schöpferische (und in diesem Sinne unbedingt talentvolle) Reaktion (oben wurde bereits besonders hervorge­hoben, dass unter Bedingungen von Revolutionen menschliche Talente unbe­dingt in großem Umfang benötigt werden, da die Geschichte, die ebenso wie die Natur keine Leere duldet, unter den Bedingungen des Zusammenbruchs des al­ten Systems Schöpfer neuer gesellschaftlicher Formen benötigt – und dies in gewaltigen Ausmaßen, worin Größe und Gefahr dieser Epochen liegt.

Nicht weniger radikal verändert sich der soziale Raum: die Revolution presst die Subjekte der sozialen Kreativität zu einer internationalen Welt zusammen, in der Arbeiter und Bauern nicht nur der größten Länder, sondern auch aus Dörfern in weit abgelegenen Gebieten anderer Kontinente (und dies – so sei gesagt – in vom Informationszeitalter weit entfernten Epochen), wo man nicht nur von Re­vo­lutionen hört (in Petrograd oder Paris), sondern auch bereit ist, die Kampf­genossen mit eigenen Kräften zu unterstützen. Unter diesen Bedingungen ver­ändern „Zentrum“ und „Peripherie“ oftmals wesentlich ihre Konfiguration; bis­weilen wird der periphere Charakter gänzlich überwunden, und in kleinen Randgebieten der „zivilisierten Welt“ (wie zum Beispiel in Kuba Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts) geschehen Ereignisse, die die ganze Welt in Erstaunen versetzen. Im Ergebnis lässt die in Raum und Zeit zusammen­ge­presste soziale Kreativität von Millionen Menschen (vor und nach der Revo­lution, in „gewöhnlichen“ Epochen, in der Welt und in der Geschichte verstreut) gewaltige gesellschaftliche Kräfte zum Leben erwachen und erzeugt eine außer­ordentliche Dichte solcher kurzen Zeiten miteinander zusammenhängender Er­eig­nisse und Veränderungen.

Unter Verhältnissen sozialer Revolutionen vergeht die historische Zeit außeror-dentlich schnell, der Raum schiebt sich zusammen und verkürzt den sozialen Abstand zwischen Menschen, Klassen und Staaten, denn hier wirken die Geset­ze der unmittelbaren sozialen Kreativität, wo zur Schaffung neuer gesell­schaft­licher Verhältnisse die Energie [1.] der breiten Massen und nicht einer engen Schicht der Elite genutzt wird, und [2.] diese Energie direkt und unmittelbar auf die Entstehung von Geschichte (außerhalb der Barrieren der Entfremdung) ge­rich­tet ist. Das ist der Grund, warum Revolutionen „Lokomotiven der Geschich­te“ werden. Gerade soziale Revolutionen sind Raum und Zeit einer maximalen (im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“) Vorwärtsbewegung der Mensch­heit auf dem Weg der sozialen Befreiung. Die Revolutionen, das möchten wir nochmals feststellen, sind jene einzigartigen Perioden der Vorgeschichte, wo die Menschen selbst, direkt, vor den Augen der verblüfften Kleinbürger neue gesell­schaftliche Verhältnisse schaffen und sie institutionalisieren: neue Eigentums- und Verteilungsverhältnisse, heue Formen der Organisation der Arbeit und des politischen Lebens. Im Verlauf von Tagen und sogar Stunden werden gesell­schaftliche Phänomene geschaffen, die für immer in der Geschichte verbleiben: Deklaration der Rechte des Menschen, Sowjets der Arbeiter- und Bauerndepu­tierten und Tausende weitere…

Das geschieht aber nur in dem Maße, wie diese Handlungen nicht in Aktivismus und voluntaristische Gewalt ausarten. In der Praxis haben indes alle Revolu­tio­nen, die es in der Geschichte gegeben hat, in diesem oder jenem Мaße (und für uns ist gerade das Maß objektiv von Bedeutung) diese ansteckende Krankheit der „Entartung“ „durchgemacht“; alle – von den Bürgerkriegen und den Kriegen für die Unabhängigkeit vor der Großen Französischen Revolution und vor der Großen Oktoberrevolution; – und die Geschichte muss noch herausfinden, wo die qualitative Grenze überschritten bzw. nicht überschritten wurde, an der eine Revolution in eine Revolte ausartet, wo der überhitzte Dampf die „Lokomotive der Geschichte“ zur Explosion bringt und Zerstörung, Opfer und sozialen Rück­schritt bringt. Aber so, wie die Gefahr der Explosion einer Lokomotive nicht den Prozess der Entwicklung der Eisenbahn aufhalten konnte, so kann die Gefahr der Entartung von Revolutionen auch nicht die progressiven Verände­run­gen aufhalten, die die Werktätigen auf ihrem Weg zum „Reich der Freiheit“ indirekt oder direkt vollbringen.

Fassen wir zusammen.

Die Hauptvoraussetzungen, die die Menschheit direkt an die große Epoche des Übergangs aus dem „Reich der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“ heranführen, das der direkte Erbe und die adäquate Form des Fortschritts und der Kreatosphäre sowie der sozialen Kreativität ist, das heißt die Vorausset­zungen der kommunistischen Revolution sind:

1) das Wachstum der Produktivität der Arbeit und des materiellen Reichtums, der Fortschritt der Produktivkräfte, die die erforderlichen Grundlagen für die soziale Befreiung schaffen; und in diesem Sinne alle Werktätigen, unabhängig davon, wie sie subjektiv zum Fortschritt der Freiheit stehen, sind Erbauer des materiellen Fundaments dieses Fortschritts;

2) der Fortschritt der Kreatosphäre, der einerseits ein Impuls zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität und des Fortschritts der Produktivkräfte ist, bedeutet letzten Endes einen Fortschritt der Qualitäten der Persönlichkeit des Menschen (der Entwicklung seiner angeborenen Wesenheit), die unmittelbar zur Notwendigkeit eines Sprungs „jenseits“ der materiellen Produktion führt, zur Umwandlung der kreativen Arbeit zum Hauptfaktor der Entwicklung und andererseits in eine Grundlage des „Kulturellen“, in einen aufbauenden positiven Faktor künftiger sozialer Umgestaltungen, eine Art „Impfstoff“ gegen Aktivismus und eine übertriebene erkenntnistheoretische Überheblichkeit, als habe man die Gesetze der Geschichte richtig verstanden. Infolgedessen dienen alle kulturellen und kreativen Kräfte der Gesellschaft, die über Jahrtausende die Welt der Krea­tosphäre aufbaut, ebenfalls der Sache der Befreiung des Menschen.

3) der Kampf für die soziale Befreiung (der über eine Serie von Reformen und Revolutionen zu einer negativen Freiheit und weiter zum Klassenkampf des Proletariats geht) führt, nachdem er verschiedene Stufen durchlaufen hat, zur Bildung von Übergangsformen der Selbstorganisation der Werktätigen und Bürger und schließlich zur Entstehung des Subjekts der assoziierten sozialen Kreativität, das die große Aufgabe der sozialen Befreiung, die kommunistische soziale Revolution, unmittelbar vollzieht; aus diesem Grunde stehen alle wirklichen Revolutionäre und Reformer sowie Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit („Grenada, Grenada, Du mein Grenada…) geschlossen hinter jenen, die diese Revolution vollzogen haben.

In der Kommunistischen Revolution haben die Kräfte der Befreiung im Prozess der qualitativen Transformation des „Reichs der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“, der möglicher Weise lange Jahrzehnte, wenn nicht noch mehr Zeit in Anspruch nimmt, wirklich nichts zu verlieren als die Ketten der Entfremdung (und das nicht aus dem Grunde, weil sie arm sind, sondern weil sie in dieser Re­vo­lution den materiellen Reichtum aus einem Selbstzweck in ein Mittel und eine Voraussetzung für den Fortschritt des Menschen verwandeln).

Und in dieser Revolution gewinnen sie wirklich die ganze Welt (und dies auch nicht deshalb, weil sie eine Weltdiktatur errichten, sondern weil sie den Weg zur Ent­wicklung der assoziierten sozialen Kreativität eröffnen wollen, die es dem Menschen ermöglicht, eine Welt wahrer Freiheit zu gewinnen. Das bedeutet: eine Welt des Guten, der Wahrheit und der Schönheit. Das bedeutet, das Erbe des gesamten Reichtuns an Kultur anzutreten, das die Menschheit hervorge­bracht hat; und von diesem Augenblick an wird sich die Entwicklung der angeborenen Wesenheit des Menschen in adäquaten Formen vollziehen, die den Übergang von der Vorge­schichte zur Geschichte der Menschheit mani­festieren.)

Das ist aber nicht so, weil der Verfasser dies glaubt. Dies ist der „Ausdruck“ für die Entwicklung der objektiven Tendenzen der materiellen Produktion, der Kreatosphäre, des praktischen und geistigen Kampfes des Menschen für seine Befreiung. Daher können wir auch Karl Marx und Friedrich Engels interpre­tierend feststellen, dass die Welt der Entfremdung infolge ihrer inneren Wider­sprüche selbst die materiellen und kulturellen Grundlagen schafft und die sozia­len Kräfte ihrer Aufhebung, ihre „Totengräber“, in dem Maße entstehen lässt, wie die Produktivkräfte voranschreiten, die Kreatosphäre sich entwickelt und sich das Subjekt der assoziierten sozialen Kreativität (des Kampfes für die sozi­ale Befreiung) herausbildet.

* * *

Die Epoche des unmittelbaren Übergangs zum „Reich der Freiheit“, die Epoche sozialistischer Umgestaltungen hat 1917 in Russland begonnen, doch sie hat Großtaten, Fehler, Blut, Schweiß und die Inspiration der ganzen Welt bekannter und auch niemandem bekannter Reformer, Revolutionäre, Wissenschaftler, Künst­ler und Pädagogen, großer Denker und „einfacher“ werktätiger Neuerer in sich aufgesogen… Sie hat gewaltige Errungenschaften sozialer Kreativität und ungeheuerliche Mutanten hervorgebracht, sie wurde Grundlage nie da gewese­ner Inspiration für die Kultur und schrecklicher Verbrechen gegenüber dem Menschen…

Wir stehen noch am Anfang des Prozesses. Die entscheidende Phase des größten Aufstiegs in der Geschichte der Menschheit steht noch bevor. Gegenwärtig, beim Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert, erleben wir das Zurückrollen, die Revanche der Welt der Entfremdung. Doch wenn wir die Grenzen des „Reichs der Notwen­digkeit“, die Widersprüche seiner höchsten Stufe (des späten Kapita­lismus), die für die heutige Übergangsform charakteristischen Keime der Zu­kunft, die Errungen­schaften und die Fehler (Verbrechen?) des mutanten Sozi­a­lismus analysieren, – wenn wir dies alles verallgemeinern, so können wir das den kreativen Marxisten bekannte Gesetz (die Tendenz) der Zunahme der Frei­heit – eines nichtlinearen Fortschritts der materiellen, kulturellen und sozial-kreativen Voraussetzungen des „Reichs der Freiheit“ – formulieren und die real sichtbaren Züge des künftigen „Reichs der Freiheit“ schon heute prognosti­zie­ren…

Aleksandr Buzgalin









A. Buzgalin

Die Oktoberrevolution: Der Optimismus der Tragödie



Die Zeit kennt kein Mitleid. Sie verläuft nicht geradlinig. Sie rückt nicht nur alles an die rechte Stelle, sondern schüttelt – so scheint es – auch bereits geäu­ßerte Einschät­zun­gen dichter zusammen.

Das betrifft in vollem Maße auch die Oktoberrevolution. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts wurde auch sie oft eingeschätzt und wieder neu bewertet. Und dieser Prozess wird sich fortsetzen.

Vor zehn Jahren dominierte bei den Wertungen der Oktoberrevolution noch eindeu­tig die Kritik. Heute hat sich diese Verurteilung eklektisch mit No­stal­gie in Bezug auf die UdSSR und die imperiale Vergangenheit Russlands ver­mischt. Immer stärker machen sich konservative Großmachttendenzen bemerk­bar ­in Richtung auf Versöhnung zwischen „Weißen“ und „Roten“ mit Zuneigungsbekundungen zum Imperium (egal zu welchem…).

Das Eine wie das Andere ist kein Zufall: Wir befanden und befinden uns im Rückwärtsgang der Geschichte. Umso wichtiger ist es jetzt, wieder ehr­lich und offen über die großen Erfolge und schweren Fehler all jener nachzu­denken, die unsere Revolution verwirklicht haben. Nicht, um uns über sie zu stel­len, sondern um die ganze Bedeutung der Ansichten zu erkennen, die die Retrospektive von hundert Jahren bietet. Nicht um die eigenen kommunistischen Ansichten zu ka­schieren, sondern auch, damit man die Erkenntnis der objektiven Prozesse nicht entstellen kann. Nicht um zur Wahrheit in letzter Instanz vorzu­dringen, aber auch nicht, um offener Polemik mit ideellen Opponenten und Kollegen aus dem Wege gehen.

Es sei hervorgehoben: trotz aller Wandlungen, die es gegeben hat, bleibt im­mer auch etwas, was sich in seinen Grundlagen nicht verändert. Das betrifft insbesondere den Stand­­punkt unserer Lehrer, unserer Genossen und des Verfasser selbst. Und aus diesem Grunde wiederhole ich im Folgenden ganz bewusst eine Passage aus einem Text, den ich zum 90. Jahrestag der Oktoberre­volution geschrieben hatte, und ergänze ihn nur in einigen Punkten.

Natürlich wird in dieser Diskussion das Wichtigste sein, ob die Ereignisse des Oktobers 1917 eine Revolution waren, und wenn ja, so was für eine.

In Kreisen unserer Opponenten, die zu der einen oder anderen Spielart konser­vativ-imperialer oder rechtsliberaler Strömungen gehören, ist es üblich, die Ok­to­berereignisse 1917 nur als einen Staatsstreich, als eine Verschwörung eines Häuf­leins ambitiöser Politiker zu betrachten, die den gesetzmäßigen Verlauf der Ge­schichte gestört und den schnellen Fortschritt der Russländischen Großmacht unterbrochen haben, indem sie das Land in die Arme des “Reichs des Bösen“ getrieben haben. Ihre Argumente sind allgemein bekannt und werden schon lange und wohlverdient von vielen bekannten Wissenschaftlern (u.a. auch in einigen Texten dieses Buches) sehr zu Recht und gut begründet kritisiert. In Arbeiten Hunderter solider Historiker, Politiker, Soziologen und Philosophen wurde gezeigt, welche qualitativen Veränderungen nach 1917 in der gesamten Materie des sozialen Lebens unseres Vaterlandes und vieler anderer Länder der Welt vor sich gegangen sind, welche bedeutsamen gesellschaftlichen Kräfte als aktive Subjekte und nicht als passive Objekte der Umgestaltungen darin einbe­zogen waren und wel­che Breite die Unterstützung der Aktionen der Revolution sowohl in unserem Lande wie in der ganzen Welt erlangt haben.

Seit dem Oktober 1917 begann die Suche nach qualitativ neuen Formen des ge­sellschaftlichen Lebens in sich ständig erweiternden Räumen, die schließlich ein Drittel der Menschheit erfassten.

Das betraf die Wirtschaft, wo die Verhältnisse der Warenproduktion und des Kapitals durch Verhältnisse der Planwirtschaft und der gesellschaftlichen An­eignung abgelöst wurden.

Das betraf die soziale Sphäre, wo sich eine neue soziale Struktur der Gesell­schaft herausbildete und die soziale Ungleichheit radikal abnahm.

Das betraf die Kultur, wo das hinsichtlich seiner Bedeutung und seines Poten­tials internationale Phänomen der sowjetischen Kultur entstanden war.

Und das Wichtigste, in diesem qualitativ neuen sozialen Raum-und-Zeit-Kontinuum entstand ein neuer Mensch, für den die Werte und die Praxis des kreativen Schaffens wichtiger waren als Besitz, für den das „Unsere“ wichtiger war als das „Meine“, als Macht und Geld.

Und das war ein Weltprozess, der nicht nur das sozialistische Weltsystem er­fasste, sondern praktisch alle Länder der Welt, wo sich die Kräfte des Sozialis­mus mehr oder weni­ger entwickelten.

Das war ein äußerst widerspruchsvoller, nicht linearer Prozess. Er führte zu großen Erfolgen und tragischen Niederlagen, aber es hat ihn gegeben. Mehr noch, ungeachtet der zahlreichen Niederlagen und Rückzüge setzt er sich auch im neuen Jahrhundert fort. Und das ist der Hauptbeweis dafür, dass im Jahr 1917 revolutionäre, epochale Veränderungen begonnen haben.

Doch die Feststellung dieser Tatsache entbindet uns nicht von der Notwendig­keit, die Frage zu beantworten, welche Art von Revolution (Revolutionen?) 1917 stattgefunden hat.



  1. Der Oktober 1917: Revolution. Sozialistische

 

Die These von der Oktoberrevolution als einer sozialistischen Revolution, die im Rahmen der früheren sowjetischen Tradition unerschütterlich erschien, ist unter den postsowjetischen Marxisten schon lange und mit Argumenten belegt in Zweifel gezogen worden26. In Weiterentwicklung der Thesen von A. Gramcsi, Rosa Luxemburg sowie einer Reihe von Vertretern der internationalen trotzkisti­schen Richtung usw. versuchen viele heutige Verfasser zu beweisen, dass die Oktoberrevolution von 1917 sowohl hinsichtlich ihrer realen Ergebnisse als auch hinsichtlich der realen Triebkräfte die Fortsetzung der Februarrevolution war, Teil eines Prozesses der bürgerlichen, wirtschaftlichen, sozialen und sogar technologischen Revolution in Russland. Das Ergebnis dieser Gedanken führte gesetzmäßig zu der Schlussfolgerung von einem im Großen und Ganzen bürger­lichen Charakter des „realen Sozialismus“. Bei verschiedenen Autoren kann die­se These unterschiedliche Variationen annehmen (Staatskapitalismus u.a.), doch das Wesen bleibt unverändert: der sozialistische Impuls der Oktoberrevo­lu­tion wird verneint.

Die Hauptargumente dieser Verfasser sind gut bekannt: das Hauptsubjekt der revolutionären Ereignisse konnte nicht das Proletariat sein (es war in Russland zahlenmäßig äußerst klein) und ist es auch nicht geworden. Die Hauptaufga­ben, die die Revolution wirklich gelöst hatte, waren bürgerliche (Industrialisie­rung, Urbanisierung, Überwindung des Analphabetentums usw.). Die sozial-ökono­mischen Verhältnisse, die in der UdSSR herrschten, kann man nur schwer sozia­listisch nennen, denn das Maß der Entfremdung des Menschen von der Arbeit, ihrer Mittel und Ergebnisse war – nach der Meinung dieser Verfasser – unter den Bedingungen dieses Systems kaum höher als unter den Bedingungen des „klassischen Kapitalismus“.

Gut bekannt sind auch die Gegenargumente jener, die (wie z.B. B.F. Slavin) besonders die sozialistischen Faktoren der Revolution im Auge haben.27 Das ist der sozialistische Charakter der Partei der Bolschewiki und anderer linker Par­teien, die die Revolution vollzogen haben; der Inhalt vieler sozial-ökonomischer Umgestaltungen (nicht nur der Nationalisierung, sondern auch der Planwirt­schaft, der sozialen Garantien usw.); der neue Typus des Menschen, der sich im Ergebnis des Sieges dieser Revolution herausgebildet hat; das Selbstbewusstsein ihrer Subjekte u.a.

Mit diesen Argumenten kann und muss man einverstanden sein, aber dennoch scheinen sie mir nicht ausreichend zu sein. Sie beweisen vor allem, dass wäh­rend der Revolution selbst und in dem System, das entstand, nachdem sie statt­gefunden hatte, reale Keime einer neuen, postkapitalistischen Gesellschaft vor­handen waren. Das kann man beweisen. Und damit können schließlich auch einige unserer Opponenten einverstanden sein.

Viel komplizierter und zugleich wichtiger ist es zu beweisen, dass der wirkliche Inhalt der Oktoberrevolution sozialistisch war. Und diesbezüglich möchte ich mich eini­gen oben genannten theoretischen Thesen über den Charakter der Re­volution zuwenden.

Wie im ersten Teil des Textes besonders hervorgehoben wurde, ist das Haupt­kriterium der sozialen Revolution das die Massen erfassende Erwachen sozialer Kreativität. Und die Oktoberrevolution war wirklich zur Quelle eines solchen Schöp­fertums der Unterschichten geworden, das auf das Verschwinden der Ent­fremdung in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens gerichtet war: Millio­nen von Menschen haben es sich nicht nur gewünscht, sondern sie haben bisweilen prak­tisch um den Preis ihres Lebens – so, wie sie es vermochten –, am Aufbau einer neuen Welt mitgewirkt; und es war kein Zufall, dass sie mit den Worten der „Internationale“ in den Kampf, in den Tod, auf die Baustellen und in die Schulen zogen: Die Arbeitsleute in Stadt und Land werden aufgerufen, sich von Müßig­gängern und Unterdrückung (das heißt, von der Entfrem­dung zu be­fr eien, wenn man es von der Sprache der Poesie in der Sprache der Philosophie überträgt) „Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger, alles zu werden, strömt zu­hauf!“ Hier ist sie, die soziale Kreati­vität der Massen! Der Weg aus dem Nichts zum sozi­alen Subjekt, das mit seinen Händen, seinem Talent und seiner Lebens­kraft eine neue Welt erbaut und alle Formen der Gewalt überwindet.

(Es sei nochmals wiederholt: Wir erinnern uns aller Tragödien, verbrecherischer wie unvermeidbarer Fehler, die es nach der Oktoberrevolution gab, wir warnen vor deren Wiederholung und sind dennoch überzeugt, was wir mit diesem Buch bewei­sen, dass nicht dies die wichtigsten historischen Lehren der Oktoberre­vo­lution sind.)

Das Wichtigste an der Oktoberrevolution ist, dass die Werktätigen in ihr selbst neue soziale Formen hervorbrachten, die in sich die Keime von Verhältnissen einer neuen Gesellschaft trugen (es waren Keime, etwas Anderes kann es am Ausgangspunkt einer neuen Gesellschaft, was die Revolution ja war, noch nicht geben).

Diese These bedarf natürlich einer ausführlichen historisch dokumentierten Be­gründung, doch selbst ein historisch nicht sehr bewanderter Forscher kennt Bei­spiele von Zehntausenden neuer Formen sozialer Organisation, die noch in den Jahren des Bür­gerkrieges und erst recht in den 1920-er Jahren entstanden waren. Sie wurden überall geschaffen. In der Wirtschaft waren dies Kommunen und rea­le Genossenschaften, Programme langfri­sti­ger wirtschaftlicher Entwicklung (GOELRO – Abkürzung für Staatliche Kom­mis­sion zur Elektrifizierung Russ­lands) und Formen der allgemeinen Rech­nungsführung und Kontrolle… In der Politik gab es die Sowjets (Räte) und viele neue gesellschaftliche Orga­nisa­tio­nen und Bewegungen; zahlreiche Formen sozial-politischer und anderer selbst organisierter Tätigkeiten (was heute „Graswurzel-Demokratie“ bzw. „grass-roots democracy“ genannt wird). In der UdSSR existierten in den ersten Jahr­zehn­ten der Revolution unzählige davon. Im gesellschaftlichen Leben und in der Kultur war das ein Erwachen von Millionen „einfacher“ Bür­ger. Sie beteiligten sich an der Überwindung der Obdachlosig­keit und des Anal­phabeten­tums, bei der Luftschifffahrt und im Sport, bei der Gründung neuer künstleri­scher Vereini­gungen und Theater, bei den verschiedensten Arten künstle­rischer Selbstbetä­tigung, und es gab einen gewaltigen Aufschwung profes­sioneller Kunst…

Und all dies war eingebunden in eine Vielzahl von Wirtschaftsformen der Neu­en Ökonomischen Politik (NÖP) und verknüpft mit wachsender Bürokratisie­rung des politischen Systems usw.

Und dann kam dazu, dass dieser ganze kreative soziale Aufbau auf rückständi­gen Produktivkräften fußte und Aufgaben zu lösen waren, die im Großen und Ganzen im Rahmen des bürgerlichen Horizonts lagen (von der Elektrifizierung bis zu einer die breiten Massen erfassenden Alphabetisierung). Und dies wurde auf der Grundlage neuer, postkapitalistischer Formen der Organisation in An­griff genommen. Diese Formen wurden von neuen Subjekten geschaffen, von (hinsichtlich ihrer Werte und Motive) neuen Menschen, die auf neue Art mit ein­ander (Assoziationen) in einer neuen (solidarischen, kollekti­ven) Tätigkeit verbunden waren. Zum sichtbaren Symbol dieses Prozesses wurde eine freudige, gehobene, romantisch-enthusiastische Atmosphäre, die nicht vereinzelten Charakter trug, sondern herrschende soziale musikalische Untermalung einer revolutionären Epoche war.

Mehr noch, das war die Atmosphäre der Beschleunigung der sozialen Zeit („Zeit – voran!“ ist nicht nur die Bezeichnung eines Musikstücks, sondern der Rhyt­mus der Epoche) und der Eröffnung neuer Räume – des Himmels (und allgemei­ne Begeisterung für das Flugwesen), des Nordens usw.

So finden wir in der Praxis des ersten Jahrzehnts der Oktoberrevolution noch drei Merkmale der sozialistischen Revolution: (1.) eine romantische Durchfüh­rung der Revolution durch die zu neuem Leben erwachenden Unterschichten; (2.) Musik und Feierlichkeit; (3.) Beschleunigung der sozialen Zeit, große Dich­te und zugleich Offenheit des sozialen Raums.

Schließlich war das ja auch eine Kulturrevolution: Die Oktoberrevolution hat einen neuen kulturellen Prozess eröffnet, der ganz offensichtlich postkapitalisti­schen Charakter trug, was L.A. Bulavka in ihren Arbeiten nachgewiesen hat.28

Daher wage ich zu behaupten, dass die Dialektik der Oktoberrevolution nicht auf eine einzige Wertung reduziert werden kann: „bürgerliche — sozialistische“.

Ja, sie löste Aufgaben, die im Prinzip das kapitalistische System hätte bewäl­tigen müssen, und sie tat dies auf kapitalistischen (bisweilen sogar frühkapitali­stischen) Grund­lagen. Sie hat diese aber mit nichtkapitalistischen Methoden zu lösen begonnen und dabei nichtkapitalistische soziale Formen ins Leben geru­fen, was unter Anderem dazu geführt hat, dass diese bürgerlichen Aufgaben auf eine andere Art und Weise gelöst wurden.

Wenn wir versuchen, die eigentlich sozialistische Linie zu verfolgen, die von der Okto­berrevolution ausgeht, so können wir feststellen, dass die wirkli­chen Errungenschaften, die es in unserem Land gegeben hat, auf dem Gebiet der Lösung folgender Aufgaben liegen:

  • weniger eine bürgerliche Industrialisierung anzustreben (die vor allem auf eine Massenproduktion von Konsumgütern orientiert, als eine über eine industrielle gesellschaftliche Produktion neuen Typs hinausgehen­de halb- (mutant-) sozialistische wissenschaftlich-technische Revo­lution (Fundamentalwissenschaft, Kosmos, Bil­dungswesen und Erziehung);

  • weniger eine bürgerliche professionelle Ausbildung zu gewähr­leisten , als eine halb- (mutamt-) sozialistische humanistisch orientierte allgemeine hohe Kultur der Bevölkerung;

  • weniger Gewährleistung einer bürgerlichen Demokratie (die es ja auch gar nicht gab, und was auch gerade einer der Gründe für den Zusammenbruch der UdSSR war), als erste Keime einer höhe­ren praktischen Basisdemokratie realer sozialer Kreativität.



Das Paradoxon der Oktoberrevolution und der folgenden Jahre des Aufbaus des Sozialismus bestand darin, dass wir die eigentlich bürgerlichen Aufgaben gerade sehr schlecht gelöst hatten (Defizitwirtschaft anstelle von „Konsumgesell­schaft“, technologische Rückständigkeit zahlreicher Sphären anstelle von hoher Arbeits­produktivität usw.). Das Einzige, wo wir wirklich Erfolge hatten, war gerade in den postkapitalistischen (teilweise sogar in den postindustriellen) Sphären – bei der Gewährleistung einer für alle zugänglichen Bildung auf hohem Niveau mit dem Ziel der Herausbildung eines vielseitig entwickelten Menschen und nicht eines engen Spezialisten; die Erschließung des Kosmos und der Fundamental­wissenschaft; die Entwicklung einer hohen Kultur und deren garantierte Zu­gäng­lichkeit für die Massen…

Dazu kommt, dass ein solcher Trend unweigerlich die komplizierte Frage auf­wirft, auf die der durch die Oktoberrevolution entstandene „reale Sozialismus“, als er von der Bühne der Geschichte abtrat und zusätzlich unter dem Druck der ihm angeborenen Last stand, keine in die Zukunft weisende Antwort finden konnte. Diese Frage ist gut bekannt: kann man postkapitalistische Aufgaben lösen, wenn man die eigentlich bürgerlichen nicht gelöst hat, und ist der reale Sozialismus nicht letzten Endes deshalb zusammengebrochen, weil die bürger­lichen Aufgaben des Massenkonsums usw. bei uns nicht gelöst worden waren?

Diese prinzipiell wichtige Frage wollen wir vorerst noch beiseite lassen. Wir wollten in diesem Falle etwas Anderes zeigen: nämlich, dass der Impuls der Oktoberrevolution, trotz des stalinschen Terrors und der brežnevschen Stag­nation einen machtvollen (zwar allmählich schmaler gewordenen) Strom neuer gesellschaftlicher Verhältnisse und Tätigkeitsformen, menschlichen Handelns, von Werten und Motiven postbürgerlichen, sozialistischen Typs ausgelöst hat.

Die Opponenten können entgegnen: das war nicht die einzige Linie der Oktoberrevolution.

Ja, das stimmt.

In der durch die Oktoberrevolution entstandenen Praxis hat sich die rote Linie des Aufbaus des Kommunismus (die durch die Kraft der Revolution hervorge­bracht worden war und über lange Zeit die Hauptlinie darstellte) mit der schwarzen Linie der Diktatur der Bourgeoisie und der „goldenen“ Linie des halblegalen Kapitalismus sowie mit der mit den patriarchalischen „Bodenver­hältnissen“ verbundenen Linie und der grauen Linie des Konformismus und des Spießbürgertums verflochten (und es war gerade die Letztere, die schließlich zum Zusammenbruch der UdSSR geführt hat, als die durch die Oktoberrevoluti­on entstandene Kraft der sozialen Kreativität erschöpft war). In dieser Praxis war auch viel enthalten, was als Trägheitsmoment der gesellschaftlichen Ent­wick­lung gelten muss und was zerstörende Bestandteile der Revolution selbst in sich trug. Die Unterschichten der UdSSR hatten nicht nur die Prin­zipien der as­so­zi­ier­ten sozialen Kreativität in sich, sondern auch moralisch negative Züge. Ein Teil der Intelligenz beteiligte sich an der Revolution und schuf im Dialog mit den Massen neue Wunder der Technik und eine qua­litativ neue Kultur, und ein Teil lief von der Revolution weg. Die Sowjetmacht eröffnete Tausende neuer Schulen und Museen, doch der Bürgerkrieg und die stalinsche Modernisierung vernichtete eine Menge von Objekten und – was viel schrecklicher ist – Subjekte der Kultur.

Darin liegt die reale Dialektik der Revolution. Und diese Dialektik ist so, dass die Bilanz von Zerstörung und Aufbau sehr beweglich war und schwankte, indem sie über viele Jahrzehnte zu phantastischen Errungenschaften und grausa­men Zerstörungen geführt hatte, bis das Sowjetprojekt zusammenbrach. Und das war eben auch eine Revolution.

Eine andere Frage aber ist, ob es sich um eine „Revolution gegen das ‚Kapital’“29 handelte.



  1. Die Oktoberrevolution: War sie eine Revolution gegen das „Kapital“?

 

Betrachtet man das Problem streng politökonomisch und geht nur von der einen Marxschen These aus, dass eine Revolution dort stattfindet, wo die alten Pro­duk­­­­ti­onsverhältnisse zu einem Hindernis für die Entwicklung neuer Pro­duktiv­kräfte geworden sind und die alten überholt haben, so wäre die Oktoberrevolu­tion wirklich „falsch“ gewesen. Doch die antikapi­talistischen sozial-ökonomi­schen und politischen Veränderungen, die sich im 20. Jahrhundert in vielen schwach- und durchschnittlich entwickelten Ländern objektiv vollzogen hatten, stellten das Problem der Möglichkeit einer überholenden Entwicklung und der Lösung bürgerlicher Aufgaben in nichtkapitalistischen Systemen. (1.) Fortschritt der Technologie, Schaffung einer spätindustriellen Wirtschaftsform und Über­gang zu einer vorrangigen Entwicklung der Kreatosphäre und (2.) Sicherstellung des materiellen Wohlstandes auf dem Niveau einer „Konsumgesellschaft“ (je­doch mit anderer Struktur des Konsums und mit anderen die engen Auffas­sun­gen einer „Konsumgesellschaft“ überwindenden Prioritäten der Werte der Men­schen), Berufsausbildung usw.

Den Schlüssel zur Lösung dieses theoretischen Problems liefert zum Teil die Methodologie des „Kapital“, vor allem die Theorie der formalen und realen Unterordnung der Arbeit unter das Kapital. Im Rahmen Letzterer wird gezeigt, dass die „auf Wachstum“ ausgerichteten Produktionsverhältnisse des Kapitalis­mus unter günstigen sozial-politischen Bedingungen (zum Beispiel in den Niederlanden im 16. Jahrhundert) eine überholende Entwicklung der Tech­nologien gewährleisten konnten. Und umgekehrt, bei ungünstigen Bedingungen konnten sich die industriellen Technologien in feudalen Formen entwickeln (leibeigenschaftliche Fabriken in Russland im 19. Jahrhundert).

Von hier kommt die Hypothese, dass es möglich ist, unter günstigen Bedingun­gen Verhältnisse einer formalen Befreiung der Arbeit auf der Grundlage von tech­nologischen und kulturellen Voraussetzungen zu entwickeln, die für das postka­pitalistische System unzureichend sind.

In diesem Zusammenhang schlägt der Verfasser eine die leninschen Hauptideen konkretisierende Hypothese zu den Bedingungen vor, unter denen „ein „Weiter­bauen“ von Voraussetzungen für eine neue Gesellschaft unter Bedingungen mög­­­­­lich ist, wenn der revolutionäre Übergang zum Aufbau dieser Gesellschaft auf nichtadäquater Grundlage erfolgt ist. Zu diesen Bedingungen für eine über­holende Entwicklung von Voraussetzungen und Elementen des Sozialismus auf nichtadäquater materieller Basis gehören mindestens folgende:

Erstens. Die Ausarbeitung und die Verwirklichung einer Strategie der Lösung der bürgerlichen Aufgaben (in erster Linie der Schaffung einer entwickelten tech­nologischen Ba­sis in der materiellen Produktion und bei Gewährleistung eines rationellen Niveaus des Konsums der Bevölkerung) mit neuen Methoden und in neuen sozi­alen Formen. Insbesondere müssten unter derartigen Formen Verhältnisse einer formalen Befreiung der Arbeit sein (Selbstverwaltung, sozi­ale Kreativität und Neuerertum der Arbeitenden unter den Bedingungen des ford­schen Modells der Arbeitsorganisation: eine Situation, die nicht mehr, aber auch nicht weniger wi­dersprüchlich ist als die kapitalistische Produktion auf der Grundlage manueller Arbeitsgeräte), neue Formen utilitären Bedarfs (in der UdSSR hatte man keine wirksamen humanistischen Alternativen weder zu einer „Bedarfsgesellschaft“ noch zu einer „Defizitwirtschaft“ gefunden, was jedoch zu den Schlüsselproblemen eines Frühsozialismus gehört) usw.

Zweitens. Die Entwicklung neuer, vorrangig auf kreativer in großem Maßstab ausgeübter Tätigkeiten (Arbeiter und Ingenieure für Rationalisierung, Lehrer und Erzieher, medizinisches Personal und Sporttrainer, Künstler und Ökolo­gen…) sowie von Technologien und Arbeitsgebieten, die den Anforderungen der neuen Gesellschaft entsprechen und nicht Prozesse des Spätkapitalismus imi­tieren. Besonders sei hier nochmals betont: für den Sozialismus müssen in erster Li­nie solche Prozesse Geltung haben wie die Entwicklung eines hochqua­lifizier­ten auf die Massen orientiertes Bildungswesen, Gesundheitswesen, Kul­tur, Wis­sen­­schaft, Rekreation von Natur und Gesellschaft, Arbeit einsparende Technolo­gien, alle anderen die Fähigkeiten des Menschen entfaltenden Formen kreativer Tätig­keit, jedoch keinen Militarismus, keine Finanzspekulationen oder Massen­kultur. Und dies soll sich vorwiegend auf der Grundlage der Herausbil­dung neuer sozi­al-ökonomischer Verhältnisse entwickeln.

Drittens. Das Vorhandensein einer mächtigen Kraft sozialer Kreativität („Enthu­siasmus“), wodurch sich Verhältnisse der formalen Befreiung der Arbeit her­aus­bilden und die unzureichende Entwicklung der materiell-technischen Voraus­set­zungen kompensiert werden. Natürlich kann Sozialismus nicht nur mit Enthu­siasmuis aufgebaut werden, doch ohne Enthusiasmus, ohne die Kraft der sozi­alen Kreativität eines bedeutenden Teils der Gesellschaft ist es auch nicht mög­lich. Dass diese beiden Thesen ihre volle Berechtigung haben, findet in den Er­fah­rungen sowohl der Entstehung wie des Zusammenbruchs des „realen So­zialismus“ seine Bestätigung.

Viertens. Die vorrangige Entwicklung einer echten Kultur als (neben dem sozia­len kreativen Aufbauwerk) zweiter unabtrennbarer Faktor zur „Kom­pensierung“ der ungenügenden Entwicklung der materiell-technischen Basis.

Fünftens. Im Prozess des Übergangs zum „Reich der Frei­heit“ werden im Rah­men gemischter Gesellschaftssysteme die am weitesten entwickel­ten For­men der „alten“ sozial-ökonomischen Organisation dort ausgenutzt, wo für die Heraus­bil­dung neuer Formen keine Bedingungen vorhanden sind; und außerdem werden neue Formen nur in dem Maße entwickelt, wie adä­quate materiell-tech­ni­sche Voraussetzungen existieren (es könnte ja sein, dass sie gerade nicht aus­reichend vorhanden sind), wo es aber dennoch genügend soziale Kraft gibt, um neue sozial-ökonomische und gesellschafts-politische Formen herauszu­bilden, zu „erschaffen“.



Wesentlich ist hierbei die Dynamik im Verhältnis der alten und der neuen For­men. So ist für China in den letzten Jahren wie für die UdSSR der Epoche der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) eine gemischte Wirtschaft charakteristisch. Doch zwischen diesen Soziumen gibt es einen prinzipiellen Unterschied: im er­sten Fall stehen rein bürgerliche Ziele (Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und Fortschritt der „Großmacht“ mit allen Mitteln); oder dass die Keime des Sozialismus langsam austrocknen, ohne es geschafft zu haben, sich von den mu­tanten Formen zu befreien; oder sie werden von den kapitalistischen Formen verdrängt (auf jeden Fall dominiert dieser Trend noch in der Chinesischen Volks­­republik. Im zweiten Fall, in der UdSSR der Periode der NÖP wurden sozialistische Aufgaben gestellt, und es wurde versucht, sozialistische Methoden anzuwenden, um sie zu erfüllen. Dieser Versuch misslang dann aber. Er miss­lang, weil man von der oben genannten Strategie abging (ob das objektiv unver­meidlich war oder auf subjektiven Gründen beruhte, wollen wir hier nicht erör­tern.)

Sechstens. Sicherung der Formen der Basisdemokratie (Aufbau eines „Sozia­lis­mus einer Zivilgesellschaft“, so wird das in der Sprache des neuen Jahrhun­derts genannt) als absolut notwendige Bedingung der Verwirklichung aller oben ge­nann­ten Prozesse.

Leider waren die sozialen und politischen Bedingungen in der UdSSR für die Lösung der Aufgaben einer überholenden Entwicklung nicht günstig, es wurden keine nichtkapitalistischen Formen für der Lösung der Probleme der techno­lo­gi­schen Entwicklung und des Wachstums des Konsums gefunden (bzw. sie wur­den nur teilweise gefunden, – auf dem Gebiet des Bildungswesens, der Funda­men­talwissenschaft und der Kultur).

Wenden wir uns wieder den Herausforderungen der Oktoberrevolution zu und ziehen wir Schlussfolgerungen.

Ja, die Oktoberrevolution – wie praktisch jede Revolution – hat unter Bedin­gungen stattgefunden, als durchaus nicht alle notwendigen und ausreichenden Voraussetzungen für ihre schmerzlose Durchführung vorhanden waren. Doch Revolutio­nen finden bekanntlich nicht dann statt, wann die Revolutionäre es wollen, son­dern dann, wenn die Massen die Unterdrückung des alten Systems nicht länger ertragen können und die Kräfte der Entfremdung die Kontrolle über die Ereig­nisse verlieren. Und dies geschieht immer dort und dann, wo und wann die not­wendigen Bedingungen für den Sieg eines neuen Gesellschaftssystems noch nicht vollständig vorhanden sind.

In diesem Falle besteht die große Mission und Verantwortung der revolutionären Kräfte darin, es zu schaffen, die fehlenden Elemente des neuen gesell­schaft­li­chen Gebäudes noch im Prozess der revolutionären Ereignisse hinzuzufügen.

Und in diesem Sinne muss man dem Mut und der Verantwortung der „lenin­schen Garde“ hohe Anerkennung zollen, dass sie sich entschlossen hatte, unter den außerordentlich kompli­zierten Bedingungen der Krise des Russländischen Impe­riums diesen Weg einzuschlagen, und dass sie an den Inte­ressen und Ak­tionen der brei­testen Massen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhun­derts in vielen Ländern der Welt zur Revolution erhoben hatten, weder aus Vorsicht noch aus Angst Verrat übten, wie dies bei den Menschewiki und Co. praktiziert wurde. Eine andere Sache ist es, dass es den Bolschewiki nicht gelang, diese Linie des „Weiterbauens“ der Vorausset­zun­gen der Revolution nach dem politischen Um­sturz durchzuhalten: in der UdSSR haben ihre Nachfolger im Kampf… gegen ihr Alter Ego – den Mutati­onen des Sozialismus und den Verrätern der Sache des Sozialismus – eine Niederlage erlitten. Nebenbei bemerkt, neben der Nie­derlage und der Tragödie der Bolschewiki war und bleibt der mutante Sozia­lis­mus auch noch eine Großtat von ihnen – eine Großtat all jener, die die Okto­berrevolution ins Werk gesetzt hatten und die als ihre würdigen Fortsetzer das 20. Jahrhundert zur Epoche des Kampfes für den Sozialismus im Weltmaß­stab gemacht hatten.

Und im Weiteren wirkt die theoretisch dargestellte Gesetzmäßigkeit: in dem Ma­ße, wie es nicht gelingt, die Voraussetzungen der sozialistischen Revolution „weiterzubauen“ (bzw. wo es objektiv unmöglich ist, infolge der Unzulänglich­kei­ten der Grundlagen für die Geburt der neuen Gesellschaft) artet sie unweige­r­lich in eine Konterrevolution aus und führt entweder zur Wiederherstellung des alten Systems oder zum Entstehen einer mutanten Art der neuen Gesellschaft, die zu inadäquaten objektiven und subjektiven Bedingungen (wie zum Beispiel eine Entartung der revolutionären Kräfte, „Thermidor“) fähig ist, (und zwar infolge dieser Mutationen).

Beispiele dieser Mutationen sind nicht nur die stalinsche UdSSR, sondern auch viele weitere Soziume, unter anderem mutant kapitalistische Monster von Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, die in sich militärisch-feudale und imperialistische Züge vereinten. Und wenn wir im Falle der UdSSR von einer „überholenden“ Mutation sprechen können, zu der es infolge der objektiven Ten­denz der Großen sozialistischen Oktoberrevolution gekommen ist, mit der Schaffung der neuen Gesellschaft „zu früh“ zu beginnen, so wäre es im Falle der bürgerlichen Umgestaltungen im Russländi­schen Imperium richtiger, diese als „zurückbleibenden Mutation des Kapitalis­mus“ zu bezeichnen.30. Letztere ent­stand, weil die Bewegung zur bürgerlichen Gesellschaft zu spät begonnen hat und zu langsam vor sich ging, weil sie von den herrschenden Klassen künstlich gehemmt wurde, weil sie ungenügend radi­kal war und mit zwieschlächtig refor­mistischen Methoden verwirklicht wurde, was zum Entstehen eines „militärisch-feudalen Imperialismus mit Massenarmut, Anal­pha­be­tentum und politischer Ras­putinscher und Romanowscher Diktatur führte.

Jedoch! Wir müssen immer und immer wieder unterstreichen: Es wäre ein gro­ßer Feh­ler zu glauben, diese Mutationen seien eine Folge davon gewesen, dass die Re­vo­­lu­tionäre im ersten Falle zu übereilt gehandelt hätten und zu radikal gewesen wären, und im zweiten Falle zu schwach und zu unentschlossen. Die Dialektik des Objektiven und des Subjektiven in der Revolution ist viel kompli­zierter, und wir waren daher bemüht, im ersten Teil des Artikels einige grundle­gende Auffassungen dieser „Algebra“ aufzuzeigen und soweit möglich, an Er­fah­­rungen und Theorie großer Revolutionäre vergangener Jahrhunderte zu erinnern.

Und noch etwas sei wiederholt: Wird eine objektiv herangereifte Revolution nicht vollzogen, so kann dies zu Rückschritt und noch bedeutend größeren Opfern führen, als wenn sie stattfinden würde. Und das wären dann ja auch noch dazu Opfer eines sozialen Rückschritts.

Das trifft auch auf die Oktoberrevolution voll zu. Hätte sie 1917 nicht statt­ge­fun­den, so hätte es kein friedliches Aufblühen im Sinne einer belgischen sozial­demokratischen „Monarchie“ wie in heutigen Zeiten gegeben, sondern eine blu­tige Diktatur und die Fortsetzung des Weltkrieges mit Eintreibung einer Le­bens­­mittelsteuer, die schon lange vor den Bolschewiki begonnen hatte. Mehr noch, im Falle einer Niederlage der Oktoberrevolution hätte die Welt insgesamt vor der Gefahr eines totalen Siegeszuges des Faschismus gestanden. Denn dieser suchte gerade für das internationale Finanz- und Indu­striekapital die adäquate­sten Formen der Macht und stellte eine bedeutend passendere Mutation des Kapi­talismus dar als der Sozialdemokratis­mus, der nicht nur gefordert hätte, die Macht, sondern auch Eigentum und Einkünfte zu teilen. Ich möchte mir hier eine kleine Abschweifung gestatten, ohne die alles vom Verfasser vor- und nachher Gesagte in einem falschen Licht erscheinen könnte. Ich muss die Frage beantworten: kann eine solche Revolution friedlich sein und auf demokratischem Wege vor sich gehen?

 

3. Die Oktoberrevolution: Die Dialektik von sozialer Kreativität und Gewalt



Die Kommunisten des 20. Jahrhunderts werden nicht müde, immer wieder diese Frage zu stellen; sie ist aber von Geschichte und Praxis beantwortet. Was Letz­teres anbetrifft, so haben die Praktiker des 20. Jahrhunderts des Öfte­ren darauf in positivem Sinn geantwortet. Unter bestimmten Umständen ist es möglich.

Erstens, die Oktoberrevolution selbst hat praktisch friedlich gesiegt, und, was auch wichtig ist – demokratisch. Der von der liberalen und sogar von der sozial­demokratischen Intelligenz verbreitete Mythos von den usurpatorischen Bol­sche­wiki und dem blutrünstigen Lenin, die ihr ganzes Leben nur danach gestrebt hätten, die Macht zu ergreifen, und dafür die Partei der Bolschewiki gegründet hätten, dieser Mythos hat zwar keinerlei Grundlagen, ist aber immer noch aktiv.

Er ist zählebig, weil er von den realen Widersprüchen des sozial-ökonomischen Lebens des Spätkapitalismus losgelöst ist und faktisch nie in der sozial-kreativen Praxis der Massen eine Rolle gespielt hat, die in ihrem Leben nur zwei Haupt­ziele hat­ten: satt zu essen zu haben und frei sprechen zu können. Ein liberaler Vertreter der Intelligenz fürchtet wahre Demokratie, Volksmacht, die sich vor allem in der lebendigen Kreativität des Volkes äußert, – was in der Sprache der Theorie as­so­ziiertes soziales Schöpfertum/Kreativität oder soziale Befreiung heißt.

Er fürchtet sich, weil dies ihm den Status eines privilegierten Einsiedlers nimmt und ihn zu Handlungen zwingt, die einem solchen Intellektuellen fremd sind: er ist an postmodernistische Diskurse gewöhnt, in denen man ein Recht auf Zwei­fel hat, aber kein Recht auf Lösungen, es gibt Entsubjektivierung, aber keine Ver­antwortung des Subjekts der Geschichte zu handeln; es gibt Dekonstruk­tion und Deterrialisierung, aber keine moralische und politische Verpflichtung selbst auch nur eine Konstruktion und Grundlage von Terra zu schaffen oder gar Geschichte. Es ist ja viel einfacher, damit einen „Berufspolitiker“ zu beauf­tra­gen, der in den Vorstellungen eines solchen Intellektuellen bestens zu Überein­künften fähig ist und, was das Wichtigste ist, auch fähig ist, die richtigen Worte u finden.

Der Mythos von der Oktoberrevolution als einer Verschwörung ist aber auch inhaltlich und der Form nach haltlos. Die reale Grundlage der von den Bolsche­wi­ki begonnenen revolutionären Umgestaltungen war die von unten ausgehende und von den Massen getragene Forderung: „Frieden den Völkern! Brot für die Hungernden! Das Land den Bauern!“ Das waren keine Losungen der Bolsche­wiki, sondern die Losungen der Massen. Sie wurden von der Mehrzahl der de­mo­kratischsten Organe zum Ausdruck gebracht, die es damals in Russland gab. Und die Bolschewiki wurden vom Sowjetkongress unterstützt. Was die Konsti­tu­ierende Versammlung betraf, sie war nachdem die Bol­schewiki sie verlassen hatten, einfach illegitim geworden, denn… sie besaß kein Quorum. Im Ok­tober 1917 war es zweifellos so, dass die demokratischen Verfahrensweisen nicht vorrangig waren, doch sie wurden paradoxer Weise eingehalten… Dazu kam, dass die Massen der Arbeiter- und Soldatendeputierten, was die Führer der SDAPR selbst mitgeteilt hatten, in ihren Forderungen radikaler waren als die Bolschewiki, schon gar nicht zu reden von den Parteien der Provisorischen Regierung.

Und was die Aktionen anbetrifft, so hat der Sowjetkongress, nachdem er die Macht ergriffen hatte, ein Programm recht gemäßigten Vorgehens verkündet. Es sei erinnert: im November 1917 hat die Sowjetmacht mit der allgemeinen Rech­nungsführung und Kontrolle begonnen, und nach Beendigung des Bürgerkrie­ges, den nicht sie begonnen hatte, ging sie zur Schaffung eines gesellschaft­li­chen Wirtschaftssystem über, das für 50 Jahre das „skandinavische Modell“ be­vorzugte, von dem es sich in Einem unterschied, und zwar qualitativ, das betraf die Macht der kommunistischen Partei.

Dann wurde alles anders? Ja und nein.

Ja, weil die Konfrontation in der Zeit des Bürgerkrieges außerordentlich grau­same Formen angenommen hatte und Russland mit Blut bedeckt war.

Ja, weil zwei Jahrzehnte nach dem Sieg der Revolution, die zur Übergabe der Macht an das Volk berufen war, die reale politische und ökonomische Macht vorwiegend in den Händen der Nomenklatur von Partei und Staat konzentriert war, die in vielem mit bürokratisch-repressiven Methoden agierte und sich zu­gleich auf den realen Enthusiasmus der Mehrheit der Werktätigen stützte, die mit dem Aufbau ihres Landes beschäftigt waren. Und da diese Nomenklatur keine andere Grundlage hatte, handelte sie objektiv und subjektiv nicht nur im Interesse der Festigung ihrer eigenen Macht, sondern auch im Interesse des Fortschritts des Landes und dessen Bürger.

Nein, weil die Macht der Sowjets im Winter 1917-1918 von den meisten Regio­nen Russlands unterstützt wurde. Sie wurde auch von der Mehrheit der kriegs­mü­den Soldaten unterstützt sowie von nicht weniger als einem Drittel der Offi­ziere, die verstanden hatten, dass die Bolschewiki die Wahrheit vertreten. Die Wahrheit, denn sie wurden von der Mehrheit unterstützt. Die Wahrheit, da nur sie den Fortbestand Russlands garantieren konnten…

Nein, weil die Mutationen der Revolution und das nachfolgende Vorankommen auf dem Wege zum Sozialismus stark im Verantwortungsbereich von Men­schen lag, die die Bestrebungen der Mehrheit der Werktätigen nicht unterstütz­ten. Und die Mehrheit der Werktätigen wurde, das war offensichtlich, von einer Min­der­heit nicht unterstützt, in deren Händen sich bisher Macht und Eigentum befun­den hatten und die im Ergebnis der Revolution beides verloren hatten. Und wen würde der Teil der Armee, die im Kampf gestanden hatte, bereit sein zu vertei­digen? Und wer war bereit, beträchtliche Stücke der Heimat an irgend jemanden abzutreten: entweder an den verhassten Feind, an die Deutschen (die, nebenbei be­merkt, kurz vor der Oktoberrevolution Riga erobert hatten und denen die Gegner der Revolution den Weg nach Petrograd freigeben wollten) oder an jene nicht minder verhassten Freunde, die Engländer und Franzosen und noch an die Japaner, die Amerikaner usw.

Durch diesen Widerspruch und nicht durch den bösen Willen der Bolschewiki kam es zum Bürgerkrieg. Und die Bolschewiki waren dazu bereit.

Und die Alternative? Aus irgendeinem Grunde sehen unsere liberalen Intellek­tuellen diese nur in einem demokratischen rosafarbenen Licht (vielleicht sogar noch mit einem tugendhaft menschlichen Monarchen an der Spitze). Doch die Wahrheit der Oktoberrevolution besagte, dass ein alternativer Sieg der Bolsche­wiki eine schreckliche Vereinigung zweier seltsam gleicher Tragödien gewesen wäre: von Diktatur und massenhaften Repressionen einerseits und Fortsetzung des Krieges mit schließlicher Niederlage Russlands andererseits.

Eine reale Alternative für die Bolschewiki war nicht eine Provisorische Regie­rung (sie hatte Ende Oktober 1917 bereits faktisch die Macht verloren), sondern die eine oder andere Form einer Diktatur. Eher wäre Russland ein Land gewor­den, das Hitler vorweggenommen hätte und als erstes Land die Welt im 20. Jahrhundert mit dem Grauen von Massenrepressionen gegen alle Linken und sogar Zentristen überzogen hätte sowie, – was noch viel schrecklicher ist – gegen Millionen Soldaten, Bauern und Arbeiter, die zu diesem Zeitpunkt bereits überall, auch in der Armee, eigene Räte gebildet hatten und unter keinen Um­ständen erneut wie Schlachtvieh in die Schützengräben getrieben werden woll­ten, sie wollten nicht die nach Jahrhunderten erstmals entstandene Hoff­nung auf Land und Brot verlieren (hier sei nochmals daran erinnert, dass nachdem die „demokratischen“ Zentristen Finnlands von den Räten die Unab­hängigkeit er­hal­ten hatten, erschossen sie Zehntausende links einge­stell­ter Bauern, Arbeiter und Intellektuelle bzw. ließen sie in Gefängnissen und Konzentra­tionslagern schmachten  — es war tatsächlich so, ja, … in Konzentra­ti­onsla­gern! – die Beweise in den Museen Finnlands legen noch heute Zeugnis davon ab.

Die andere Seite dieser Diktatur wäre gewesen, zu einem Zeitpunkt, wo die russische Armee schon unter keinen Umständen mehr kämpfen wollte noch konnte, den sinnlosen und grau­samen Weltkrieg fortzusetzen, der letzten Endes zur strategischen Niederlage Russlands geführt hätte, zu einer Niederlage, die wenn nicht durch Deutschland, dann von die Alliierten herbeigeführt worden wäre, die unser Land mit Freude endgültig in eine Halbkolonie verwandelt hätten.

Aus diesem Grunde ist die Geschichte der Oktoberrevolution die Geschichte sowohl eines friedlichen und demokratischen Sieges der Revolution als auch massenhafter durch die Konterrevolution aufgezwungener Anwendung von Gewalt und Krieg.

Zweitens hat das 20. Jahrhundert nicht wenige Beisiele eines fried­lichen Sieges der linken Kräfte bei Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen geliefert, was später mit einem grausamen konterrevolutionären Umsturz (Chile 1973) oder mit einem Bürgerkrieg endete, wo die Konterrevolution von äußerst rechten Kräften unterstützt wurde (Spanien 1936).

Doch es gibt drittens auch nicht wenig andere Beispiele, wirklich gewaltsamer Machteroberungen, durch Kräfte, die sich mehr oder weniger glaubhaft Linke nannten.

In manchen Fällen war das ein Sieg einer Mehrheit, der die Befreiung von Diktatoren- und Marionettenregimen brachte (dafür war Kuba 1959 das leuchtendste Beispiel).

In anderen Fällen war dies ein Sieg in einem Krieg gegen Okkupanten und deren Marionetten (China, Vietnam).

Schließlich gibt es auch Beispiele, bei denen unter roten Bannern Diktatoren zur Macht kamen, die mit Kommunismus bedeutend weniger zu tun hatten als die Bartholomäusnacht mit den Ideen des Christentums.

In jedem Falle aber müssen wir den Inhalt unterscheiden: Revolution als Phäno­men qualitativer Veränderung des Systems der ökonomischen, sozialen und po­litischen Verhältnisse (Gesellschaftsordnung) und die politische Form, in der der Wechsel stattfindet, der sich bisweilen Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte hin­ziehen kann. Was die politische Form anbetrifft, so muss auch hier zwischen poli­tischer Revolution und politischem Umsturz unterschieden werden.

Erstens: der Übergang der Macht von einer gesellschaftlichen Kraft (Klasse) in die Hände einer anderen gesellschaftlichen Kraft. Dieser Wechsel kann als Ergebnis von legitimen (nach den Regeln des alten Systems) Verfahren vor sich gehen: Wahlen oder gewaltloser Widerstand (die Unabhängigkeitserklärung der USA verkündet direkt das Recht des Volkes auf Aufstand), kann aber auch ein Ver­stoß gegen alte überlebte Legitimationsformen sein. Es sei daran erinnert: die bürgerlich-demokratischen Revolutionen, inklusive die Febru­arrevolution, waren vom Standpunkt der damals existierenden politischen For­men, der Mo­nar­chien, zumeist nicht legitim. Dasselbe kann die Praxis einer sozialistischen Revolution betreffen.

Zweitens. Politische Umstürze, die sehr oft im Rahmen ein und desselben poli­tisch-ökonomischen Systems stattfinden, was im 20. Jahrhundert für die Länder der Peripherie die Regel war und was auch im neuen Jahrhundert eine durchaus verbreitete Erscheinung ist (siehe über das Phänomen der sogenannten „farbigen Revolutionen“ in einem der Texte des Verfassers in diesem Buch).

* * *

Zum Schluss sei besonders hervorgehoben: Das Wichtigste, was die Oktoberre­volution ­der gesamten Menschheit gegeben hat, das ist der gewaltige Impuls der sozialen Befreiung. Die Kraft dieses Impulses vervielfältigte sich in Aufständen und Streiks der Arbeiter, in Siegen der Linken bei Parlamentwahlen und in Bür­ger­kriegen, in sozialen Reformen des Kapitalismus und widersprüchlichem Fortschitt des „realen Sozialismus“, im Zusammenbruch des Kolonialismus und im kreativen Schaffen der Kultur der Befreiung…

Aber die Oktoberrevolution hat auch noch etwas Anderes eingebracht: die Leh­ren der tragischen Fehler und Verbrechen, die die Linken gemacht haben und jene, die sich als solche ausgaben, Lehren, die wir ziehen müssen, wenn wir in die Zukunft schreiten.

Über beides muss man nachdenken. Streiten. Und erneut nachdenken. Und die Theorie an Hand der Praxis überprüfen Doch dazu weiter nachfolgend im Text des Verfassers im abschließenden Abschnitt.















A. Buzgalin

Das Limit an Revolutionen ist nicht erschöpft

Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist und bleibt die Frage nach der Bedeu­tung dieser Revolution noch immer wichtig und akut. Der Grund dafür liegt nicht nur und sogar weniger auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Bewusstseins als auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Seins: der Spätkapitalismus befindet sich sowohl in den „Kern“ländern als auch an der Peripherie in einer Sackgasse. Und diese Sackgasse ist vorwiegend sozial-ökonomischer und politisch-ideologischer Natur, zeigt sich aber auch noch in etwas Anderem. Erstens in einer Abbremsung des Fortschritts der Produktivkräfte in der „Zitadelle“ des globalen Kapitals, den USA und der Europäischen Union, wo sich das Wachstum der Abeitsproduktivität in den letzten Jahrzehnten ungleichmäßig und äußerst langsam vollzieht. Bekannt­lich hat die so genannte „Informationsrevolution“ den realen Sektor äußerst schwach beeinflusst, und das war kein Zufall: die Hauptnutzung von Computern und Internet liegt bei Transaktionen und „Freizeit“. Zweitens zeugen die letzten Jahrzehnte von einer Degradation der Kultur, ihrer Transformierung in Kontra­punkte des Showbusiness und der postmodernistischen Ablehnung des Schönen und Guten. Drittens werden die globalen Probleme fast nicht gelöst, und das be­trifft nicht nur die Ökologie, sondern auch die Zunahme der Ungleichheit, die Vertie­fung der dem Kapital eigenen Gewaltpraktiken (von den so genannten „Hybrid­kriegen“ bis zum Terrorismus).

Doch das Wichtigste ist, dies sei nochmals gesagt, die sozial-ökonomische und die politisch-ideologische Sackgasse. Schon über ein halbes Jahrhundert ist das Kapi­tal nicht in der Lage, auch nur eine einzige wesentliche neue Lösung für seine Probleme zu finden. Auf sozial-ökonomischem Gebiet besteht immer noch das leicht anfällige Gleichgewicht im Kampf für die Verteilung und Umverteilung der Macht zwischen den transnationalen Korporationen und den Nationalstaaten und in Konfrontation mit den Absichten der allgemeinen Kommerzialisierung und Privati­sierung einerseits und ihrer äußerst eingeschränkten und immer weiter abnehmen­den sozialen Regulierung andererseits. Auf politisch-ideologischem Gebiet wird die Sackgasse noch sichtbarer: Das System der sozialdemokratischen Normen ist allmählich ausgeartet und hat sich praktisch mit den Normen („Spielre­geln“) des Sozialliberalismus verschmolzen, und Letztere werden immer unfähi­ger, die sozialen und kulturellen Probleme zu lösen. Das ist kein Zufall: die globale Hege­monie des Kapitals und die Totalität des Marktes zusammen mit dem zuneh­men­den Druck auf die Welt des spekulativen Finanzkapitals (die so genannte „Finan­zialisierung“) – all dies zerstört die Grundlagen des noch vor einem halben Jahr­hundert unerschütterlich erscheinenden Kompromisses zwischen Lohnar­bei­tern und Kapitaleigentümern. Die „Mittelklasse“ weicht auf. Die soziale Polari­sierung wächst. Massenpauperisierung wird sogar in den „Kern“ländern Realität (erscheint als „Problem von Migran­ten“). Um die frühere Lebensqualität aufrecht zu erhalten, muss der Lohnarbeiter in den USA und in Deutschland (von Russland gar nicht zu reden) immer mehr und intensiver arbeiten und verbleibt dabei die gan­­ze Zeit in einem Risikobereich und ohne feste Anstellung. Die einstigen Inseln einer stabilen sozialen Gerechtigkeit wie staatlich garantierte Bildung, Gesund­heits­wesen, und Kultur werden privatisiert und kommerzialisiert.

Dies alles vollzieht sich noch dazu auf dem Hintergrund der Zuspitzung einer inter­nationalen wirtschaftspolitishen Konfrontation, bei der neben der früheren „Triade“ (USA, EU, Japan) neue Träger imperialer Ambitionen entstanden sind, und das ist nicht nur China.

Der Mensch empfindet dies alles sogar, wenn er es nicht versteht. Man erzählt ihm etwas von einer „neuen Normalität“ und rät ihm, sich an ein Leben unter Bedin­gun­­­gen der Stagnation zu gewöhnen; doch er weist dies „aus irgendeinem Grunde“ zurück.

Eine Sackgasse.

Das ist eine Sackgasse, aus der immer mehr Menschen immer öfter den Ausweg in einer Rückwärtsbewegung suchen. Die Welt steht vor der Gefahr einer totalen kon­servativen Konterrevolution. Und diese kann nicht nur zu einer Refeudalisie­rung des Kapitalismus in den Ländern der Peripherie und Halbperipherie führen (in Russland sind wir schon lange zu deren Zeugen geworden), die uns allen Neuaufla­gen von Absolutismus, Leibeigenschaft und religiösem Fundamentalis­mus, aber auch Entartung der formal-demokratischen Formen der globalen Hege­monie des Kapitals zu real-diktatorischen, neofaschistischen Formen bringen kann.

Eine entstandene Sackgasse – NB! – durch die Niederlage des ersten weltweiten Versuchs der praktischen Schaffung des „Reichs der Freiheit“ auf einem Drittel des Erdballs, eines Versuchs, zu dessen wahrem Start die Oktoberrevolution wur­de. Doch die Niederlage des ersten Starts bedeutet nicht das Ende des Projekts. Und ist auch kein Zeugnis, dass sie keine Berechtigung gehabt hätte.

Hieraus ergibt sich die objektiv vor der Menschheit stehende (so ist es wirklich!) Wahl: entweder Involution, Rückwärtsbewegung zu konservativen Modellen des Spätkapitalismus oder vorwärts auf dem von der Oktoberrevolution begonnenen Weg unter Berücksichtigung der tragischen und in ihren Impulsen großen Lehren von Dutzenden sozialistischer Revolutionen, die im 20. Jahrhundert in der ganzen Welt aufgeflammt sind, unter Berücksichtigung der tragischen und sich aus dem Potential ihres sozialen kreativen Aufbauwerks ergebenden Lehren des „realen Sozialismus“.

Hoffnungen auf endlose Stagnation in der Sackgasse sind aussichtslos.

 

  1. Was hat die Oktoberrevolution Russland und der Welt gebracht: Dialektik von Internationalismus und Patriotismus



Hierzu möchte ich nur sehr ungern die Thesen aus den Arbeiten der zehn Wissen­schaftler über die internationale Bedeutung der Oktoberrevolution wiederholen. Diese Arbeiten waren ein Auftragswerk und sind unter strengen Zensurbedin­gun­gen entstanden. Sie enthielten viele Unwahrheiten, doch das Wesentlichste war gesagt. Besonders wichtig war dabei, dass unsere Revolution zu einem sehr wich­tigen Impuls für jene teilweise Sozialisierung und Humanisierung des Kapitalismus geworden war, was für diesen im 20. Jahrhundert charakteristisch war und zum Teil heute noch erhalten geblieben ist. Doch das ist allgemein bekannt.

Nicht weniger bekannt ist (wenngleich das heute immer öfter „vergessen“ wird), dass die Oktoberrevolution ein mächtiger Impuls war für den antiimperialistischen Kampf und den Zusammenbruch der kolonialen Imperien.

Gegenwärtig erscheint es mir wichtiger, mit jenen Verteidigern der Ideen der Ok­to­berrevolution zu polemisieren, die zusammen mit ihrer internationalen Be­deu­tung und ihrer Rolle bei der Veränderung der Geschichte der Menschheit im 20. Jahrhundert besonders ihren Einfluss bei der Schaffung einer „sowjetischen Groß­macht“ hervorheben.

Dieser Akzent ist heute besonders in Mode gekommen, und das ist nicht zufällig: Mit dem Zerfall der UdSSR haben wir unsere mächtige Heimat verloren und durch die in den letzten Jahrzehnten zu beobachtenden Bemühungen der USA und ande­rer globaler Spieler, endgültig eine neue einpolige imperiale Ordnung herauszu­bilden, wird hier noch mehr Öl ins Feuer gegossen. Das alles ist zu verstehen, aber es ist nicht zu billigen.

Es geht hier ja auch nicht darum, dass die UdSSR keine Großmacht gewesen sei. Sie war eine (was für eine, das ist eine andere und sehr wichtige Frage. Der Ver­fas­ser hat dazu früher nicht wenig publiziert31). Es geht darum, dass der positive Im­puls der Oktoberrevolution, durch den es gelungen war, eine zweipolige Welt zu schaffen, Antigroßmacht-Charakter hatte.

Er entstand als Strategie der Zerstörung der Großmacht (des Imperiums): das ein­seitige Ausscheiden aus dem Krieg und die Abgabe von Territorien, die Gewäh­rung des Rechts auf Selbstbestimmung bis zur Lostrennung für ehemalige Kolo­nien¸ der Kurs auf Internationalismus und Gleichberechtigung der Nationen und Völker, – all dies sind offensichtliche Antithesen zur früheren und heutigen im­perialen Groß­machttendenz. Daher ist aus diesem Zusammenhang auch die Abnei­gung und sogar Hass der heutigen Großmachtpolitiker gegenüber Lenin als bedeu­tendem Theoretiker und Praktiker eines internationalen Modells der Herausbildung des Sozialismus zu erklären.

Der Hauptimpuls der Oktoberrevolution kann wie folgt kurz zusammengefasst werden: Entwicklung der internationalen Solidarität der sozialistischen Kräfte als Hauptmittel zur Lösung der Probleme des Sozialismus und („nebenbei“, „da­durch“) zur Festigung der ersten Einzelstaaten, die den Sozialismus praktisch aufbauten.

Zur Erläuterung dieser These: Ein Nationalstaat kann auf unterschiedliche Weise aufgebaut sein. Umso mehr, wenn dieser Staat, der die Rolle einer „Groß­macht“ beansprucht (oder auch Imperium). das heißt, die Rolle eines paternali­stisch orien­tierten und als „Zentrum und Schutzmacht“, „Verteidiger“, „Betreuer“ und „Hal­ter“ von Ländereien fungiert – in ideal phantastischer Variante, als Exploatateur und Diktator in Bezug auf periphere Bestandteile.

Ich möchte diese These erläutern. Es gibt viele Меthoden des Aufbaus eines sol­chen Staates, in der neuesten Ge­schichte sind zwei besonders bekannt.

Eine davon — die gewaltsame Unterordnung der Peripherie unter das Zentrum und Konfrontation dieses „Zentrums“ mit allen, die die Absicht haben, diese „Groß­macht“ in der Weltarena zurückzudrängen. Plus strikter Protektionismus in den außenwirtschaftlichen Beziehungen und kulturelle Abgrenzung zusammen mit Großmachtchauvinismus.

Die zweite Variante ist wirtschaftliche Expansion, Unterordnung der Welt durch Verbreitung der Macht der größten Korporationen.

Die erste Variante war und bleibt charakteristisch für vorbürgerliche Methoden des Aufbaus von Imperien. Leider ist sie im 21. Jahrhundert immer noch nicht ver­schwun­­den. Sie wird von jenen benutzt, die bei der wirtschaftlichen Expansion zu spät gekommen waren (vom islamischen Expansionismus bis zu den Plänen von Großmachtpolitikern Russlands, ein eigenes „peripheres Imperium“ aufzubauen2 32), sowie jene, die ihre wirtschaftliche Herrschaft noch durch militärische Kräfte er­gän­zen wollten.

Die zweite Methode hat in reiner Form niemals existiert: es wird über die USA ge­sagt, dass die Herrschaft von „Mc Donald’s“ ohne McDonnell Douglas (Hersteller der US „Phantom“-Flugzeuge)33 nicht möglich sei.

Die Oktoberrevolution eröffnete den Weg zur Verwirklichung eines auf den ersten Blick unmöglichen Projekts: die Erweiterung des Einflusses und der Rolle eines Einzelstaates bzw. einer Union gleichberechtigter Staaten durch… Verzicht auf wirtschaftspolitische Expansion und sogar durch Kampf dagegen.

Auf welche Weise? Das wird durch die Theorie und Praxis beantwortet, die die Bolschewiki seit 1917 verfolgt haben. Hier nur einige Aspekte.

Erstens. Wie kann die Frage eines Sieges im Ersten Weltkrieg gelöst werden? Die von Lenin vorgeschlagene Lösung erscheint völlig paradox, erweist sich aber schließlich als richtig: Frieden mit dem Feind schließen, denn infolge seiner inne­ren Widersprüche wird er morgen zum Verbündeten, wenn wir die fort­schrittlichen Kräfte im Lande dieses Feindes unterstützen. Die Revolutionen in Deutschland und in Ungarn wurden zu ersten Schritten in dieser Richtung.

Zweitens. Wie kann die Einheit der Völker des früheren Zarenreiches gewährleistet werden? Wieder ist die Antwort paradox: ihnen das Recht auf Lostrennung geben, aber jene Kräfte unterstützen, für die eine gleichberechtigte Union „vorteilhafter“ ist als Separatismus.

Drittens. Wie kann die Isolierung der UdSSR seitens der anderen Staaten über­wunden werden? Erneut ein „perpendikulärer“ Vorschlag: einen Dialog nicht mit den Machtstrukturen beginnen, sondern mit den Organisationen der Werk­tätigen, die durch ihre Aktivitäten die Elite zwingen, ein Bündnis einzugehen.

Das sind nur einige Aspekte, die zeigen, wie ein auf internationale Solidarität der fortschrittlichen Kräfte orientiertes soziales Herangehen, das auf Verständnis für die in jedem Lande vorhandenen Widersprüche zwischen den Interessen der fort­schrittlichen und der konservativen Kräfte beruht, dazu beiträgt, unlösbar erschei­nende geopolitische Probleme auf prinzipiell andere Art zu klären.

Diesen Weg ging die UdSSR, nachdem sie nach Beendigung des Bürgerkrieges die Armee um ein Mehrfaches verringert hatte und weniger Geld für die Verteidigung ausgab als jedes andere imperialistische Land, wodurch sie die Sicher­heit des neu­en Staates trotz Isolation und einer im höchsten Grade feindlichen Umgebung ge­währleisten konnte.

Dies gelang, weil wir eine friedliche internationalistische Alternative vorge­schla­gen hatten, die auf die sozialistischen und nationalen Befreiungskräfte anzie­hende Wirkung ausübte. Weil wir ein sozialistisches Modell vorgeschlagen hatten, das für die Werktätigen und ihre Organisationen in allen Ländern Anziehungskraft aus­übte. Weil wir eine Bildungs- und Kulturpolitik vorgeschlagen hatten, die von brei­ten Kreisen der fortschrittlichen Intelligenz der USA, in Europa, in Asien usw. un­terstützt wurde. Das war eine friedliche, soziale und kulturelle Expansion neuer Prinzipien sowohl der Innen- wie der Außenpolitik, die gleichberechtigten Dialog und Solidarität voraussetzt.

Ja, und seit den 1930er Jahren hatte der Stalinismus diese Linie verändert, ihre Grundlagen – Gleichberechtigung, Solidarität und Internationalismus – zerbrochen, und sie in immer stärkerem Maße mit traditioneller Politik wirtschaftlichen und mili­tärischen Expansionismus erweitert. Ende der 1950er – Anfang der 1960er Jah­re haben wir teilweise versucht, zu dieser Linie zurück zu kehren, doch nur inkon­sequent, und schließlich sind wir wieder zur Logik imperialer Konfrontation über­gegangen…

Doch das von der Oktoberrevolution gezeigte Modell ist auch heute noch aktuell. Die einzige Methode wirklichen Wachstums von Prestige und Einfluss unseres Landes heute ist nicht Aufrüstung und Erdölexport, sondern die Verwirklichung solcher „Grundsätze“ der Innen- und Außenpolitik, solcher Modelle der Organi­sierung des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens und des Bildungs­wesens, solche Modelle der offenen Zusammenarbeit und Solidarität mit der Öf­fentlichkeit und den sozialen Bewegungen anderer Länder, die auch für die inter­nationale Zivilgesellshaft und die fortschrittlichen Kreise der Intelligenz der Welt Anziehungskraft besitzen. Und diese werden ihrerseits ihre Regierungen veranlas­sen, mit uns zu rechnen und uns zu achten.

Und dieses Projekt für ein Russland des 21. Jahrhundert ist im Prinzip nicht weni­ger romantisch als der Leninsche Plan der Schaffung der UdSSR und der Durch­führung einer friedlichen Außenpolitik unter den Bedingungen der Blockade in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.34 Die einzige störende „Kleinig­keit“ bei der Umsetzung des Projekts sind die gesellschafts-politischen Kräfte, die in unserem Land an der Macht sind. Ansonsten stimmen wir mit Wort und Geist der Oktoberrevolution überein und stützen uns darauf, dass der Schlüssel zur Lösung der geopolitischen Probleme auf sozial-politischem Gebiet liegt. Und das ist eine der wichtigsten Lehren der Revolution, die vor hundert Jahren stattgefun­den hat.

 

  1. Braucht das 21. Jahrhundert eine sozialistische Revolution (die politischen und wirtschaftlichen Grundlagen des Kommunismus als Welt der Kultur)

 

Ich antworte sofort und kurz: ja, sie wird gebraucht. Mehr noch, es wird nicht nur eine sozialistische Revolution gebraucht, sondern eine kommunistische soziale Revolution, das heißt, kein politischer Umsturz im Sinne eines stalinschen-brež­nevschen „Exports des Sozialismus“, sondern eine qualitative Veränderung des gesamten Systems der gesellschaftlichen Verhältnisse im Prozess des Über­gangs zum „Reich der Freiheit“, die zugleich auch von qualitativen politischen Verände­rungen begleitet ist.

Und hier beginnt einer der Schlüsselpunkte unserer Meinungsverschiedenheiten mit jenen, die glauben, dass eine revolutionäre, praktische wirtschaftliche und poli­tische Kritik des Kapitalismus nicht möglich sei, dass die soziale Marktwirt­schaft und das sozialdemokratishe politische Modell die Krönung der wirtschaftspoli­ti­schen Entwicklung sei, und wo es dann nicht mehr weiter gehe.

In eigenartiger politisch-ideologischer Transkription des russischen Traditiona­lismus äußert G. Zjuganov diese Idee mit der Meinung, dass „das Limit an Revo­lutionen erschöpft“ sei; alle Aufgaben auf dem Gebiet der Wirtschaft und Politik liefen auf eine Vervollkommnung des jetzigen kapitalistischen Systems hinaus, und die Hauptprobleme lägen auf dem Gebiet der Festigung der traditionellen geistigen Werte Russlands.

Im Rahmen einer kultur-philosophischen „Diskussion“ wird diese These von vie­len bekannten in- und ausländischen linken Intellektuellen entwickelt, die zuerst Marx folgen und dann auch wie ihre Lehrer und Kollegen in den sechziger Jahren berechtigt die These hervorheben, dass der Kommunismus ein Raum der Kultur ist35, doch die daraus dann die absolut unlogische Schlussfolgerung ziehen, außer­halb des Raumes der Kultur sei nur Kapitalismus möglich.

Sie haben hinsichtlich ihrer ersten Prämisse völlig Recht: wenn man unter Kultur nicht einen Zweig der Volkswirtschaft versteht, sondern Raum und Zeit, in denen der Mensch die Grenzen seiner individuellen Existenz auf­hebt (Shakespeare und Einstein, Tolstoj und Lomonosov sind ewig und international) und in denen er, der Mensch, sich im Feld nicht entfremdeter gesellschaftlicher Verhältnisse, in gemein­samer Kreativität, befindet, so ist diese Welt ja Kommunismus.

(Nebenbei möchte ich bemerken: genau in dieser Weise, – und dazu noch gerecht – wird die Welt der Zukunft in den Werken von A. und B. Strugatskij sowie von I. Efremov und deren Anhänger dargestellt; das ist die Welt von Pädagogen, Ärzten, Wissenschaftlern, Dichtern,“Progressoren“, d.h. Menschen, die gemeinsam schöp­fe­risch ohne den engen Horizont von Gewinn und Macht in Kultur und Gesell­schaft tätig sind.36)

Jetzt wollen wir uns wieder unserer Polemik zuwenden.37 Aus der oben genannten berechtigten Prämisse ergibt sich eine ganz fehlerhafte Schlussfolgerung: der einzige Unterschied des Kommunismus von den vorhergehenden Gesellschaften liegt auf dem Gebiet … der Kultur. Es sind keinerlei qualitative Umgestaltungen auf sozial-ökonomischem und sozial-politischem Gebiet erforderlich, denn Kom­munismus ist kein neues Gesellschaftssystem und erst recht nicht eine neue Pro­duktionsweise, sondern nur ein gewisses Raum-Zeit-Anderssein des Menschen, nachdem er den Rahmen des Betriebes oder des Büros verlässt.

Jedoch.

Bereits Karl Marx hat festgestellt, dass das „Reich der Freiheit“ (die Welt der Kul­tur) nur auf der Grundlage einer entsprechenden Entwicklung des „Reichs der Not­­wendigkeit“ „aufblühen“ kann. Erstrangige Bedeutung gewinnt daher die Ant­wort auf folgende Frage: Welcher Typ der Organisation des wirtschaftlich-sozia­len Le­bens kann die adäquate Grundlage sein für die freie Entwicklung des „Raumes der Kultur“? Ich würde dieses Problem folgendermaßen formulieren. Die Welt der fre­ien Entwicklung der menschlichen Qualitäten (der Kultur) erzeugt eine Art „sozi­alen Auftrag“ für die technologischen Grundlagen der Gesellschaft, für die wirt­schaftlichen und sozialen Verhältnisse, für das politische System usw.

Sie müssen alle für die Lösung der Aufgaben des Fortschritts der Kreatosphäre der Welt der Kultur, des Menschen, adäquat sein.

Jetzt wollen wir überlegen, in wie weit für den Fortschritt des Letzteren das Fließ­band, der Markt, die Lohnarbeit, politische Manipulierung, Herrschaft der Massen­medien usw. adäquat sind.

Und weiter.

Ich glaube, es ist allgemein bekannt, dass Geld einfach ein Mittel des Tausches und zur Kalkulation von Kosten ist, und dass es auch spezifische gesellschaftliche Ver­hältnisse zum Ausdruck bringt (schon Shakespeare wusste, dass Geld in der Lage ist, Böses in Tugend zu verwandeln, aus einem Menschen einen Zyniker oder Ver­bre­­cher zu machen), und – dass der Markt ein System zur Herausbildung von „Wirt­schafts­menchen“ ist, deren Motive und Werte vom Vorteil geprägt sind.

Dass Lohnarbeit Entfremdung des Arbeitenden von den Zielstellungen und ande­ren Attributen kreativer Tätigkeit ist.

Dass Reproduktion des Kapitals ohne sozial-politischen Widerstand seitens der Werktätigen zu sozialer Polarisierung und Herausbildung von Massenarmut führt (von der der Kapitalismus niemals frei war und auch jetzt nicht frei ist).

Dass die heute herrschenden Systeme der Machtverhältnisse mit Hilfe mo­derner Technologien politischer, ideologischer usw. Manipulierung die Konzentration der Macht keinesfalls in den Händen der auf dem Gebiet der Kultur Tätigen sichern, sondern in den Händen ganz anderer sozialer Kräfte.

Dass Massenkonsum, Massenkultur und Massenmedien zur Herausbil­dung von Kleinbürgern führen, für die die Welt der Kultur prinzipiell fremd ist und die wirk­liche Kultur ablehnen und unterdrücken…

Kann denn ein solches System für den „Kommunismus als Basis des Raumes der Kultur“ dienen, auf dem die Zukunft des „Reichs der Freiheit“ aufblüht?

Fahren wir fort.

Selbst die Welt der Kultur existiert nicht außerhalb wirtschaftlicher und politischer Prozesse.

Denken wir nach über ganz offensichtliche Fragen.

Ist es für den Fortschritt der Kultur gleichgültig oder nicht, ob das Eigentum an Wissen privat oder allgemein ist? Für die Welt der Kultur ist nur das Gemeinei­gentum Eigentum eines Jeden an allem. Aber der Markt und das Kapital fordern und reproduzieren Privateigentum an den Phänomenen der Kultur.

Ist es für die Welt der Kultur gleichgültig, ob Bildung allgemein zugänglich oder kommerziell-elitär sein wird?

Und ist es gleichgültig für die Welt der Kultur, wohin die wichtigsten Ressourcen für die Entwicklung der Menschheit gelenkt werden, einschließlich das „Humanka­pi­tal“ – für Expansion von Finanzspekulationen, Militarismus, Massenkultur usw. oder für Erziehung, Ausbildung, Gesundheitswesen, Entwicklung der Kunst und die Lösung von Problemen der Rekreation von Natur und Gesellschaft?

Das aber sind ausgesprochen sozial-ökonomische und sozial-politische Pro­bleme…

Eine andere Frage ist, dass sich die ersten Versuche, ein antikapitalistisches Mo­dell für die Lösung dieses und vieler weiterer Probleme als äußerst wider­sprüch­lich erwiesen haben. Ich habe schon oft festgestellt, dass das Sowjetsystem bei all sei­nen Errungenschaften auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Bildung und der Kunst sehr weit von der Schaffung adäquater sozial-ökonomischer und politi­scher Voraussetzungen für den Fortschritt der Kultur entfernt war. Doch die Niederlage des ersten Versuchs, ein Modell der neuen Gesellschaft auszuarbeiten und prak­tisch zu verwirklichen, kann für einen Wissenschaftler kein Argument sein, dass das neue Projekt prinzipiell nicht zu verwirklichen sei: ein Wissen­­schaftler weiß sehr wohl, wie lang und arbeitsintensiv der Weg der Ausarbeitung und Verwirkli­chung neuer strategischer Projekte auf jedem Gebiet der Tätigkeit des Menschen ist.

Das ist der Grund, weshalb ich – meinen Lehrern folgend – gemeinsam mit meinen Kollegen ständig bemüht bin, in der heutigen Wirklichkeit reale Tendenzen der Fortentwicklung zu einer Wirtschaft und Gesellschaft der Zukunft, reale Keime dieser Zukunft, zu finden.38

Und jetzt einiges zu der Frage, warum ich es für so wichtig halte, in diesem Text eine Polemik zu einem recht abstrakt erscheinenden philosophischen Thema auf­zugreifen.

Es ist ein einfacher Grund: Die Oktoberrevolution war nicht nur ein politischer Um­­sturz und nicht nur ein Versuch (der schließlich mit einer Niederlage endete), eine Planwirtschaft und ein politisches Rätesystem – das Sowjetsystem –, zu schaffen. In ihrem tiefsten Sinne war die Oktoberrevolution eine Revolution ge­gen das „Reich der Notwendigkeit“, und nicht nur gegen Kapitalismus und Impe­rialismus; sie wurde zum Beginn einer umfassenden, faktisch weltweiten Suche nach praktischen Wegen zur Schaffung nicht nur einer neuen Wirtschaft und Poli­tik, sondern auch eines neuen Raum-Zeit-Lebens der Menschheit – der Geschichte, des „Reichs der Freiheit“.39

Hieraus ergibt sich die Bedeutung des Akzents, den schon Karl Marx gesetzt und Lenin40 weiterentwickelt hatte, und danach noch viele andere Marxisten (unter ihnen auch jene, mit denen wir oben polemisiert haben): erstrangige Aufgabe der kommunistischen Revolution ist die Herausbildung von Bedingungen für einen maximalen freien und schnellen Fortschritt der menschlichen Qualitäten („Kom­mu­nismus ist praktischer Humanismus“),der gemeinsanen schöpferischen Tätig­keit, der Kultur. Und in diesem Sinne waren die wichtigste Errungenschaft der Okto­berrevolution nicht einmal das Wasserkraftwerk am Dnepr und der Sputnik als solche, sondern jene Millionen (leider nicht Milliarden) Menschen, die in der gan­zen Welt – und vor allem in der UdSSR – nicht wegen des Geldes und nicht wegen Machtausübung lebten und arbeiteten. Ihr Interesse galt dem Aufbau eines neuen Lebens und in erster Linie einer neuen Kultur. Nicht nur Bücher und Filme, Kenntnisse und Raumschiffe, sondern Kultur Raum und Zeit nicht entfremdeten Seins des Menschen, der nicht entfremdeten menschlichen Beziehungen – Kultur als Raum des Kommunismus. Sie haben in unserem gesellschaftlichen Sein und Bewusstsein die Entfremdung aufgehoben [russ, razotčuždali – ent-entfremdet]41.

Und diese wichtige Lehre widmet die Oktoberrevolution dem Sozialismus der Zukunft: eigentlich kann und muss die neue Welt mit der sozial-kulturellen Revo­lution beginnen, deren wichtigster Inhalt die Aufhebung der wirtschaftlichen und politischen Formen ist, die den Fortschritt der menschlichen Qualitäten, der Krea­tosphäre hemmen sowie die Schaffung der Voraussetzungen für die Heraus­bildung neuer gesellschaftlicher Formen, die zu einem schnelleren Fortschritt der Kultur und des Menschen beitragen. Ohne dies werden die wirtschaftlichen und politi­schen Umwandlungen entarten und sich in ihr Gegenteil verkehren.

Ebenso wahr ist umgekehrt aber auch, dass ohne sozial-ökonomische und politi­sche sozialistische Revolution der Fortschritt der Kultur nie zum bestim­menden Parameter der menschlichen Entwicklung werden wird.

Und das ist auch der Grund, warum die qualitative Veränderung des sozial-ökono­mischen und des gesellschafts-politischen Systems, die revolutionäre Aufhebung nicht nur des Kapitalismus, sondern auch des gesamten Reichs der [wirtschaftli­chen] Notwendigkeit das Maximalprogramm der Kommunisten war und bleibt.

Doch wir denken nicht nur an die strategischen Ziele. Wir denken an die Antwor­ten auf die Herausforderungen des heutigen Tages. In der Welt und in Russland bildet sich eine bedrohliche Situation heraus: bei dem korporativen Kapital, das zu Beginn des neuen Jahrhunderts auf die erschöpften inneren und äußeren Ressour­cen der Akkumulation gestoßen ist, zeigt sich eine Neigung zur Suche politisch-ideologischer Lösungen der sozial-ökonomischen Probleme. Und hier wählt es den Weg, von einem Übel – der manipulativ-simulati­ven Demokratie – zu einem ande­ren, noch größeren, einem rechtskonservativen Übel, das zu einer mehr oder weni­ger gemäßigt/rigorosen Diktatur führt.

Die Hauptgründe hierfür sind wirtschaftliche.

Die globale Expansion des Kapitals in die Breite ist auf eine durch das transnatio­nale Kapital selbst geschaffene Grenze gestoßen: China, Indien und Co. verwan­deln sich in reale Konkurrenten…

Die finanzwirtschaftliche Krise von 2007-2009 hat gezeigt, dass die inneren Quel­len für die Lösung des Problems einer Neuakkumulation von Kapital auf dem Wege zur Schaffung fiktiv-virtueller Finanzblasen nicht grenzenlos sind und sogar „folgenschwer“ sein könnten…

Eine Rückkehr zu teilweiser privater sozialdemokratischer Reformierung in ihren früheren Formen ist unmöglich, denn sie hatten sich bereits Ende des vergangenen Jahrhunderts erschöpft, und das Kapital hat nicht die Absicht, sich auf eine private Übergabe nicht nur der Gewinne, sondern auch des Eigentums und der Macht ein­zu­lassen (umso mehr als eine so starke Gefahr, wie sie Mitte des 20. Jahrhun­derts bestanden hat, heute nicht vorhanden ist: weder eine UdSSR, noch eine machtvolle kommunistische Weltbewegung, noch ein sich auf dem ganzen Planeten vollzie­hen­der antikolonialer Kampf sind vorerst in Sicht.)…

Vor uns allen – vor all jenen, für die die Worte „Volksmacht“, „Freiheit“ und „Sozialismus“ nicht nur Worte sind, sondern der Sinn von Leben und Tätig­keit, und das gilt nicht nur für uns, sondern auch für jene, die vor uns waren und die nach uns kommen werden –, in voller Größe steht vor uns allen die Aufgabe einer exakten Bestimmung der Alternativen zu einer neuen und alten rechtskonser­va­tiven Gefahr.

Diese Antwort kann sowohl revolutionär als reformistisch sein.

Zu Ersterem habe ich meine Gedanken oben geäußert. Es ist Zeit, über Letzteres zu sprechen: über ein Minimalprogramm der linken Kräfte. Doch einem positiven Pro­gramm muss der Beweis vorangestellt werden, dass ein konservatives Szena­rium – in welcher Form auch immer, sogar ein linkskonservatives – ein Weg des Rückschritts ist.



3. Auf der Suche nach einem Ausweg … aus der neoliberalen Sackgasse: Konservatismus als Rückschritt



Begeben wir uns auf den Boden der Realitäten Russlands, und beginnen wir mit dem, was offensichtlich ist (zumindest für den Verfasser und seine Genossen): die Wieder­her­stel­lung der traditionellen liberal-demokratischen Werte in ihrer früheren Art und Weise ist für die Mehrheit der Bevölkerung unseres Landes nicht akzep­ta­bel.

Zum liberal-demokratischen Modell hat sich Russland verspätet (Girš [Grigorij Isaakovič] Chanin hat das irgendwann einmal anders ausgedrückt: „Russland ist zu spät zum Markt gekommen“.) Und nicht einmal heute – sondern vorgestern, zu Beginn des 20.Jahehunderts, was die siegreichen Bolschewiki verstanden hatten, deren nicht siegreiche Opponenten hatten dies aber nicht verstanden.

Wir haben uns in der Praxis davon überzeugt, dass in einem Land, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts unter Bedingungen einer absoluten Monarchie gelebt hat, das in den letzten Jahrzehnten dem Wesen nach ein militärisch-feudaler Impe­ria­lismus war und das dann zur UdSSR wurde – d.h. zu einem System, das von einem libera­len Modell ebenfalls weit entfernt war, und für das die Versuche einer Demokratisierung in der sozial-ökonomischen und außenpolitischen Krise der 1990er Jahre endeten, was aber trotzdem seine kosmischen und Kernkrafttechno­logien beibehält, was ein außerordentlich hohes Niveau des Bildungswesens und der Kultur hat, das die Traditionen der Solidarität und der sozialen Kreativität be­wahrt – in einem solchen Land den Versuch zu unternehmen, ein Modell des liberalen Marktes und der Demokratie einführen, wäre nicht nur ein Verrechen, sondern dumm.

Und nicht nur dumm, sondern ein Verbrechen wäre es aus diesem Grunde, unserer Gesellschaft ein rechtskonservatives Projekt aufzudrängen, das Russland in eine mögliche, einer reaktionären Sackgasse gleichkommenden Vergangenheit eines militärisch-feudalen Imperialismus zurückwerfen würde. Die Tragödie des Russ­ländischen Imperiums, die nicht zufällig zur Februar- und zur Oktoberrevolu­tion geführt hat, würde bei dem Versuch einer Wiederholung zu einer tragischen Farce werden, die uns allen, den Völkern unserer Heimat, teuer zu stehen käme.

Die Gründe für eine derartige Schlussfolgerung sind bekannt: ein autoritär-konser­vativer politisch-ideologischer Überbau bildet sich heraus wie eine Fassade – und wir wiederholen es absichtlich nochmals – von der Art jener sozial-ökonomischen Verhältnisse wie jener militärisch-feudale Imperialismus zu Beginn des 20. Jahr­hunderts, der berufen war, die Aufgaben der industriellen Modernisierung zu lösen. Doch weder diese Wirtschaftsordnung, noch ihre politische Form vermochten die­se Aufgabe zu lösen, denn sie taten es äußerst uneffektiv, da sie die Reprodukti­onsprozesse auf das Ziel der Festigung der Macht und der Bereicherung jener Schicht orientierten, die man heute, hundert Jahre später, als staatliche oligarchi­sche Nomenklatur bezeichnen könnte. Diese Schicht, die als politisch-wirtschaft­lich bestimmende Obrigkeit in keiner Weise von unten kontrolliert wird, ist fähig, nur Simulacren eines Kampfes für gesamtnationale Interessen zu erzeugen, wobei die Bevölkerung mit Großmachtpropaganda eingeschüchtert wird und symbolische Signale gesetzt werden, in Wirklichkeit aber nur unbedeutende geopolitische De­mar­chen benutzt werden, um die Stimmung der Bevölkerung in staatpolitischem und patriotischen Sinne zu heben. Wie aus der Theorie hervorgeht und durch die neuere Geschichte der staatlichen oligarchischen Verwaltung Russlands bestätigt wird (auch dies sei hier nochmals absichtlich wiederholt), bestehen die wirklichen Ziele dieser staatsmachtnahen „Elite“ in ihrer eigenen erweiterten Reproduktion, – d.h. der Nomenklatur selbst sowie des Eigentums und der Machorgane.

Historische Beispiele für eine erfolgreiche Modernisierung unter der Ägide einer derartigen wirtschaftspolitischen Macht liegen vor, aber sie sind bedauernswert (um nicht zu sagen – tragisch). Dies sind Beispiele aus der Geschichte der Jahre 1950-1970 aus den Ländern der Dritten Welt. Das typischste von ihnen betrifft Südkorea, wo die zweite industrielle Modernisierung (kopierend und mit einem Abstand rückwirkend von 1-2 Jahrzehnten) unter der Ägide der USA und mit rück­sichtsloser Ausbeutung der Werktätigen – 10-12-stündiger Arbeitstag, prak­tisch ohne freie Tage und mit sehr niedrigem Arbeitslohn. Nach mehreren Jahr­zehnten wurde Südkorea schließlich eines der erfolgreichen halbperipheren Länder.

Dieses Ergebnis ist für unser Land wenig wünschenswert. Und es wäre auch nicht zu verwirklichen. Denn erstens ist eine auf derartiger Ausbeutung beruhende in­du­­strielle Modernisierung nur bei Schaffung von Produktionen möglich, die auf 3-4 technologischen Wirtschaftsformen beruhen. Für eine Wirtschaft des 21. Jahr­hunderts – für eine Wirtschaft der „klugen Fabriken“ und für eine Produktion mit viel kreativer Arbeit,42 für eine Wirtschaft, deren Hauptzweige auf Bildung, Wis­sen­schaft und Kultur beruhen43, werden schöpferische Arbeitskräfte gebraucht, die ihrerseits viel freie Zeit benötigen plus ein hohes Bildungsniveau, Kultur und Raum für persönliche Entwicklung.

Zweitens, eine derartige Modernisierung in einem zurückgebliebenen Land (und die Russische Föderation ist jetzt ein zurückgebliebenes Land) ist nur unter dem Schutz einer Supermacht möglich, und eine Entwicklung als Satellit der USA oder Chinas wird von der Mehrheit nicht gewünscht.

Drittens, und selbst angenommen, dass wir durch irgend ein Wunder in einem halben Jahrhundert eine solche Modernisierung durchführen, so wird das zu der­selben Krise führen, die die Revolution im Russländischen Imperium ausgelöst hat: enge Enklaven moderner Produktion mit zu Protest neigenden (infolge von zu starker Ausbeutung) Werktätigen + ungelöste Probleme der übrigen Sektoren, in denen die Mehrheit der Bevölkerung tätig ist, + eine korrumpierte, uneffektive Oberschicht…

Wo ist da der Ausweg? Er ist bekannt und wurde von der Revolution vorge­zeichnet: wir müssen und können nicht zurück zur Demokratie gehen, sondern vorwärts – zur realen Macht des Demos, und dies nicht im früheren, sondern im modernen Sinn beider Begriffe.

Organisierte Bürger, die ständig selbst die Formen ihres gesellschaftlichen Lebens hervorbringen und aufbauen, das ist die allerabstrakteste, jedoch exakteste Formel der Macht der Bürger, die den Aufgaben der Vorwärtsbewegung adäquat ist und die nicht zurück, sondern aus der Sackgasse der quasiliberalen Formen des Spät­kapitalismus herausführt. An die Stelle des Demos treten im Rahmen dieser Form Assoziationen der Bürger, an die Stelle des die Macht garantierenden Demos treten die Systeme der von ihr entfremdeten formalen Regelungen (Gesetze, Verfahren, Beamte, Polizisten) – ihre eigene [Selbst]Tätigkeit, an die Stelle des mehr oder weniger demokratischen Staates tritt der absterbende, „einschlafende“ Staat, der zur sozial-kreativen Tätigkeit der Bürger wird.

Diesen Weg haben die Werktätigen unseres Landes vor hundert Jahren beschritten, als sie im Ergebnis es Sieges der Februarrevolution begannen, das Sowjetsystem [System der Räte] zu schaffen. Auf diese Seite der Februarrevolution wird heute keine besondere Aufmerksamkeit mehr gelegt: die übergroße Mehrheit der Intel­lektuellen beschäftigt sich mit spitzfindigem Gerede und Intrigen von Politikastern aus der Provisorischen Regierung und Anwärtern auf die Rolle eines künftigen Dik­tators. Das Wesentliche war etwas Anderes: unabhängig von den De­mo­kra­tiespielern und jenen, die wie Kornilov und Co die Absicht hatten, die De­mokratie zu beerdigen, haben sich in Wirklichkeit von unten, selbständig, kaum gebildete Bürger Russlands in Dörfern und Kleinstädten in Sibirien und in Petro­grad von sich aus ihre eigenen künftigen Machtorgane geschaffen, die Sowjets44, die die Verantwortung und die Bürde auf sich nahmen, in der Oktoberrevolution einen neuen Staat zu schaffen. Aus den Sackgassen der demokratischen Schwatz­bude und der Tatenlosigkeit gingen sie nicht zurück zur Diktatur, sondern vorwärts zu sozialer Kreativität eines neuen Staatswesens – der Sowjetunion, zu neuen sozia­lökonomischen Verhältnissen.

Ist diese Erfahrung mutiert, nicht gelungen?

Ist anstelle von größerer Demokratie als es die bürgerliche ist ein Regime mit GULAGs [mit einem Lagersystem] entstanden, mit politischer Zensur und Machtorganen einer Partei- und Staatsnomenklatur?

Sowohl ja als auch nein.

Ja, weil das politisch-ideologishe System in der UdSSR und in den anderen Räu­men des „realen Sozialismus“ weder reale Freiheit des Gedankens noch reale Handlungsfreiheit garantiert hat. Die Macht blieb in den Händen des mehr oder weniger repressiven Partei- und Staatsapparates. Maß und Formen der Unterord­nung der Bürger unter den Staat waren in den verschiedenen Ländern in den ein­zelnen Zeitabschnitten natürlich unterschiedlich (eine Sache war die Diktatur der Nomenklatur in den 1930er Jahren in der UdSSR, eine andere das politische Sy­stem in Kuba unter Führung von Fidel), aber eine reale Volksmacht wurde nir­gends verwirklicht, und in einer Reihe von Fällen gab es Entartungen zu direkter blutiger Diktatur.

Nein, weil die vom Volk losgelöste und über dem Volk stehende Nomenklatur in den Ländern des realen Sozialismus durchaus nicht nur Aufgaben zur Stärkung ih­rer eigenen Macht gelöst hat. Sie löste vorwiegend und in den meisten Ländern Aufgaben der Entwicklung des Landes als Ganzes. Sie hat sie widersprüchlich ge­löst und bei weitem nicht immer mit adäquaten Methoden (in einer Reihe von Fällen mit gegen das Volk gerichteten Methoden); sie hat sie nicht immer gelöst und nicht immer mit Erfolg, doch sie hat sie gelöst. Und wenn die politischen Rechte der Bürger in den Ländern des „realen Sozialismus“ viel stärker einge­schränkt waren als selbst in Ländern mit einer manipulierten bürgerlichen Demo­kratie, so wurden die sozial-ökonomischen Rechte der Bürger und ihre reale Einbe­ziehung in das soziale schöpferische Schaffen und in die Kultur in den besten Peri­o­den und Räumen des „realen Sozialismus“ (NÖP und „Tauwetter“ in der UdSSR) bedeutend aktiver verwirklicht, als sogar in den sozialdemokratischen En­kla­ven des Spätkapitalismus.

Und noch eine sehr wichtige Seite dieses politischen Systems: Es gestattete, Aufgaben der Mobilisierung des gesamten Volkes zu lösen. Und nicht nur mit Methoden der Diktatur und Repression, obgleich es dies auch gab. Die Heran­ziehung der Massen der Werktätigen direkt zu besonderen historisch kreativen Ereignissen, ihre Einbeziehung in sozial kreatives Schaffen, die Aufhebung von Entfremdung in ihrem gesellschaftlichen Leben, all das, was heute mit dem fast vergessenen Wort „Enthusiasmus“ bezeichnet wird, machte es möglich, in kurzer Zeit eins der besten Bildungssysteme in der Welt zu schaffen, wissenschaft­lich-technische Durchbrüche zu erzielen, große Massen für wirkliche Kultur zu gewin­nen, den Sieg über den gemeinsamen Feind der Menschheit, den Faschismus, zu erringen. Die bürgerliche manipulative Demokratie kann derartige Aufgaben nicht so schnell lösen und einige überhaupt nicht (Sieg über den Faschismus, Einbezie­hung großer Massen in wahre Kultur).

Was den Preis betrifft, so darf man bei aller absolut erforderlicher und härtester Kritik an den Verbrechen der „sozialistischen“ Nomenklatur nicht die Notwen­digkeit vergessen, genau so strikt die Verbrechen der finanz-bürokratishen No­menklatur des Kapitals zu kritisieren: über eine Milliarde notleidender absolut rechtloser Menschen in den Kolonien (bis in die 1960er Jahre!), Dutzende Milli­onen in „lokalen“ Kriegen Ermordete, Atombombenabwürfe über friedlichen Städten, Unterstützung des deutschen, italienischen, spanischen, portugiesischen, chilenischen usw. Faschismus während des längsten Zeitraums des 20. Jahrhun­derts, all dies sind Verbrechen der bürgerlichen-demokratischen politischen Sy­steme. Eben­so wie ihre eigenen innern „Eroberungen“: die „Hexenjagden“ und die Berufsver­bote – das ist auch Praxis der „Demokratie“.

Noch eine „Nuance“ sei hervorgehoben: wir, die Anhänger des Sozialismus und der sozialen Befreiung, sprechen offen und ständig über die Notwendigkeit, alle Widersprüche und Verbrechen der sozialistischen „Nomenklatur“ in Erinnerung zu behalten und sie beim Voranschreiten zur Volksmacht nicht zu wiederholen. Doch „jene“, das heißt die liberalen und sozialdemokratischen Verteidiger der abstrakten demokratischen Werte, „vergessen“ ständig die Verbrechen und Widersprüche der bürgerlichen politischen Macht.

Und nun zur Hauptsache: welches sind die Schritte nach vorn, die man tun kann in Richtung auf mehr reale Freiheit des Menschen als unter den Bedingungen der bür­gerlichen Demokratie.

Wie ich bereits erwähnte, in diesem Abschnitt und danach, wird es um jene Refor­men gehen, die im Rahmen des Spätkapitalismus maximal möglich sind. Eine an­de­re Sache ist, dass in solchen Ländern wie dem unseren, wo die Reste der schlimm­sten Seiten des „realen Sozialismus“ (die Macht der Nomenklatur, der bürokratische Paternalismus usw.) stark sind und wo die reversive Bewegung der Geschichte eine Menge spätfeudalistische Formen wiedererstehen lässt, – in solchen Ländern sind allgemeindemokratische öko-sozio-humanitär-orientierte Reformen in ihrer Tiefe, in ihrem riesigen Umfang und in ihrer Kompliziertheit Revolutionen gleichzusetzen.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: in diesen Ländern ist es zur Verwirklichung realer Schritte auf dem Wege der sozialen Befreiung notwendig, eine signifikante Umverteilung des Eigentums, der Macht und der Einkommen vorzunehmen und die real existierenden Regelungen (Spielregeln) qualitativ zu verändern. Ich unter­streiche: diese Veränderungen bleiben in dem Maße nur Reformen, wie die Haupt­rechte am Eigentum und an den Kanälen der Macht wie bisher in den Hän­den des Kapitals und der Bürokratie verbleiben. Zu realen Reformen werden sie in dem Maße, wie ein Teil der Eigentumsrechte und der Kanäle der politischen Macht plus die Möglichkeit einer realen Beschränkung der wirtschaftlich-politi­schen Macht des Kapitals und die Kontrolle darüber in den Händen der Mehr­heit der Werk­tätigen liegen. 1



4. Es gibt Alternativen zu einem rechtskonservativen Rückschritt: Neufassung des Minimalprogramms der Linken



Was könnten das für reale Reformschritte auf dem Wege der sozialen Befrei­ung (der Aufhebung der Entfremdung) des Menschen auf politischem Gebiet sein (zur Wirtschaft haben wir uns schon mehrfach geäußert)?

Die erste und absolut notwendige Bedingung für die Vorwärtsbewegung ist die kritische Bewahrung der Errungenschaften der Vergangenheit. In diesem Falle – der Errungenschaften der bürgerlichen Demokratie und des frühen politischen Libera­lis­mus. Die wichtigsten dieser Errungenschaften sind die Garantien der so genann­ten „negativen“ Freiheit, der „Freiheit von“ – vom außerökonomischen Zwang und politisch-idologischen Diktat. Diese in den Dokumenten der UNO enthaltenen Prinzi­pien müssen erhalten bleiben.

Das Zweite sind die formalen Garantien, die in den Verfassungen der bürgerlichen Staaten fixiert sind (Freiheit des Wortes, von Zusammenkünften, Versammlungen usw., die Menschenrechte); sie sind ebenso wichtig wie abhängig von jenem sozi­al-ökonomischen Inhalt, der diese abstrakten Prinzipien zu realen Freiheiten macht. Aus diesem Grunde bedeutet Verwirklichung der juristischen Rechte des Men­schen: Verwirklichung eines solchen Minimums an sozial-ökonomischen Rechten, die den Arbeitenden wie den nicht arbeitsfähigen Menschen zu einem Bürger macht, der die reale Möglichkeit besitzt, praktisch an politischen Prozessen teilzu­nehmen. Dieses Minimum ist gut bekannt. Es enthält:

  • ein garantiertes soziales Minimum (Minimallohn, Rente, Unterstützung), in Höhe von nicht weniger als 15 % des Durchschnittseinkommens vоn 10 % der reichsten Bürger des Landes; der Koeffizient der Fonds (Verhältnis des Einkommens von 10 % der ärmsten und reichsten Familien) wird in diesem Falle das Niveau der skandinavischen Länder haben – 6-7mal; die Bedin­gung der Verwirklichung dieses Imperativs ist das hohe (nicht unter 50 %) Niveau der Besteuerung der persönlichen Einkünfte der reichsten Mitglieder der Gesellschaft;

  • Garantierte Beschäftigung im öffentlichen Sektor anstelle von Arbeitslosen­unterstützung;

  • Kostenlose Ausbildung (inklusive Hochschule),Gesundheitswesen, Kultur­güter;

  • Allgemeiner Zugang zu Räumen für die Durchführung von gesellschafts-politischer und kulturell-kreativer Tätigkeit usw.;

Drittens. Begrenzung von Eigentum und wirtschaftspolitischer Macht des Kapitals. Insbesondere:

  • Schaffung komplexer Systeme von öko-sozio-humanitärer Rahmen des Marktes, deren Realisierung von der Zivilgesellschaft kontrolliert wird.

  • Entwicklung eines Systems von Beziehungen, das die Teilnahme von Mitar­beitern in der Verwaltung von Unternehmen aller Eigentumsformen garan­tiert; Pflicht zu sozialer Verantwortung des Eigentümers für die Nutzung der ihm gehörenden Ressourcen; öffentlich-staatliche Sicherung der vorrangi­gen Entwicklung verschiedener Organe gesellschaftlichen Eigentums;

  • Beschränkung der Nutzung finanzieller und anderer materieller Kapitalres­sourcen im politischen Prozess; fer­ner maximale Transparenz der Tätigkeit politischer Strukturen; öffentliche Kontrolle der Tätigkeit sowohl staatli­cher als auch privater Massenmedien (linken demokratischen Organisatio­nen wurde im letzten Jahrhundert ein breites Spektrum praktischer Schritte in dieser Richtung empfohlen).

Viertens, das Wichtigste. Herausbildung von Organen der Staatsverwaltung auf der Grundlage von Übergangsprinzipien vom Parlamentarismus zum Sowjet-[Räte]-System. Vor allem, reale Einbeziehung demokratisch gewähl­ter Vertreter der Machtorgane in die praktische Tätigkeit zur Verwaltung des Staates und zur Her­ausbildung gesetzgebender Organe auf der Grundlage von Vertretungskörperschaf­ten, die aus real agierenden gesellschaftlichen Massenorganisationen und sozialen Bewegungen zusammengesetzt sind. Unterstützung der Herausbildung von Institu­tionen der Zivilgesellschaft, die auf der Grundlage der Prinzipien der Freiwilligkeit und offen arbeitender Assoziationen aufgebaut sind; öffentliche Regulierung und Beschränkung der Tätigkeit von Institutionen der Zivilgesellschaft, die vom Kapi­tal gebil­det werden. Maximal mögliche Nutzung von Formen direkter (auch elek­tro­­nischer) Demokratie und maximal breite Ersetzung der Tätigkeit des Beam­ten­apparats durch Tätigkeit unterschiedlicher gesellschaftlicher Organisatio­nen und sozialer Bewegungen.

Nochmals sei unterstrichen: die genannten Schritte sind nicht mehr (aber auch nicht weniger) als bedeutende Reformen, die auf die Entwicklung von Elementen einer Volksmacht (soziale Befreiung) im Rahmen eines spätbürgerlichen Systems gerichtet sind.

Diese Reformen sind im Rahmen des Kapitalismus nut dann zu verwirklichen, wenn sich eine Situation herausbildet, die einer revolutionären Situation nahe kommt. Wenn also, mit anderen Worten, die Krise des sozio-liberalen und des von diesem fast nicht zu unterscheidenden und fatal nach rechts gerückten sozialdemo­kratischen Projekts von der Mehrheit erkannt wird, wenn diese (libero-sozialdemo­kratischen) „Oberschichten“ endgültig ihre Unfähigkeit demonstrieren, auf die alte Weise zu regieren, wenn die reale Gefahr entsteht, dass man aus dem von diesem wirtschaftspolitischen Modell des Spätkapitalismus nicht nach vorn – zu soziali­stisch orientierten Reformen – heraus kommt, sondern nur zurück kann – in kon­servativ-reaktionärer Richtung – auf was wir später noch zurückkommen werden.

Unter diesen Bedingungen steht dann die reale Frage: wer kommt diesem bankrott gegangenen Projekt zu Hilfe? Da gibt es keine große Auswahl. Entweder die Kon­ser­vativen, die die letzten Elemente der formalen Demokratie und des sozialen Schutzes zerstören und die unter dem Deckmantel populistischer (nationalistischer, halbfaschistischer) Losungen noch rigorosere und frühere übertreffende, ihrer poli­tischen Form nach autoritäre und ihrem Inhalt nach totale Formen wirtschafts-poli­tischer Macht des korporativen Kapitals schaffen, – oder sozialistische Kräfte.

Dort und dann, wo und wenn die Linken politisch-ideologisch schwach sind, werden diese oder jene Konservative zum Sieg gelangen, und die tragischen Folgen davon werden nicht lange auf sich warten lassen.

Dort, wenn und wo die Linken stark sind und das Ausmaß der Krise nicht allzu groß ist, so dass man die „Unterschichten“ zu revolutionären Aktionen „bewegen“ kann, werden die oben beschriebenen Reformen möglich sein.

Wenn aber das Ausmaß der Krise der „Unterschichten“ für Reformen zu groß ist, rückt eine neue sozialistische Revolution auf die Tagesordnung.

Jetzt ist die Situation so, dass in den meisten Ländern kein „Kern“ einer tiefen sozi­al-ökonomischen Krise vorhanden ist, durch den das Leben eines Großteils der Bürger und vor allem der im öffentlichen Sektor tätigen durchschnittlichen Intelli­genz und des spätindu­striellen Proletariats radikal verschlechtern würde (obgleich sich die Situation in Griechenland in nächster Perspektive verändern kann). Aber es reift eine Krise der Oberschichten heran, und die Diffusion der „Mit­tel­klasse“, die Zunahme der sozialen Ungleichheit sowie die äußeren Bedrohungen – all dies kann und stellt sogar schon Fragen auf die Tagesordnung wie: Wer wird die Refor­men durchführen, die Konservativen oder die Linken, und entsprechend – in wel­che Richtung werden sie gehen: zurück, zu einer noch rigoroseren Macht des kor­po­rativen Kapitals und der Bürokratie, oder nach vorn, zur öko-sozio-humanitären Beschränkung des Kapitals?

In letzterem Fall werden solche Reformen wahrscheinlich nicht sozialdemokrati­sche Organisationen durchführen (sie haben ihre Unfähigkeit selbst bei einer teil­weisen Radikalisierung schon gezeigt), sondern die konsequent sozialistischen und die demokratischen kommunistischen Organisationen im Bund mit den öko-sozio-humanitär-orientierten gesellschaftlichen Organisationen und Bewegungen (den linken Gewerkschaften, den Ökologen, den „Bildungsförderern“, den Feministen usw.) gestützt auf den linken Flügel der „einfachen“ kreativen Klasse (die Lehrer, das medizinische Personal usw.) und auf den organisierten Teil des Industrieprole­tari­ats. Doch dazu, dies sei nochmals gesagt, müssen sie konsolidiert und nicht weni­ger stark sein als die Konservativen.

In Russland entsteht eine weit widersprüchlichere Situation als in den Ländern des „Kerns“.

Erstens, Anhänger von konservativen Transformationen in unserem Lande sind die höchsten Machtorgane. Bis jetzt ist dieser Trend noch nicht stark gefestigt, aber schon bald kann er sichtbar sein und zur Verwirklichung eindeutig akzeptiert wer­den. In diesem Falle erwartet uns eine nicht unbekannte Integration des rechtslibe­ralen Kurses in der Wirtschaft mit dem rechtskonservativen Kurs im politisch-ideologi­schen und kulturellen Leben.

Zweitens, die linke Opposition, die auf sozial-ökonomischem Gebiet noch immer auf der Plattform der Sozialdemokratie von vor 50 Jahren steht (was für Russland mit unserem barbarischen halbfeudalen Kapitalismus gar nicht einmal so schlecht ist), besteht auf politisch-ideologischem Gebiet in ihrer Mehrheit aus Anhängern konserva­tiver Reformen.

Drittens aber ist zu beobachten, dass neben Äußerungen von Machtstreben und einer in den Bereich des Möglichen rückende Konsolidierung von „Weißen“ und „Roten“ immer stärker objektive Probleme auftreten. Einerseits – bergen die nun schon viele Jahre andauernde wirtschaftliche Stagnation und die sich vertie­fende soziale Ungleichheit eine Krise der „Unterschichten“ in sich. Die korrumpierte bürokratische Oberschicht, die immer we­ni­ger in der Lage ist, die Probleme der gesamtstaatlichen Verwaltung zu lösen und die ihre Lähmung durch außenpoliti­sche und Macht demonstrierende Alterna­tiven zu kompensie­ren sucht, zweifelt aber andererseits angesichts ihrer Demoralisation an ihrer Fähigkeit, das konser­vative Projekt effektiv zu verwirklichen und das Land aus der Krise heraus zu führen; daher zieht sie nach rückwärts und begibt sich immer mehr von den Wider­sprüchen des halb­peripheren Kapitalismus in die Sackgasse des militärisch-feuda­len Imperialismus, der bereits vor hundert Jahren seine Lebensunfähigkeit bewie­sen hatte, indem er zur Ursache für die Große Revolution von 1917 wurde. Russland hat keine Perspektiven auf dem Wege einer „konservativen Konve­r­genz“.

Damit stellt sich in voller Größe die FRAGE: haben die demokratischen Linken eine reale Alternative zu dieser Gefahr?

Gegenwärtig hat unser Land keine starke demokratische linke Bewegung, und das ist leider kein Zufall. Zu den Gründen für diese Situation hat sich der Verfasser dieser Zeilen schon mehrfach geäußert45, darum stellen wir die Frage anders: wie kann diese Situation geändert werden?

Leider hat der Verfasser keinen Zauberstab, und daher ist Russland leider mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in der nächsten Perspektive gezwungen, auf reversive Drift zu gehen in Richtung auf noch größere Refeudali­sierung auf politisch-ideo­logischem Gebiet und gleichzeitig stärkeres Hervortreten des Marktfundamen­ta­lismus, womit die Herrschaft der oligarchischen bürokratischen Clans auf wirt­schaftlichem Gebiet verdeckt wird.

Dieser Prozess wird jedoch keine positiven Ergebnisse zeitigen – weder für das Land als Ganzes, noch für die werktätige Mehrheit; und aus diesem Grunde wird mit der Zeit die Enttäuschung über diese Politik der Machtorgane zunehmen. Auch die Enttäuschung in der „Opposition Seiner Majestät“ wird wachsen. Aus den sich jetzt herausbildenden linksdemokratischen Gruppen der politisch aktiven Jugend und den Assoziationen der „einfachen“ Vertreter der kreativen Klasse wachsen stän­dig Keime neuer linker Initiativen. Wenn in Zukunft – und dies ist mehr als wahrscheinlich – die Unzufriedenheit mit der existierenden Situation zumindest in ein Stadium systematischer diskreter „Unterhaltungen“ übergeht (in Küchen, in sozialen Netzen, aber massenhaft), so wird eine Basis für konstruktiven Pro­test entstehen. Wenn die demokratischen Linken und die sozialen Bewegungen zu diesem Zeitpunkt genügend Organisiertheit erlangen, so wird diese Basis zu einer wirklich konstruktiven Opposition werden, die damit beginnen könnte, auf die endgültig in die Sack­gasse gegangenen Machtorgane ernsthaften Druck aus­zuüben…

Wenn dies alles nicht stattfindet, so wird vor dem Land in voller Größe die Gefahr einer rechtskonservativen Diktatur stehen.

Was die Gefahr von „Majdanen“ betrifft, die sowohl von den Machtorganen als auch von fast allen Patrioten patologisch gefürchtet wird (sowohl echte wie vermeintliche), so sollte man zumindest zwei Umstände bedenken.

Erstens. Eine Diktatur und eine stets wachsende Macht von Straforganen wenden den sozialen Protest nicht nur nicht ab; im Gegenteil, indem sie die letzten Ventile für den Unmut des Volkes schließen, schaffen sie die Grundlagen für einen wirk­lich starken sozialen Ausbruch, der einen Bürgerkrieg in sich birgt.

In diesem Zusammenhang möchte ich mir einen wichtigen Hinweis gestatten: in den meisten Fällen haben die „farbigen Revolutionen“ fast nichts am Charakter der in diesem oder jenem Land herrschenden Ordnung geändert. Überall blieb das [halb]periphere Modell des Spätkapitalismus erhalten. Ein Durchrütteln der Clans innerhalb der herrschenden korporativ-bürokratischen Nomenklatur und eine Kor­rektur in der geopolitischen Orientierung – das war eigentlich alles. Allein in der Ukra­i­­ne gab es mehr oder weniger wichtige politisch-ideologische Bewegungen in Richtung auf noch mehr Nationalismus, bis zu Elementen von Faschisierung. Zu einem wesent­lichen Ergebnis des Majdans wurde nur der Krieg im Donezbec­ken. Doch er begann, weil die Bürger dieser Region sich erhoben und versucht hatten, die Macht in ihre Hände zu nehmen. Das hat letzten Endes nicht viel gebracht, unter anderem wegen des negativen Einflusses der Machtorgane Russlands und des Kapitals Russ­lands (sowie des lokalen). Doch der Beginn des Prozesses war ein selbst orga­nisierter Ausbruch von unten. Und wenn es diesen Aufstand nicht gegeben hätte und nicht den Versuch, eine volksdemokratische Revolution (mit sozialer Rich­tung!) zu beginnen, so würde die Ukraine jetzt praktisch genau so leben wie vorher mit Janukovič…

Wahre Patrioten brauchen die Majdane also nicht zu fürchten, wenn sie die Macht der korrumpierten Janukovičs konservieren, sie müssen sich vielmehr auf den Kampf gegen die sich zersetzenden Machtorgane vorbereiten, wie dies die Bürger im Donezbecken getan haben, als sie selbst von unten, in eigener Organisation ihre Probleme zu lösen begannen – ohne auf die wertvollen Hinweise von ängstlichen und käuflichen staatlichen Funktionären gesamtnationaler und regionaler Ebene zu warten, von denen sie verraten worden waren.

Die Ukraine der letzten Jahre hat nicht nur und sogar weniger die Gefahr von Majdanen gezeigt als vielmehr die Kraft und Bedeutung des Volksaufstandes des Donezbeckens und der direkten Demokratie der Krim.

Es sei daran erinnert: die Krim kam zu uns in bedeutendem Maße durch die Ent­schlossenheit der Bürger der Halbinsel, unter den sehr komplizierten und gefährli­chen Bedingungen, auf ein Referendum einzugehen und „ja“ zu sagen zu einer Art „geo­politischer Revolution“ – einer qualitativen Veränderung des Status ihrer kleinen Heimat unter Bedingungen, wo noch keiner wusste, wie Russland reagie­ren würde und ob sie nach dem Referendum nicht eine Massen“bereinigung“ oder ein Bürger­krieg erwarten würde.

Zweitens. Das Nicht-Vollziehen herangereifter sozial-ökonomischer und politisch-ideologicher Veränderungen (ob das eine Revolution ist oder konsequente und ent­schiedene Reformen) führt fast immer nicht nur zu politischer Reaktion, son­dern auch zu einem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rückschritt, bis hin zu gesamtnationalen Katastrophen. Dafür gibt es unzählige Beispiele, ich möchte aber nur auf eins eingehen: Der Nicht-Vollzug einer sozialistischen Revolution (oder zumindest konsequenter sozialdemokratischer Reformen im Stil von Roo­se­velt) im Deutschland des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts führte für dieses Land zum Sieg der nationalsozialistischen Diktatur. Ja, zu Anfang brachte dies einen Scheinerfolg (die Wirtschaft Deutschlands entwickelte sich unter Hitler aktiv, und der Wohlstand der Kleinbürger wuchs), doch schon sehr bald verwandelte sich die­ser Erfolg in eine entsetzliche Tragödie für die Menschheit, und dann für Deutsch­land und seine Bürger selbst; und alle, die direkt oder indirekt zum Sieg des Hit­le­rismus beigetragen hatten, wurden für Jahrzehnte wenn nicht für die Ewigkeit mit nie zu löschender Schande bedeckt.

Wollen wir, dass unsere Heimat ein solches Schicksal ereilt?















1 W.I. Lenin, Werke, Bd. 33, S. 213.

2 Siehe Rosa Luxemburg. Aktuelle Aspekte der politischen und wissenschaftlichen Tätigkeit (Zum 85.Todestag). Internationale Konferenz in Moskau am 12. Februar 2004, S.199-200, 230 u.a.,russ. Siehe W.I. Lenin,5. russische Ausgabe der Werke, Bd. 45, S. 380/381, russ.

3 W.I. Lenin, Werke, Bd. 33, S. 34.

4 Ebenda.

5 Der Text beruht auf Fragmenten aus dem Buch von A.V. Buzgalin und A.I. Kolganov „Global’nyj kapital“ [Das globale Kapital], Moskau 2015, Bd. 1, Kapitel „Soziale Revolutionen: Kontrapunkte der sozialen Befreiung, der Kultur und der Entfremdung“, S. 486 -512, russ., sowie auf dem zuerst in der Zeitschrift „Al’ternativy“ [Alternativen] veröffentlichten Artikel: Buzgalin A.V. Die Große sozialistische Oktoberrevolution: Mit dem Blick nach 90 Jahren // Al’ternativy, 2007. № 3, S. 20–44, russ.

6 Siehe: Oktjabr’ 1917: vyzovy dlja XXI veka [Der Oktober 1917: Herausforderungen für das 21. Jahrhundert] / Unter Gesamtredaktion von A. Sorokin, Moskau: LENAND 2009.

7 Ihre indirekte quantitative Widerspieglung („schwindender“ qualitativer sozialer Sprung) kann das Verhältnis von freier Zeit (die zur freien harmonischen Entwicklung des Individuums [in Assoziation] genutzt wird) und notwendiger Zeit sein, über die die Gesellschaft verfügt (dieser Gedanke ist in einer Reihe von Arbeiten von P. Kuznecov enthalten; siehe z.B. : Kuznecov, P. Po tu storonu otčuždenija [Jenseits der Entfremdung], Moskau 1990, S. 227-251).

8 Von großem Interesse ist in diesem Zusammenhang, wie sich Maksim Gor’kij, der sich den Bolschewiki gegenüber in den Jahren 1917-1918 insgesamt recht kritisch verhalten hatte, in seinen berühmten „Nicht zeitgemäßen Gedanken“ dazu geäußert hatte, dass der nicht prometheische Beginn der Revolution bei den Massen soziale Kreativität ausgelöst hat.

 

9 Hier fassen wir im Wesentlichen die gut bekannten Thesen von Marx, Engels, Lenin, Gramcsi, Trotzki und weiterer Revolutionäre und Marxisten zusammen.

10 Am ausführlichsten ist diese ganze Problematik in den Arbeiten W.I. Lenins zu Fragen der sozialen Revolution entwickelt, was heutzutage gern “vergessen” wird (zum Teil vielleicht aus Allergie gegenüber allzu apolitischen Arbeiten der sowjeti­schen Vergangenheit).

11 Auf die Dialektik von “überholenden” und “zurückbleibenden” Mutationen werden wir im zweiten Teil des Textes noch zurückkommen.

12 Diese Widersprüche sind in einer Artikelreihe von L. Bulavka dargelegt. (Siehe Bulavka L.A. Kultur und Revolution: Dialektik der Genesis (Teil 1) // Al’ternativy. 2007, №3, S. 66-84; Kultur und Revolution: Dialektik der Genesis (Teil 2) // Al’ternativy. 2007, № 4. S. 28-55; Die Kreativität der Massen: Überholung der Realität (Die Leninsche Alternative) // Lenin online. 13 Professoren über W.I. Lenin / Unter der Gesamtredaktion von А. Buzgalin, L. Bulavka, P. Linke. Moskau, 2011; Die sowjetishe Kultur als das Ideale des Kommunismus // Kritischer Marxismus. Fortsetzung der Diskussion. 2. Auflage, ergänzt und korrigiert. / Unter Redaktion von А. Buzgalin, А. Kolganov. Moskau, 2002.).

 

13 G. Lukács schreibt, mit Bezug auf eine wirkliche Tragödie (von der “Antigone” von Sophokles über Shakespears “Hamlet” und weiter zu Rembrandt, Beethoven und Tolstoi), dass hier in der untrennbaren Einheit von Handlungen, die wirklich und echt mit der angeborenen Wesenheit des Menschen und dem unvermeidbaren persönlichen Scheitern eines in bestimmter Weise handelnden Menschen in Übereinstimmung stehen, eine poetisch exakte Darstellung gegeben ist. Der Verfasser stützt sich auf die russischsprachige gekürzte Übersetzung der aus dem deutschen Original von I.N. Burova und M.A.Žurinkaja übertra­genen Ausgabe von G. Lukács. “Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins. Prolegomena” unter Gesamtredaktion und mit einführendem Artikel von I.S. Narskij und M.A. Cheveshi Moskau 1991, S.272, russ.)

14 Siehe Ebenda, S. 273, russ.

15 Die Gründe hierfür (insbesondere die Notwendigkeit der Aneignung der Kultur durch das Subjekt der sozialen Kreativität) haben wir oben bereits erläutert.

16 L. Bulavka weist in ihren der vergleichenden Analyse der Renaissance und der sowjetischen Kultur gewidmeten Arbeiten zu Recht auf die Keime dieser Kultur und der sozialen Kreativität in der UdSSR in den Jahren 1920 bis Anfang der 1930er Jahre hin: “Gerade der Prozess der Herausbildung des Individuums als Subjekt ist das Wichtigste, was Renaissance und Sowjetepoche vereint. In diesen beiden Epochen wird sich das Individuum seiner als Subjekt bewusst, nur war im ersteren Fall die Kultur die Substanz dieses Subjekts und im zweiten die Geschichte… Es war kein Zufall, dass die Kunst dieser beiden unterschiedlichen Epochen… das ihnen gemeinsame heldenhafte und sogar titanische, lebensbejahende Bild des Menschen brauchte, wie es uns in künstlerischer Form einerseits nur in den Werken von Michelangelo und andererseits der Bildhauerin V. Muchina entgegengetreten war… Der Subjekt­charakter war die zentrale Idee auch in der sozialen Kreativität als eine der Seiten (neben dem Autoritarismus usw.) der sowjetischen Realität. Das Subjekt der sozialen Kreativität der zwan­ziger Jahre ging nicht von den Buchstaben der “Internationale” aus, und die innere Logik seiner schöpferisch umge­staltenden Tätigkeit selbst reproduzierte dieses Prinzip des Subjektcharakters objektiv als Grundlage seines qualitativ neuen gesellschaftlichen Seins. Darüber hinaus war gerade die umgestaltende Praxis die Hauptform, sich selbst bereits als Erbauer der neuen Welt zu betrachten.“ (Siehe Bulavka L.A. Die Renaissance und die sowjetischen Kultur // Voprosy filosofii [Fragen der Philosophie]. 2006. № 12. S. 35–50, russ. Siehe auch: Bulavka L.A. Das Phänomen der sowjetischen Kultur. Moskau, 2008, russ.).

 

17 Diese Aufgabe war allen großen Revolutionären seit W. Uljanow-Lenin bestens bekannt. Wie sie in der Praxis gelöst wurde und warum jeweils in einer bestimmen Art und Weise (mühevoll und in Widersprüchen) – diese Fragen beantwortet unserer Meinung zumindest zum Teil die vom Verfasser dargelegte Theorie des mutierten Sozialismus, worunter wir einen in histo­rischem Sinne in eine Sackgasse geratene Variante eines Gesellschaftssystems verstehen, das sich am Beginn einer weltwei­ten Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus befunden hat; das ist ein Gesellschaftssystem, das aus dem Rahmen des Kapitalismus herausgeht, das jedoch kein festes Modell bildet und als Grundlage für eine weitere Bewegung zum Kommunismus dient (ausführlicher siehe hierzu in dem Buch: Buzgalin A., Kolganov A. 10 Mythen über die UdSSR, Mos­kau, 2010, russ.; 2. Auflage Moskau, 2012, russ.).

18 Im klassischen Marxismus war der Begriff “Reich der Freiheit” mit dem Begriff “Kommunismus” identisch, was vom Verfasser voll unterstützt wird. Da jedoch der Begriff “Kommunismus” heute in der Regel mit dem Stalinsystem assoziiert wird, haben wir es vorgezogen, im Text sein Äquivalent zu benutzen, umso mehr als der Begriff “Reich der Freiheit” dem Haupt­problem dieses Textes inhaltlich näher kommt. Was “Sozialismus” anbetrifft, so haben A.I. Kolganov und ich in einer Reihe unserer aktuellen Arbeiten “Sozialismus” als Prozess der Transformation des “Reichs der Notwendigkeit” in das “Reich der Freiheit” (Kommunismus) bezeichnet.

 

19 In diesem explosionsartigen Drang der Unterschichten zur Kultur und zur Bildung liegt der Schlüssel zur Öffnung des geschlossenen Kreises des globalen kapitalistischen Systems der Epoche der “Wissensrevolution”, wo die Armen [fast] immer ungebildet sind und nicht lernen wollen (das heißt, “selbst schuld” an ihrer Armut sind), und die Reichen darum reich sind, weil sie gebildet sind und lernen wollen und weil sie auch möchten, dass ihre Kinder lernen…

20 So hat (um ein auf der Hand liegendes Beispiel zu wählen) die Zerschla­gung des faschistischen Modells des Kapitalismus und die Sicherung des Sieges der Sozialdemokratie riesige menschliche Opfer gekostet und zu einer kolossa­len Zerstörung materieller und geistiger Kultur geführt (bis hin zu konzentrierten Bombardierungen von deutschen Städten durch die englische Luftwaffe und zur Vernichtung Hunderttausender von Bürgern Hiroschimas und Nagasakis durch die amerika­nische “Demokratie”). Welche dieser Opfer notwendig waren, und welche nicht, um die Entwicklung des faschistischen Systems auf der Erde aufzuhalten, ist eine sehr komplizierte Frage. Diese Frage steht auch in anderen Fällen: Bürgerliche Revolutionen verhinderten eine weitere barbarische Unter­drückung des Menschen, der Kultur und der Produktion durch reaktionäre feu­­da­le Systeme. Die sozialistische Revolution in Russland wurde (zusammen mit den Revolutionen in Deutschland und in anderen Ländern) zu einer Bedin­gung der Beendigung des Ersten Weltkrieges und der Abwendung eines dikta­torischen Modells desselben “militärisch-feudalen Imperialismus”. Es gibt jedoch auch andere Beispiele von Pseudorevolutionen, in denen das Maß der Zerstörung das Maß des Aufbaus übertraf, wo reaktionäre soziale Systeme unter revolutionärem Banner entstanden.



 

 

21 Gemeint ist M. Bachtin. Das Schaffen von Fran­cois Rabelais und die Volkskultur des Mittelalters und der Renaissance“, Moskau 1965, 1990, russ.; deutsche Ausgabe: M. Bachtin. „Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkul­tur“. Hrsg. u. Vor­wort: R. Lachmann, Frankfurt a. M. 1987.

22 Siehe Fußnote 10.

23 Vielleicht möchte auch jemand hinzufügen, “die sie auch selbst ausgelöst haben”. Das ist eine berechtigte Fragestellung. Es ist bekannt, dass eine Revolution, die zu einem Thermidor geworden ist, oft ihre Initiatoren frisst. Auf die Analyse dieses Phänomens kommen wir noch zurück. Hier machen wir nur darauf aufmerksam, dass eine prinzipielle Erklärung schon im Zusammenhang mit der Charakteristik eines mutanten Sozialismus gegeben wurde, wo darauf hingewiesen wurde, dass unter Bedingungen ungenügender Voraussetzungen soziale Kreativität entstehen kann, dass dann aber in der Regel mutante Soziu­me hervorgebracht werden, in denen eine teilweise Zerstörung progressiven Potentials der Revo­lutionen stattfindet.

24 “Theoretisch gilt es für Marxisten als durchaus feststehend und durch die Erfahrungen aller europäischen Revo­lutionen und revolutionären Bewegungen vollauf bestätigt, dass der Kleineigentümer, der Kleinbesitzer (ein sozialer Typus, der in vielen europäischen Ländern sehr weit, ja massenhaft verbreitet ist), weil er unter dem Kapitalismus ständiger Unter­drückung und sehr oft einer unglaublich krassen und raschen Verschlechterung der Lebenshaltung und dem Ruin ausgesetzt ist, leicht in extremen Revolutionarismus verfällt, aber nicht fähig ist, Ausdauer, Organisiertheit, Disziplin und Standhaf­tigkeit an den Tag zu legen. Der durch die Schrecken des Kapitalismus ‘wild gewordene’ Kleinbürger ist eine soziale Er­scheinung, die ebenso wie der Anarchismus allen kapitalistischen Ländern eigen ist. Die Unbeständigkeit dieses Revoluti­onarismus, seine Unfruchtbarkeit, seine Eigenschaft, schnell in Unterwürfigkeit, Apathie und Phantasterei umzu­schlagen, ja sich von dieser oder jener bürgerlichen Modeströmung bis zur ‘Tollheit’ fortreißen zu lassen, — all das ist allgemein bekannt.” (W.I. Lenin. Der “linke Radikalismus”, die Kinderkrankheit im Kommunismus // Werke, Bd. 31, S. 16-17.)

25 Außerordentlich interessant sind in diesem Zusammenhang die Bemerkungen von M.I. Voejkov über die sozial-politischen Ansichten von V. Rozanov und I. Bunin (siehe Voejkov M.I. “Über Marxismus, Bolschewismus, Nationalismus und Humanis­mus (Randbemerkungen an gelesenen Büchern) // Al’ternativy. 2001. № 2. S. 227–230, russ.).

26 Im Rahmen der postsowjetischen Schule des kritischen Marxismus äußert sich M.I. Voejkov hinsichtlich der Kritik an der Theorie der Oktoberrevolution als einer sozialistischen Revolution am konsequentesten. Siehe z.B. Voejkov M.I.: 13 Thesen über den Klassenkampf in Russland // Al’ternativy [Alternativen]. 2006. № 2. S. 94–113, russ.; ders. Die Mittelschichten in der Sozialstruktur des heutigen Russlands // Al’ternativy. 2000. № 2. S. 3–15, russ.

27 Slavin B. Wer bestimmt heute den Verlauf der Geschichte? // Al’ternativy. 2000. № 2. S. 16–34, russ.; ders. Nochmals über den Charakter des Soziums // Al’ternativy. 2000. № 4. S. 98–129; russ.; ders. Warum war die Sowjetgesellschaft keine bürgerliche Gesellschaft // Al’ternativy. 2002. № 4. S. 2–34; russ.; ders. Sozialismus und Russland // Al’ternativy. 2004. № 4. S. 2–23, russ.

28 Bulavka L. А. Der Kommunismus kehrt zurück. Majakovskij // Al’ternativy. 2006. № 2. S. 13–61, russ.

29 Oben habe ich mich bemüht, kurz aufzuzeigen, dass dies in jedem Falle eine Revolution gegen das Kapital war. Ja, sie ist letztendlich entartet, aber dies ändert nichts am eigentlichen Charakter dieser Revolution. Was die Frage betrifft, in wie weit die Oktoberrevolution in Übereinstimmung mit Buchstaben und Geist des Marxismus abgelaufen ist, so sollte man sich daran erinnern, dass Revolutionen objektive Faktoren des historischen Prozesses sind. Sie finden, wie wir Marx folgend oben bereits festgestellt haben, nicht statt, weil eine kleine Gruppe von Revolutionstheoretikern und –praktikern zu der Meinung gekommen ist, dass eine Revolution stattfinden muss. Das wäre eine Explosion des sozialen Kessels durch den überhitzten Dampf der gesellschaftlichen Widersprüche.

Eben eine solche Explosion ereignete sich 1917 in Russland, und nicht zufällig wurden die Oktoberereignisse zu deren Kulmination.

30 Die Dialektik der „überholenden“ und der „zurückbleibenden“ Mutationen ist in einem Artikel in der Zeitschrift „Voprosy ėkonomiki“ [Fragen der Ökonomik“] enthalten (siehe Buzgalin A., Kolganov A. Ökonomik: „Das periodische System der Elemente“ (Zur Frage der Strukturierung und Typologisierung der ökono­mischen Systeme // Voprosy ėkonomiki. 2001. Heft 12, S. 46-61, russ.), über­arbeitet in Bd. I des Buches „Global’nyj kapital“ [Das globale Kapital] (siehe: Buzgalin A.V., Kolganov A.I. Die Ökonomik als Entwicklung der historisch-konkreten ökonomischen Systeme: Struktur und „periodisches System“ der Elemente (zur Frage der Strukturierung und Typologisierung der ökonomischen Systeme) // Buzgalin А. V., Kolganov А. I. Das globale Kapital. In 2 Bänden. Bd. 1. Methodologie: Jenseits des Positivismus, des Postmoder­nismus und des öko­nomischen Imperialismus (Маркс re-loaded). 3. verbesserte und wesentlich ergänzte Ausgabe. Moskau: LENAND, 2015 S. 319-347, russ.).



31 Siehe das Buch Buzgalin А. Kolganov А. 10 mifov öb SSSR [10 Mythen über die UdSSR]. Moskau, 2010 [2. Auflage, Moskau, 2012] (die Kapitel: „Mythos 9. Die UdSSR als Verkörperung der sozialistischen Idee? Die soziale Kreativität der Werktätigen versus Stalinherrschaft. (Brief an junge Stalinisten“), „Mythos 10. Über die Zerstörer der UdSSR. Die Gründe für den Zerfall der UdSSR: Die Stalinherrschaft und der mutante Sozialismus (Version 1), „Warum ist der stalinsche Sozialismus zu Grunde gegangen? (Version 2). Zur Einschätzung des sozial-ökonomischen Charakters der Gesellschaft sowjetischen Typs“.)

2

3228 Der Terminus „peripheres Imperium“ wird zum Beispiel in den Büchern von B.Ju. Kagarlickij verwendet. Siehe Kagarlckij B.Ju. Ot imperii k imperializmu [Vom Imperium zum Impe­rialismus]. Der Staat und die Entstehung der bürgerli­chen Zivilisation. 2., überarbeitete Ausgabe. Moskau, Lenand, 2015. (1. Ausga­be, Moskau, GU VŠĖ 2010; Kagarlickij B.Ju.: Periferijnaja imperija [Das periphere Imperium] Russland und das Weltsystem. 3., überarbeitete und ergänzte Ausgabe, Moskau, Librokom 2012 (4. Ausgabe, Moskau, Lenand, 2016).



33 Wir möchten dem Leser die berühmte sehr bildhafte Äußerung des Kolumnisten von The New York Times Thomas Fried­man ins Gedächtnis rufen, dass die un­sicht­­bare Hand niemals ohne unsichtbare Faust tätig werden kann: d.h. dass McDonald’s nicht ohne den Flugzeugbauer von F-15 McDonall Douglas prosperieren kann. Und die unsichtbare Faust, die in der Welt die Sicherheit für die Technologien des Silikontals gewährlei­stet, heißt US-Armee: Luftstreit­kräf­te, See­streitkräfte und Marine. (Siehe Friedman Th. A Manifesto for the Fast World // New York Times. March 28, 1999. Online-Version: URL:http://www.nytimes.com/1999/03/28/magazine/a-manifesto-for-the-fast-world.html. Der Artikel beruht auf dem Buch von Th. Friedman «The Lexus and the Olive Tree: Understanding Globalization».

34 Eine Kritik des Großmachtprojekts für Russland und eine Begründung der Möglichkeit für eine neue, sozial-kulturelle „Expansion“ unseres Landes enthält der Artikel: Buzgalin А., Kolganov А. „’Serye prichodjat v sumerkach“ [Die „Grauen“ kommen in der Dämmerung] // Al’ternativy. 2006. № 1. S. 4–47, russ.

35 In der Zeitschrift „Al’ternativy“ wurde diese These auch mehrfach vertreten. Siehe Zlobin N.S. „Kommunizm kak kul’tura“ [Der Kommunismus als Kultur] // Al’ternativy. 1995. № 1. S. 2–27, russ; Меžuev V. М. „Socializm kak prostranstvo kul’tury“ [Sozialismus als Raum der Kultur] // Alternativy. 1999. № 2. S. 2–37, russ.. Die These vom Kommunismus als Welt gemeinsa­mer Kreativität entwickelte der Verfasser u.a. in den Büchern „Buduščee kommunizma“ [Die Zukunft des Kommunismus] (Moskau, 1995) und „Po tu storonu carstva neobchodimosti“ [Jenseits des Reiches der Notwendigkeit] (Moskau, 1998).

36 Siehe Chazanov V.E. Die Grundlagen des sozialen Optimismus. Die Welten des Ivan Efremov und die Wege der Menschheit in die Zukunft. Moskau, Komkniga, 2006; Kolganov A. Ein seltenes Genre; Utopie // Alternativy. 2005. № 2. S. 199–205, russ.

37 Die Polemik mit V. Mežuev zu den unten genannten Fragen findet sich in den Arbeiten von B.F. Slavin. Siehe Mežuev V., Slavin B.Dialoge über Sozialismus. Moskau 2001; Slavin B. Flucht vor der Realität, oder Die neue Theorie des Sozialismus des Vadim Mežuev // Al’ternativy. 1999. № 4. S. 79–108, russ.

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38 Eine kurze Zusammenfassung dieser Arbeit und eine Übersicht über eine Reihe von Arbeiten zu Problemen der Wirtschaft der Zukunft enthält der Artikel: Buzgalin A., Kolganov А. Der Sozialismus nach dem „Sozialismus“: Antworten auf die Her­aus­forde­rungen der Neoökonomik. // Al’ternativy. 2006. № 4. S. 4–37, russ. Siehe auch: Buzgalin A.V. Die Renaissance des Sozialismus, Moskau, 2003.

39 Wir erinnern daran, dass die im Marxismus übliche Periodisierung der Entwicklung der Menschheit nach dem Kriterium von Herrschaft/Aufhebung der materiellen Produktion und der Verhältnisse der Entfremdung es gestatten, zwei große Epo­chen her­vor­zuheben: (1.) das „Reich der Notwendigkeit“, das eine „ökonomische Gesellschaftsformation“ bildet, die Epoche der „Vorge­schichte“, und (2.) das „Reich der Freiheit“, das „jenseits der eigentlichen materiellen Produktion“ liegt, im Raum der Zeit der „Geschichte“. Friedrich Engels hat die Besonderheiten des „Sprungs der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit“ so charakterisiert: „Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenpro­duk­tion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herr­schaft und Kontrolle der Menschen, die nun zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte oktroyiert gegenüber­stand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.“ Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring), Marx/Engels Werke, Bd. 20, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 264.

40 Der Beitrag W.I. Lenins zu diesem Problem ist u.a. in dem Buch von N.S. Zlobin „Kul’tura i obščestvennyj progress“ [Kultur und gesellschaftlicher Fortschritt] (Moskau, 1979) dargestellt.

41 Der russischsprachige Begriff “razotčuždenie” ist von L.A. Bulavka in den wissenschaftlichen Umlauf eingebracht worden. (Siehe Bulavka L. А. Sovetskaja kul’tura kak ideal’noe kommunizma [Die sowjetische Kultur als das Idesale des Kommunismus] // Kritičeskij marksizm [Kritischer Marxismus] Moskau, 2000).

 

 

42 Die These von der vorrangigen Entwicklung wissensintensiver Produktion wurde in Arbeiten von S.D. Bodrunov aufgestellt und ausargumentiert: (Siehe Bodrunov S.D. Grjaduščee. Novoe industrial’noe obščestvo. Peregruzka [Die Zukunft. Die neue Industriegesellschaft. Umladen] Moskau. Kul’turnaja revoljucija, 2016; Ders. Über einige Fragen der Evolution der wirtschaftlich-sozialen Ordnung der Indusriegesellschaft der neuen Generation. // Ėkonomičeskoe vozroždenie Rossii. [Wirt­schaftliche Renaissance Russlands] 2016. № 3). Im Dialog mit D.B. Džabborov hat der Verfasser dieses Textes eine etwas andere Formulierung vorgeschlagen: vorrangige Entwicklung kreativ-intensiver Produktion (siehe Džabborov D.B. Auf Wissen beruhende Reindustrialisierung und Wirtschaft: das Potential bei der Lösung von Problemen der gesellschaftlichen Entwicklung // Ėkonomičeskoe vozroždenie Rossii. 2015. № 1).

 

43 Kolganov А.IBuzgalin А.V. Reindustrialisierung als Nostalgie? Polemische Bemerkungen über Zielakzente einer alternativen sozial-ökonomischen Strategie // Sociologičeskie issledovanija. 2014. № 3.



44 Es sei daran erinnert, dass bereits während der Revolution von 1905 begonnen wurde, Sowjets zu gründen. Über den Charakter und die Rolle der Sowjets hat u.a. M.P. Rubinčik-Aleksandrova in den letzten Jahren zahlreiche interessante Arbeiten verfasst.

45 Siehe Buzgalin A.V. Traurig schaue ich auf die linke Bewegung // Al’ternativy. 2015. № 3.