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ВЕРШИНА ВЕЛИКОЙ РЕВОЛЮЦИИ

Deutsch

Übersetzung aus dem Russischen Dr.sc. phil. Ruth Stoljarowa 7/2017

Boris Slavin

VORWORT

Über den Inhalt dieses Buches

 

Lieber Leser, das Buch, das Sie in der Hand halten, ist dem 100. Jahrestag der Großen sozialistischen Oktoberrevolution gewidmet. Es wurde von bekannten Gesellschaftswissenschaftlern unserer Zeit geschrieben: Historikern, Philo­sophen, Ökonomen und Politikern, die in der Regel die Ansichten des heutigen kritischen Marxismus vertreten. Das heißt, sie stehen mit ihren Beiträgen nicht nur zu verschiedenen Vertretern der gegenwärtigen bürgerlichen Wissenschaft in Opposition, sondern auch zu den Anhängern des so genannten dogmatischen Marxismus, der lange Zeit in der sowjetischen Gesellschaft geherrscht hat. Dieses Buch enthält auch Artikel und Fragmente aus Arbeiten herausragenden Vorkämpfer der Oktoberrevolution, von bekannten Zeitge­nossen der Revolution und von Denkern der postrevolutionären Sowjetzeit.

Wer zu diesem Buch greift, kann sich darin mit der Revolutionstheorie und den politischen Ansichten der Vorgänger der Revolution in Russland und des Sozialismus bekannt machen, z.B. Herzens und Černyševskijs. Man wird auch auf das Schaffen der bedeutenden Begründer des wissenschaftlichen Sozialis­mus Marx und Engels treffen, u.a. auf ihre Anschauungen und Meinungen zu einem so unikalen historischen Phänomen wie die „russische Dorfgemeinde“. So erhält man zum Beispiel auch eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob Letztere eine historische Chance gehabt hätte, zu einer Gesell­schaft des realen Sozialis­mus zu gelangen.

Die Verfasser, die in vielem die Leninsche Auffassung von einem sozialisti­schen Charakter der Oktoberrevolution teilen, haben zugleich der Klärung ihrer ideengeschichtlichen Voraussetzungen und den Besonderheiten der sozialen Triebkräfte die notwendige Aufmerksamkeit gewidmet. In dieser Beziehung waren sie bemüht, die komplizierte Dialektik des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Februarrevolution in die sozialistische Oktober­revolution zu begründen und aufzuzeigen, die zum Höhepunkt der Revolution in Russland bzw. zur Apotheose einer Großen Revolution Russlands wurde und praktisch die drei sozialen Revolutionen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahr­hunderts in sich vereinte. Die Verfasser des Buches fühlten sich zugleich verpflichtet, die Leser mit den Ansichten so hervorragender Denker und Politiker über diese Revolution wie Plechanov, Lenin, Trotzki, Luxemburg, Martov, Gramcsi u.a. bekannt zu machen.

 

Die Artikel und Materialien des Buches bringen nicht nur das widersprüchliche Bild der revolutionären Ereignisse selbst zum Ausdruck, sondern auch der postrevolutionären Jahrzehnte der sowjetischen Geschichte. Wir waren bemüht, die charakteristischen Extreme von deren aktuellen Auslegungen zu über­winden, die von Verfechtern liberaler, konservativer und stalinistischer Ansichten vertreten werden und die, obgleich sie formell Antipoden bilden, sich dennoch darin einig sind, dass Sozialismus und Stalinismus ihrem Wesen nach dasselbe seien. Nur Liberale lehnen einen derartigen „Sozialismus“ ab, während er von den Orthodoxen gepriesen wird.

 

Aus diesem Grunde legten die Verfasser ganz besonderes Augenmerk darauf zu zeigen, welchen Kampf Lenin für eine wissenschaftliche Auffassung von der Herausbildung eines demokratischen Sozialismusmodells geführt hat und zugleich Kritik in Stalins Richtung am Bürokratismus übte, der zum Entstehen und zur Entwicklung einer Diktatur der Bürokratie in der UdSSR geführt hat. In diesem Zusammenhang sind die in dem Buch enthaltene Texte von Führern der linken und rechten Opposition, z.B. aus Arbeiten kaum noch bekannter, jedoch markanter politischer Vertreter des Bolschewis­mus wie Martem’jan Rjutin und Fёdor Raskol’nikov zu betrachten.

Zugleich sind die Verfasser des Buches davon überzeugt, dass der Stalinsche Totalitarismus, so sehr dies auch im Interesse einiger Historiker und Ideologen liegen mag, nicht die gesamte komplizierte und widerspruchsvolle sowjetische Geschichte überdecken oder gar ersetzen kann. Er ist nur ein Teil dieser Ge­schichte und noch dazu ein solcher, der von den die Idee des Sozialismus unterstützenden sowjetischen Menschen stets bekämpft wurde, wo immer sie sich befanden: in Freiheit oder im Gulag, in oder außerhalb des Landes. Und in den Taten dieser Menschen hat die Geschichte natürlich den moralischen Sieg über den Stalinismus errungen.

Das bürokratische Modell war als Antipode des Sozialismus gezwun­gen zu privatisieren, um sich in der sowjetischen Wirklichkeit zu verfestigen, und daher musste es bisweilen die ihm direkt widersprechenden leninschen Ideen und jene Errungenschaften der Oktoberrevolution verteidigen, die praktisch die ersten lebendigen Keime des Sozialismus und Kommunismus darstellten. Diese „Keime“ bildeten sich im Verlauf des Bürgerkrieges heraus, sie zeigten sich als Wirt­schafts­form; sie traten in der breite Massen erfassenden sozialen und kulturellen Kreativität der 1920-er Jahre zu Tage; sie entwickelten sich aus den kommu­ni­stischen Subbotniks und in den Aufbauleistungen des Kommunisti­schen Jugend­verbandes in den 1930-er, 1950-er und 1960‑er Jahren; sie wurden in dem siegreichen Krieg gegen den Faschismus Wirklichkeit sowie in den Beschlüssen des 20. Parteitags, der dem Stalinismus den ersten Schlag versetzte. Ein anschauliches Bild von ihrem Vorhandensein vermittelten die Politik des „Tauwetters“, die Tätigkeit der „Repräsentanten der sechziger Jahre“ und die sowjetische kosmische Epoche. Selbst in den widerspruchs­vollen Erscheinungen der Zeit der Stagnation sind sie zu finden wie auch in den unverständlichen und bis heute noch nicht voll eingeschatzten demokra­tischen Umgestaltungen der Perestroika, die oft mit der „Zeit nach der Pere­stroika“, mit der so genannten „Schocktherapie“ gleichgesetzt wird, die zu einer absoluten Verarmung der meisten sowjetischen Bürger geführt hatte.

Die sowjetische Geschichte ist nicht nur das Ergebnis eines zugespitzten politischen Kampfes der unterschiedlichen sozialen Kräfte, die die Revolution hinterlassen hatte. Sie beinhaltet das gewaltige Feld der nach der Revolution entstan­denen unikalen sowjetischen Kultur, das die hervorragenden Errungen­schaften des sowjetischen Volkes, seine Siege und Tragödien widerspiegelt. Die Verfasser des Buches waren bemüht zu zeigen, dass die sowjetische Kultur in ihren besten Zeugnissen die Größe jenes sozialen Projekts erschließt, dessen Ausgangpunkt die Oktoberrevolution war, durch die Millionen einfacher Menschen zum ersten Mal zu Freiheit und sozialer Kreativität in den Kampf geführt wurden.

Die sowjetische Kultur ist zu einem Teil der Weltkultur geworden, weil sie diese bisher nie dagewesenen neuen Erscheinungen und Prozesse der postrevo­lutio­nären Epoche tiefgehend und prägnant zum Ausdruck gebracht hat. Mit vollem Recht hat einer der Verfasser dieses Buches, die Kulturphilosophin Ljudmila Bulavka-Buzgalina, festgestellt, dass diese Kultur „in idealer Weise“ jene prinzipiell neue Gesellschaft widerspiegelt, die durch den Kampf und die Arbeit der sowjetischen Menschen entstanden ist. Damit haben sie eine wahre historische Großtat vollbracht. Diese Menschen aber werden von den heutigen Pseudoliberalen aus bestimmten ideologischen Gründen abschätzend als „Sovki“ [etwa: Homo Sovetikus] bezeichnet. Es ist doch aber Tatsache, dass ohne diese „Sovki“ niemals ein solches Poem wie „Die Zwölf“ von A. Blok oder die vielen Werke von M. Gorki, die Gedichte von V. Majakovskij und A. Esenin oder der „Stille Don“ von M. Šolochov entstanden wären, dass es ohne sie nie die Werke von I. Babel’ und A. Platonov und auch keinen „Panzerkreu­zer Potёmkin“ von S. Ejzenštejn gegeben hätte, auch nicht die Lieder der Kriegsjahre, keinen „Tёrkin“ von A. Tvardovskij, nicht die die eigenen Fronterfahrungen widerspiegelnde Leutnantsprosa über den Krieg, keine solchen Filme wie „Klarer Himmel“, „Neun Tage eines Jahres“, „Die Kraniche ziehen“ öder „Der Kommunist“; es wären auch keine Stücke von V. Rozov, M. Šatrov und A. Gel’man entstanden und auch nicht die Skulpturen von V. Muchina und die Bilder von B. Nemenskij, nicht die Romane des Phantastikers I. Efremov und auch nicht die philosophischen Werke von M. Lifšic und Ė. Il’enkov. Das erklärt auch, weshalb es kein Zufall ist, dass der Humanismus der sowjetischen Kultur und Literatur, deren Wahrhaftigkeit und der reiche Inhalt ihrer Ideen bis heute viele Menschen in und außerhalb Russlands in ihren Bann ziehen.

Der Schlussteil des Buches enthält Texte zur Analyse der Lehren der Sozialistischen Oktoberrevolution und zu ihrer aktuellen Bedeutung. In diesem Kapitel werden erneut Fragen von Analyse und Bedeutung dieses wahrhaft epochalen Ereignisses der Weltgeschichte aufgegriffen. Hier findet der Leser neben einem tiefschürfenden Artikel des bekannten Philosophen und Ästhe­tikers Michail Lifšic zur moralische Bedeutung der Oktoberrevolution Beiträge zur Meinung zeitgenössischer ausländischer Historiker und Philosophen über den Einfluss dieser Revolution auf die Entwicklung der heutigen Welt sowie Diskussionsartikel über das soziale Wesen der UdSSR und die Kritik jener Forscher und Ideologen, die versuchen, die Bedeutung der historischen Errungenschaften der Oktoberrevolution und der Sowjetgesellschaft auf unter­schiedliche Weise zu schmälern. Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass das Hauptthema dieses Buches in der Klärung des realen historischen Sinns und Charakters der Oktoberrevolution besteht. In diesem Zusammenhang möchten wir den Leser besonders auf ein gegenwärtig außerordentlich akutes Problem aufmerksam machen: die zunehmende Mythologisierung dieser wirklich Gro­ßen Revolution, die in wachsendem Maße in zahlreichen mündlichen Beiträgen und schriftlichen Texten ihrer ideologi­schen Gegner Raum findet.

Eine der Spielarten ist die Behauptung, die Oktoberrevolution sei in der gegen­wärtigen Epoche ein veraltetes und demnach nicht mehr aktuelles Thema. Entgegen dieser mythologischen Behauptung beweist allein schon die Vorbe­reitung der bevorstehenden 100-Jahr-Feier der Oktoberrevolution, dass die Fragen von Sinn und Bedeutung dieses bedeutenden Ereignisses in der Ge­schich­te unseres Landes und der Welt nicht nur nicht veralten, sondern immer aktueller werden. Selbst die offiziellen Machtorgane Russlands sind heute gezwungen, in der ihr eigenen Art auf dieses Ereignis zu reagieren, und sie bereiten in zentralen Museen und anderenorts in Moskau und in Russland entsprechende Ausstellungen und Runde Tische vor, an denen sie teilnehmen. Die ideologische Ausrichtung ist im Unterschied zur sowjetischen Vergangen­heit jedoch bisweilen darauf gerichtet, dieses große Ereignis ideologisch in seiner Bedeutung einzuschränken oder im öffentlichen Bewusstsein der Menschen zu diskreditieren. Umso positiver ist jene Arbeit einzuschätzen, die von den Anhängern der roten Linie anlässlich der Feierlichkeiten zu diesem Datum geleistet worden ist und gegenwärtig wie in Zukunft geleistet wird, unter ihnen auch von den Verfassern dieses Buches.

Ein charakteristisches Merkmal der Diskreditierung der Oktoberrevolution besteht darin, die wissenschaftlichen Auffassungen durch einen weiteren sehr verbreiteten Mythos zu ersetzen – das ist die in jüngster Zeit besonders oft ver­wendetete Behauptung, Russland habe immer Evolution und keine Revolution benötigt. Dieser Gedanke wird heute nicht nur von einzelnen Historikern vertre­ten, sondern auch von bekannten Politikern. Hier dazu einige Beispiele: „Wir brauchen Evolution, aber keine Revolution“ (G. Javlinskij); „das Limit an Revo­lutionen ist schon erschöpft“ (G. Zjuganov): der Zyklus des Wechsels von Revolution und Konterrevolution ist „beendet“, in Zukunft „wird es weder Revolutionen noch Konterrevolutionen geben!“ (V. Putin) usw. Ungeachtet des bekannten hohen Status der Verfasser derartiger Äußerungen halten letztere keiner objektiven wissenschaftlichen Kritik stand.

Es ist doch so, dass die Entwicklung überhaupt und die historische im Besonde­ren nicht ohne Revolutionen auskommen kann, die ja eine notwendige Bedin­gung radikaler Veränderungen in der Gesellschaft sind. Evolution enthielt und enthält in lebenden und gesellschaftlichen Systemen in sich immer revolutionäre Momente, dank derer qualitative Veränderungen biologischer und sozialer Organismen vor sich gehen. Kurz gesagt, es ist überhaupt nicht möglich, sich weder in der Biologie noch in der Gesellschaft Evolution ohne Revolution vorzustellen. Ebenso oft ist heute zu hören, die Oktoberre­volu­tion sei kein großes historisches Ereignis gewesen, sondern ein „wahres Verbrechen“ der Bol­schewiki. Dies wird beständig von Liberalen, Konservativen und militanten Nationalpatrioten behauptet, die beweisen wollen, der „Oktoberaufstand“ und die Sowjetmacht seien „ungesetzlich“ und „illegitim“ gewesen. Was kann man dazu sagen? Nur das Eine: jede große soziale Revolution ist eine Verletzung von Gesetzen der vorhergehenden Macht. Doch sie kann deswegen nicht als Verbre­chen betrachtet werden, da im Verlauf einer solchen Revolution die früheren Gesetze die wichtigste Grundlage ihrer Legitimität, die massenhafte Unter­stützung des Volkes, verlieren. Im Gegenteil, im Unterschied zu den so genann­ten „farbigen Revolu­tionen“ und den verschiedenen „Maidanen“ ist eine wirklich soziale Revo­lution stets legitim, da sie die Unter­stützung der absoluten Mehrheit der Bürger des Landes genießt. Und zu einer solchen Erscheinung war auch die Oktoberrevolution von 1917 geworden, die die von der absoluten Mehrheit des Volkes Russlands unterstützte Sowjetmacht errichtet hat. Und diese Unterstützung war nicht nur politischer Natur: später, im Bürgerkrieg, wurde die Sowjetmacht von Millionen Arbeitern und Bauern mit der Waffe in der Hand verteidigt. Das ist die Wahrheit der Geschichte, und dies kann durch keine Mythologeme und Fälschungen verändert werden.

Weite Verbreitung hat gegenwärtig der Mythos gefunden, die Oktoberrevolution sei keine Revolution gewesen, sondern ein einfacher „Umsturz“ eines Häufleins von Verschwörern, die Agenten des deutschen oder des anglo-amerikanischen Geheimdienstes gewesen wären. Dazu gehört auch die Behauptung, Lenin habe die Revolution mit deutschem Geld gemacht und Trotzki habe Anweisungen von amerikanisch-zionistischem Kapital ausgeführt. Und das wird mit Bezug auf Menschen gesagt, die zu den radikalsten Gegnern des Kapitalismus und des Nationalismus gehört haben, die Revolutionäre waren, deren Ideale von den grundlegenden Idealen der Werktätigen Russlands und der ganzen Welt geprägt waren.

Dieser Mythos wird gegenwärtig aktiv in zahlreichen Fernseh­sendungen zu historischen Fragen ins gesellschaftliche Bewusstsein gesetzt, obgleich er bereits schon lange von anerkannten Wissenschaftlern des In- und Auslandes widerlegt wurde. (Siehe die Arbeiten von G. Kennan über die Sisson-Collection, von G. Sobolev über das Geheimnis des deutschen Goldes, von V. Loginov über die Aufzeichnungen von F. Platten u.a.) Die Verfasser des vorliegenden Buches haben sich ebenfalls kritisch zu diesen Mythen geäußert und deren völlige Haltlosigkeit nachgewiesen. In diesem Zusammenhang seien auch jene Ver­fechter dieses Mythos erwähnt, die sich in der Regel Patrioten Russlands nennen, die aber nicht begreifen, dass sie mit ihren Behauptungen das russische Volk in der Geschichte wie in einem Marionettentheater darstellen, wo jeder tun kann, was er will. Was ist dann aber ihr Patriotismus wert?

Die Oktoberrevolution ist natürlich auch keine Verschwörung und kein Umsturz eines Häufleins von Linksextremisten oder von Agenten. Sie ist vielmehr eine gewaltige Volksaktion, die, spontan entstanden, im Wesent­lichen unab­hängig ist sowohl von einzelnen Führern, mögen sie auch noch so weise sein, als auch von Parteien oder Wünschen einzelner Klassen. Schon Marx sagte, dass keine einzige Revolution von einer Partei vollzogen werden kann, sondern nur vom Volk. Auch Lenin äußerte mehrfach einen ähnlichen Gedanken und stellte warnend fest: „Einer der größten und gefährlichsten Fehler von Kommunisten (wie überhaupt von Revolutionären, die erfolgreich den Anfang einer großen Revolution vollbracht haben) ist die Vorstellung, daß eine Revolution von Revolutionären allein durchgeführt werden könne.“1

Die Oktoberrevolution wäre nicht möglich gewesen, wenn sich ihrer Hauptkraft, dem Proletariat, das den aktiven, jedoch die Minderheit bildenden Teil der Gesellschaft Russlands ausmachte, nicht die zwar relativ passive, aber die Mehrheit der Bevölkerung des Landes bildende Bauernschaft angeschlossen hätte, wenn das Proletariat nicht von einem bedeutenden Teil der „Rasnotschin­zen“-Intelligenz und von hervorragenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur unterstützt worden wäre, wenn es nicht von Soldaten und Offizieren Russlands verteidigt worden wäre. Aus diesem Grunde ist all das Gerede, die Oktober­revolution sei auf irgend welche revolutonäre Extremisten, auf einzelne „Landesfremde“ oder ausländische Agenten zurückzuführen, völlig gegen­stands­los.

Man könnte argumentieren, die Oktoberrevolution sei von den Revolutionären ja selbst als „Umsturz“ bezeichnet worden, und dieser Terminus sei von W. Lenin und L. Trotzki auch selbst oft in ihren Werken benutzt worden. Ja, es gab einen politischen Umsturz. Aber bedeutet diese unbestreitbare Tatsache, dass die Oktober­revolution von 1917 keine Revolution war? Natürlich nicht. Wenn man sich nicht in sprachlichen Feinheiten verlieren will, kann man sagen, eine Revolution ist immer ein Umsturz, aber nicht immer ist ein Umsturz eine Revolution. Eine Revolution ist nicht nur ein politischer Umsturz, sondern auch ein qualitativer sozial-ökonomischer und politisch-ideologischer Sprung, der zu einem Wechsel der an der Macht stehenden Klassen führt, zu einem Wechsel der Gesellschafts­ordnung. Ein derartiger Umsturz war auch die Oktoberrevolution, die zum ersten Mal für lange Zeit die werktätigen Unterschichten der Gesell­schaft – Arbeiter, Bauern und die mit ihnen verbundene Intelligenz – an die Macht gebracht hat. Darin besteht insbesondere auch ihre Größe und ihre unver­gängliche historische Bedeutung.

Es sei nochmals hervorgehoben: eine soziale Revolution unterscheidet sich von einer politischen dadurch, dass sich in ihr, wie bereits festgestellt, ein Wechsel der Macht einer Klasse zu einer anderen vollzieht. Diese These ist außerordent­lich wich­tig. Ohne sie ist die soziale Revolution völlig unverständlich.

Nehmen Sie die Große bürgerliche französische Revolution: hier sehen wir, wie sich dieser Wechsel der Klassen dadurch vollzieht, dass die Macht der Aristo­kraten und Landbesitzer durch die Macht der Bourgeoisie ersetzt wurde. Dasselbe sehen wir bei der Oktoberrevolution, wo an die Stelle der bürgerlich-monarchistischen Macht die Macht der Arbeiter und Bauern getreten ist. Sie waren es, ihre Räte – die Sowjets – waren es, die mit Hilfe der Bolschewiki die Macht übernahmen; und diese historische Tatsache wird auch durch keine später erfolgten Deformierungen der Sowjetmacht ungeschehen.

Ohne Klassenstandpunkt kann der soziale Inhalt einer Revolution nicht verstan­den werden. Was aber die politischen Revolutionen anbetrifft, so sind damit in den meisten Fällen eben die Umstürze gemeint, und zwar im engeren Sinne des Wortes, – des Wechsels allein der politischen Eliten im Rahmen ein und der­selben politischen Klasse. Aus diesem Grunde sind schon die erwähnten „far­bigen Revolutionen“ im postsowjetischen Raum direkt politische Revolutionen, eigentlich aber sind sie nicht mehr als politische Umstürze. Natürlich geht auch in poli­tischen Revolutionen ein Wechsel politischer Eliten vor sich, doch das sind Eliten, die zu verschiedenen Klassen gehören. Jede Revolution ist ihrer Form nach eine politische, denn sie führt zu einer Veränderung der Macht; doch das Wesen dieser Revolution kann man nicht verstehen, wenn man nicht begriffen hat, in wessen sozial-klassenmäßigen Interessen sie sich vollzieht.

Die Oktoberrevolution war nicht nur wegen ihrer sozialen Folgen groß, sondern auch wegen ihrer internationalen Folgen. Denn sie hat die revolutionäre Epoche des Übergangs vieler Länder zum Sozialismus eröffnet; sie hat in der Welt zwei sozial entgegengesetzte Systeme geschaffen, die den Verlauf der historischen Entwicklung im 20. Jahrhundert bestimmten; sie hat zum Beginn des Sturzes des Kolonialsystems und zum Entstehen neuer Länder der „dritten Welt“ beigetragen.

Es gibt noch einen weiteren alten Mythos, der seiner Zeit von den Menschewiki in Umlauf gesetzt wurde und besagte, dass die Oktoberrevolution keine soziali­stische, sondern eine bürgerlich-demokratische Revolution gewesen sei. Auf den ersten Blick entsprach diese Behauptung der Wirklichkeit. Die ersten Schritte, das „Dekret über den Frieden“ und das „Dekret über den Grund und Boden“ denen der bekannte Auftrag der Bauern für die Sozialrevolutionäre zu Grunde lag, waren wirklich echte demokratische Aktionen, die nicht über den Rahmen von Forderungen einer bürgerlich-demokratischen Revolution hinaus gingen. Das stimmt. Doch dabei ist die Oktoberrevolution ja bekanntlich nicht stehen geblieben. Nachdem sie auf dem Wege zugleich demokratische Aufgaben gelöst hatte, ging sie weiter und errichtete die Sowjets als Macht der Arbeiter-, Solda­ten- und Bauerndeputierten, führte sie die Nationalisierung des Grund und Bodens durch, wandelte sie das Eigentum des Eisenbahntransportwesens sowie die größten Banken, Werke und Fabriken in Staatseigentum um und stattete die Staatliche Plankommission mit gesetzgebenden Funktionen aus usw.

Leider hat sich die These, dass dies eigentlich eine bürgerlich-demokratische und keine sozialistische Revolution war, über die Jahrzehnte bis in die Gegen­wart erhalten und immer wieder wissenschaftliche Vernreitung gefunden. Wir wol­len nicht lange hierbei verweilen, denn diese Frage wird in zahlreichen Ab­schnit­ten des vorliegenden Buches zur Genüge behandelt. Wir wollen nur auf eins der Argumente dieser Auffassungen eingehen und zwar auf die Meinung, historisch sei „Russland nicht reif“ gewesen für sozialistische Umgestaltungen. Zunächst möchten wir den Leser auf die Erläuterung dieses Arguments bei R. Luxemburg in ihrer Polemik mit K. Kautsky sowie bei Lenin in seiner Polemik mit den Menschewiki verweisen.2 Hier möchten wir jetzt aber nur auf den Zusam­­men­­hang mit einer aus einer vulgär-ökonomishen Auslegung vom Marxismus herrührenden Auffassung eingehen, die die eigentlichen Vorausset­zungen für eine sozialistische Revolution betrifft, , von der sich K. Marx seinerzeit aber selbst abgegrenzt hat.

Jene Forscher, die der Oktoberrevolution ihren sozialistischen Charakter absprechen, ignorieren meiner Meinung nach jene unwiderlegbare Tatsache, dass diese Revolution nicht nur eine, sondern zugleich zwei historische Aufgaben zu lösen hatte. Einerseits hat sie die bürgerlich-demokratische Revolution entschieden zu Ende geführt, und andererseits ist sie weiter fortgeschritten und hat originäre sozialistische Aufgaben in Angriff genommen. Anlässlich des vierten Jahres­tages der Oktoberrevolution sagte Lenin: „… um die Errungenshaften der bürgerlich-demokratischen Revolution zum festen Besitz der Völker Russlands zu machen, mußten wir weiter vormarschieren. Wir haben die Fragen der bürgerlich-demokratisschen Revolution während des Vorrückens, im Vorbeigehen als ‚Nebenprodukt’ unserer hauptsächlichen und eigentlichen, unserer proletarisch-revolutionären, sozialistischen Arbeit gelöst. Reformen, haben wir immer gesagt, sind ein Nebenprodukt des revolutionären Klassen­kampfes. Die bürgerlich-demokratischen Umgestaltungen – haben wir gesagt und haben wir durch Taten bewiesen – sind ein Nebenprodukt der proleta­rischen, das heißt der sozialistishen Revolution.“3 Lenin war der Ansicht, dass die Führer der internationalen Sozialdemokratie rs nicht vermochten, „… ein solches Wechselverhältnis zwischen der bürgerlich-demokratischen und der proleta­risch-sozialistischen Revolution zu verstehen. Die erste wächst in die zwei­te hinüber. Die zweite löst im Vorbeigehen die Fragen der ersten. Die zwei­te verankert das Werk der ersten. Der Kampf und nur der Kampf ent­scheidet, wie weit es der zweiten gelingt, über die erste hinauszuwachsen.

Die Sowjetordnung ist gerade eine der anschaulichen Bestätigungen oder Erscheinungen dieses Hinüberwachsens der einen Revolution in die andere.“4

Man hätte Lenins Aussagen über die Wechselbeziehungen der beiden Revolutionstypen in Russland noch weiter fortsetzen können, doch für jeden, der darüber nachdenkt, wird aus den zitierten Stellen klar, worum es geht. Abschließend möchte ich noch etwas ausführlicher darauf eingehen, wie dieses Buch entstanden ist und warum gerade die darin enthaltenen historischen Haupt­themen ausgewählt wurden.

Die Idee für dieses Buch entstand drei Jahre vor dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. Die Initiative ging von einigen gleichgesinnten Wissen­schaftlern aus: von dem bekannten Ökonomen Prof. Dr. oec. habil. Soltan Safarbievič Dzarasov, der kürzlich von uns gegangenen ist, und dessen Sohn Dr. phil. habil. Ruslan Soltanovič Dzarasov, von dem Arzt und Mitglied der RAdW Andrej Ivanovič Vorob’ёv, von der Tochter eines Arbeiters und engem Kampf­gefährten Lenins, der Historikerin Dr. phil. habil. Zora Leonidovna Serebrja­kova und schließlich vom Verfasser dieser Zeilen.

Die Initiatoren dieser Publikation haben sich mehrfach getroffen und Konzep­tion und Plan des Buches beraten. Alle waren sich einig, dass das Buch undog­matisch sein sollte und dass ihm keine veralteten stalinistischen oft auf falschen historischen Tatsachen und Erscheinungen beruhende Traditionen zugrunde liegen sollten. Es sollte vielmehr ein kreatives Buch werden, d.h. eine streng wissenschaftliche Alternative sowohl zur stalinistischen Version der Oktobe­r­revolution als auch zur sowjetischen Geschichtsdarstellung und zu den gegenwärtig herrschenden unterschiedlichen liberalen und konservativen Ausle­gungen der Großen Revolution, die ihren ursprünglichen originären Volkscha­rakter entstellen. Aus diesem Grunde waren die Verfasser bemüht, möglichst viele neue und kaum bekannte Tatsachen wie auch prinzipielle theoretische Verall­gemeinerungen einzubeziehen. Ausgehend von diesen Grundgedanken wurde schließlich ein Autorenkollektiv für dieses Buch gebildet. Dennoch bedeutet die ideelle Gemeinsamkeit der Verfasser nicht, dass ihre wissenschaft­lichen Anschauungen in allem übereinstimmen. Zwischen uns gibt es nicht wenige Unterschiede, die bei konkreten Problemen der Geschichte der Revolution und der Sowjetgesell­schaft nicht selten zu Polemik führen.

Bereits zu Beginn der Arbeit an dieser Jubiläumsausgabe hatten sich die Initia­toren an den Chefredakteur der Zeitschrift „Alternativen“ Aleksandr Vladimiro­vič Buzgalin gewandt und ihn um Hilfe bei der Ausarbeitung und Publikation dieses Buches ersucht. Dieser Bitte hat A.V. Buzgalin nicht nur allseitig ent­sprochen, sondern er hat sich auch durch aktive Mitarbeit als Herausgeber selbst in die Publikation eingebracht.

Die beiden Redakteure wurden von weiteren Wissenschaftlern unterstützt, die im Redaktionskollegium mitwirkten, wo besonders Gulnara Šajdullovna Aitova als verantwortlicher Sekretär eine umfangreiche Arbeit leistete.

Das Buch besteht neben einem Vorwort und einer Einführung, die der Theorie der kommunistischen Revolution gewidmet ist, aus fünf umfangreichen Abschnitten über die historischen Voraussetzungen und die wichtigsten revolutionären Ereignisse des Jahres 1917. Es enthält ferner eine Analyse und einen Überblick über die Haupttendenzen der sowjetischen Geschichte, deren bedeutende sozial-politische Errungenschaften wie deren nicht weniger große Fehler.

Neben Artikeln von Einzelverfassern enthält das Buch den Text des Steno­gramms eines von A.V. Buzgalin durchgeführten wissenschaftlichen „Runden Tischs“ zum Thema „Die Große sozialistische Oktoberrevolution: Vorausset­zungen, Natur, Ergebnisse“.

Ganz besonders sei auf jene Abschnitte hingewiesen, die jeweils unter der Über­schrift Vorkämpfer der Revolution haben das Wort veröffentlicht wurden. Hier wurden Gedanken aus bedeutenden Arbeiten bekannter Revolutionäre der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgedruckt. Diese Texte tragen dazu bei, dass der heutige Leser die ideelle und politische Atmosphäre jener unwiderholbaren historischen und revolutionären Zeit nicht nur besser erfassen, sondern auch fühlen kann.

 

Das Schlusskapitel des Buches behandelt, wie bereits erwähnt, die ideelle, politische und moralische Bedeutung der Oktoberrevolution, ihren revolutio­nären Einfluss auf das Leben der Werktätigen unseres Landes und der gesamten heutigen Welt. Die Verfasser des Buches sind überzeugt, dass das reiche Erbe dieses wirklich epochalen historischen Ereignisses die Werktätigen noch lange in ihrem Kampf für die vollständige sozial-ökonomi­sche und politische Befreiung von der Macht des oligarchischen Kapitals beflügeln wird, das die Menschheit noch immer mit sozialen und nationalen Konflikten sowie Kriegen und Zerstörungen überzieht.

Seitens der Redaktion wurde dem Buch eine aus zwei Dokumenten bestehende Anlage beigefügt: eine Erklärung der Redaktion der Zeitschrift „Alternati­ven“, die dem 100. Jahres­tag der Oktober­revolution gewidmet ist, sowie ein hier erstmals öffentlich zur Diskussion gestellter Entwurf eines Manifests der linken Kräfte des heutigen Russlands „Zeit der Alternativen“.

Das Autorenkollektiv hofft, dass die in dem Buch vorgelegten Arbeitsergebnisse bei den Kollegen der wissenschaftlichen Gemeinde auf Resonanz trifft und dass die großen revolutionären Ereignisse und die zur Diskussion gestellten Probleme der Geschichte unseres Landes und der Weltgeschichte von den Vertretern der linken Strömungen und Organisationen sowie einem breiten Leserkreis mit Interesse aufgenommen werden.

 

Boris Slavin

 

1 W.I. Lenin, Werke, Bd. 33, S. 213.

2 Siehe Rosa Luxemburg. Aktuelle Aspekte der politischen und wissenschaftlichen Tätigkeit (Zum 85.Todestag). Internationale Konferenz in Moskau am 12. Februar 2004, S.199-200, 230 u.a.,russ. Siehe W.I. Lenin,5. russische Ausgabe der Werke, Bd. 45, S. 380/381, russ.

3 W.I. Lenin, Werke, Bd. 33, S. 34.

4 Ebenda.